VINYL/SACD RICHARD WAGNER: Der Ring des Nibelungen (Georg Solti) – Teil 4 „GÖTTERDÄMMERUNG“ 180g Vinyl / halfspeed – Verfahren; DECCA
Ring-Resounding abgeschlossen – Neuer 24BIT/192KHZ STEREO-Transfer

Wagnerfans können jubeln. Ende Juni 2023 konnte das große Projekt der klangtechnisch optimierten Überarbeitung des legendären DECCA Solti Rings mit der Publikation der „Götterdämmerung“ abgeschlossen werden. Wer über kein entsprechendes Equipment (mehr) verfügt, um die beste aller Klangwelten per LP zu erkunden, dem stehen auch SACDs zur Verfügung, die auf jedem moderneren CD-Player abgespielt werden können.
Beim Hören der „Götterdämmerung“ und des schon Ende März 2023 erschienenen „Siegfried“ auf Vinyl wird klar, wie sehr der auf Dramatik und erzählerische Dichte der Musikdramen zählende DECCA Produzent John Culshaw und sein Cheftechniker Gordon Parry die klangliche Wahrheit vor allem instrumental ausgelotet haben. Der ganze Ring ist in dieser stupenden Klangtechnik völlig neu zu erleben.
Es ist allem voran eine glühende Hommage an den im Vergleich zu anderen Edel-Klangkörpern dunkler-weicheren Wagner-Sound der Wiener Philharmoniker geworden. Ob Streicher, Holz (spezielle gebaute Klarinetten und Oboen), das Blech mit dem softeren und im Legato steteren Wiener Hornklang, die besondere Klangstruktur (gleichmäßigeres Ausklingen) der mit Ziegenfellen bespannten Wiener Pauken, all das ist dank der Philosophie des „DECCA-Trees“ (je ein Mikrofon links, rechts und in der Mitte über dem Dirigenten plus je einem linken und rechten Auslegermikrofon) in einer luxuriösen Unmittelbarkeit und dramaturgischen Präzision zu hören wie nie zuvor und kaum je danach. Was die raumtechnische und ja kinotaugliche Plastizität der Orchesterwirkung (Siegfrieds Schmiedelieder, Szene Neidhöhle, Götterdämmerung- Siegfrieds Rheinfahrt) anlangt, so müssen wir den Wienern danken, dass sie 1826, als das Sofienbad in der Marxergasse eröffnet wurde, offensichtlich das Dampfbaden nicht so sehr schätzten. Das Bad wurde wegen schlecht laufender Auslastung 1849 zum Sofiensaal umgebaut. Wie Reissue Producer Dominic Fyfe festhält, bildete das Geheimnis der ausgezeichneten Akustik des Sofiensaals nicht nur die hohen Deckengewölbe der ursprünglichen Bäder, sondern es ergab sich dank der Abdeckung des Beckens ein Hohlraum unter dem Boden und dem Bühnenbereich, der zu dieser spezifischen Klangtiefe und natürlich glutvollen Resonanz entscheidend beitrug.

Gordon Parry wusste mit diesen räumlichen Gegebenheiten bestens zu jonglieren und richtete sich – manchmal scheint es mir mit fast kindlich drastischer Erzählfreude – seine auf drei Neumann KM56 – Richtmikrofonen basierende Aufnahmebühne ein. Bei der Kontrolle der Stimmen hat er in Bezug auf die Balance mit dem Orchester – wie wir heute noch bemerken können – bisweilen übertrieben. Dem aus der Tiefe kommenden Orchesterklang sind einige besonders mächtige Stimmen wie diejenige der Birgit Nilsson – im Siegfried und in der Götterdämmerung besonders spürbar – doch merklich in den Frequenzen beschnitten worden. Das betrifft besonders das Liebesduett Brünnhilde-Siegfried im Vorspiel zur Götterdämmerung, aber etwa weitaus weniger die Szene Brünnhilde-Waltraute mit einer unglaublich guten Christa Ludwig.
Dies generell angemerkt, bietet die Überarbeitung nur Vorzüge. „Die stark erweiterte dynamische Bandbreite und der Frequenzgang, die bei der Arbeit an Transfers mit der Auflösung 24BIT/192KHZ erreicht werde, ermöglichte z.B. die prachtvollen Obertöne der Wiener Blechbläser und Streicher, die nie zuvor so gut zu hören waren. Die Reduzierung von Bandrauschen und anderen Geräuschen profitiert von differenzierteren Hilfsprogrammen (iZotope RX-9 und CEDAR Retouch), die beide wirksamer sind und weniger eingreifen als frühere Programme.
Die zweispurigen Stereo-Masterbänder wurden so für die 2022 Edition in Gütersloh neu transferiert. Andrew Wedman, Ex-Tontechniker der Emil-Berliner-Studios, überwachte die Ausrichtung der Bänder und das Abspielen mittels Analog-zu-Digital Wandlern. Die schlechter erhaltenen, von Schichtabrieb betroffenen Bänder wurden vorher zur Wiederherstellung bei ca. 55 Grad Celsius „gebacken“.
Das Booklet enthält weiteres Wissenswertes über das HD-Remastering von Decca Classics Label Director & Executive Producer Dominic Fyfe und eine Einführung zur Oper von John Culshaw. Das Libretto gibt es in deutscher und englischer Sprache, dazu Fotos und Faksimiles von Soltis und Culshaws Partituren.
Über die Besetzung zu schwärmen, hieße Eulen nach Athen tragen. Birgit Nilsson, Wolfgang Windgassen, Gottlob Frick, Gustav Neidlinger, Dietrich Fischer-Dieskau, Christa Ludwig, Lucia Popp, Gwyneth Jones, Helen Watts, Grace Hoffman und Claire Watson stehen für eine Kultur des Wagner-Gesangs, die zurecht als legendär bezeichnet werden darf und der heute grosso modo (goldene Ausnahmen wie Andreas Schager oder Lise Davidsen bestätigen eher die Regel) nur noch nachgeträumt werden kann.
Aufgenommen wurde in den Sofiensälen Wien vom 20–27 Mai, 1–2 Juni, 27–31 Oktober, 3–5, 17–20 und 22–24 November 1964.
Für Wagner- und Hi-Fi Begeisterte gleichermaßen unverzichtbar.
Dr. Ingobert Waltenberger

