VINYL: RICHARD WAGNER: DIE WALKÜRE – Herbert von Karajan, 180g Vinyl, limitierte Deluxe-Edition auf 5 LPs; Deutsche Grammophon – The Original Source
Zum ersten Mal in höchster audiophiler analoger Klangqualität vom originalen 2-Spur Stereomasterband als Quelle

„Karajan geht es vor allem um Wagners Polyphonie. Er hat schon in Wien mit Erfolg die Ansicht widerlegt, dass Wagners Musik pastos und bombastisch daherkommen müsse, um sich zu erfüllen. Seine erneute Beschäftigung mit der Ring-Musik zeigt ihn auf dem gleichen Weg, den er heute noch konsequenter, noch zielstrebiger geht: Er legt das kunstvolle Klanggeflecht der „Walküre“ mit souveräner Behutsamkeit frei, durchleuchtet es gleichsam von innen her und macht vor allem das eminente formale Grundkonzept deutlich, ohne jedoch auch nur ein einziges Mal im Formalen zu verharren.“ Da sagte der deutsche Musikkritiker und -schriftsteller Walter Panofsky bei der Veröffentlichung in den 60-er Jahren und ist zudem im neuen 50 Seiten starken Booklet zu lesen. Er hat Recht damit.
Viel ist über die kammermusikalische Dimension, die Transparenz von Karajans Wagner Ring-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern für die Deutsche Grammophon diskutiert worden. Das ist nur die eine Seite. Denn Karajan verstand es wie kein Zweiter, vor allem in der „Walküre“, einige der schönsten, wenngleich nicht alle davon dramatischsten, Stimmen der damaligen Zeit und Orchester zu einem höheren Ganzen zu verschmelzen, die Dramatik dennoch sehnig kraftvoll sich Bahn entwickeln bzw. aufploppen zu lassen.
Karajan zeigt in dieser „Walküre“ aus den Jahren 1966/67, was für ein begnadeter Sängerbegleiter er war. Er nimmt etwa ungemein auf die engelsgleiche lyrische Stimme von Gundula Janowitz Rücksicht und erlaubt ihr, die eigentlich außer ihres Fachs liegende Rolle der Sieglinde wunderbar fraulich und gefühlvoll zu gestalten. Desgleichen trägt er Regine Crespjn als Brünnhilde quasi auf Händen, die die Figur der tapferen, in Liebe moralisch agierenden Frau mit einer natürlichen Eleganz und seelennoblen Attitüde versieht wie nur wenige Interpretinnen vor oder nach ihr.
Jon Vickers war soundso der virilste und heldischste Siegmund seiner Generation. Eine intensive Jahrhundertstimme in einer Jahrhundertaufführung. Nicht minder mächtig grummelte der finnische Bass Martti Talvela seinen Grant als geahnt gehörnter Ehemann und brandgefährlich todbringender Hunding. Mir gefällt der US-Bassbariton Thomas Stewart als ein innerlich gespaltener Wotan in den besten Jahren besonders gut. Wenn ein Interpret des Göttervaters wie der Opa der Brünnhilde wirkt, verliert die ganze bittersüße Abschiedsszene Wotans von seinem hehrsten Kind von ihrer Faszination und zu Herzen gehendem Schmerz.
Ein universales Ereignis bildeten die Berliner Philharmoniker, deren exklusiver bis ins fragilste Pianissimo noch immer saftiger Streicherklang, wenn man die Platten hört, kaum je brillanter auf Band gebannt worden ist als es in dieser „Walküre“ der Fall war.
Einen gehörigen Verdienst an diesem audiophilen Glanz dieser in jeder Hinsicht luxuriösen LP-Edition haben die beiden inzwischen legendären Techniker Rainer Maillard und Sidney Claire Meyer von den Emil Berliner Studios. Seit sie 2023 aus Anlass des 125. Jubiläums der Deutschen Grammophon mit der Original Source Serie gestartet haben, um die Quadrophonie Aufnahmen der 70-er Jahre direkt von den ursprünglichen Multitrack Masters und nicht von den geglätteten und in ihren Frequenzen nivellierten Kopien zu bearbeiten, haben schon etliche Publikationen die Klassikwelt aufgescheucht. Besonders diejenigen, denen die Klangqualität neben der künstlerischen Wertigkeit nicht gleichgültig ist.
In diesem Fall hieß es aber, zum ersten Mal ein 2-Spur-Stereomasterband zu nutzen. Als die Aufnahmen herauskamen, wurden nur die deutschen Pressungen aus Hannover vom Zweispur-Master geschnitten. Alle anderen Länder verwendeten Kopien. Jetzt ist die Karajan „Walküre“ rechtzeitig zum 150. Ring-Jubiläum dank modernster Technik in optimaler analoger Pressung erhältlich und das Ergebnis ist schlichtweg atemberaubend. Verzerrungen, Kompressionen und räumliche Grenzen gehören der Vergangenheit an.
Begleitend zur limitierten und nummerierten Pressung erfreut die Edition mit Faksimiledokumenten der Aufnahmeleitung, Fotos und dem Textbuch.
Fazit: Die beste und kostengünstigere Alternative zum Besuch der aktuellen oberflächlichen KI-Versuche des Rings in Bayreuth. Für mich die bisher mitreißendste Publikation der gesamten Reihe seit 2023.
Dr. Ingobert Waltenberger

