VINYL NIKOLAI KAPUSTIN: MARC-ANDRÉ HAMELIN mit Werken für Klavier solo; hyperion
Der sowjetische Jazzklassiker in einer technisch superben Interpretation

Lassen Sie uns über Musikformate sprechen. Es ist gar nicht so einfach, sich in der neuen Vielfalt – komprimierte und unkomprimierte, analoge und digitale – zurechtzufinden: Streaming allerorts, CDs in allen Varianten, Blu-ray Audio bei Formaten wie PCM, WAV, AIFF, DSSD, FLAC, ALAQ, MQA, MP3, AAC, OGG,….und natürlich last, but not least Vinyl. Und die Labels entscheiden sich mal für das eine mal für das andere, oder erschließen für ihre Aufnahmen in neuen Formaten neue Publikumsschichten.
Kommen wir zu Kapustin und dem im Juni 2002 in der Londoner Henry Wood Hall aufgenommenen Album des als technischer Überflieger gerühmten Pianisten Marc-André Hamelin mit Kapustins „Variationen“ op. 41 (1984); den „Konzert-Etüden“ op. 40 Nr. 1-8 (1984), der „Suite im alten Stil“ op. 28 (1977) und den „Etüden in unterschiedlichen Intervallen op. 68 Nr. 1-5 (1992). Dieses Album gab es bislang „nur“ als CD, ab sofort nicht zufälligerweise auch im Format Vinyl.
Der am Plattenmarkt extrem präsente kanadische Virtuose Marc-André Hamelin, er gilt laut New York Times als einer, der nahezu übermenschliche technische Skills mitbringt, widmet dieses Album exklusiv Kompositionen von Nikolai Kapustin. Dieses sowjetische Genie schrieb Klaviermusik im aufregendsten amerikanischen Jazzsound. Wer es nicht besser wüsste, würde zuerst an eine freie Improvisation denken. Nichts da. Kapustin hatte alles bis zur letzten Vierundsechszehntelnote feinst säuberlich notiert und Hamelin gibt genau das wieder. Nicht mehr und nicht weniger.
Erstaunlich. Der Pianist und Musikschriftsteller Jed Distler setzt dem Ratespiel noch eins drauf, indem er beschreibt was zu hören ist: „Einfallsreiche, schillernde Läufe in der rechten Hand gegen geschäftige, ruhelose Ostinatos und Akkordsprünge in der rechten Hand“, einer, „der den Fallen des Freejazz entgeht und stattdessen auf die breiten, springenden Akkorde und den Stride-Piano Stil eines Erroll Garners zurückgreift“, bzw. auf die „Ticklers aus dem Harlem der 1920-er Jahre, ein pianistisches Wunderkind der Liebe zwischen Dick Hyman und Roger Kellaway“, verweist?
Sie wissen es ja bereits. Könnte all das sein, ist es aber nicht. Nikolai Kapustin, 1937 in der Ukraine geboren, erhielt eine klassische pianistische Ausbildung am Moskauer Konservatorium. Da entdeckte er für sich den Jazz, gründete ein Quintett und war gleichzeitig Mitglied von Juri Saulskis Bigband in Moskau. In den 60-er Jahren unternahm Kapustin mit Oleg Lundströms Jazzorchester, einer Bigband, für die der Pianist auch komponierte, über zehn Jahre lang einige Tourneen durch die Sowjetunion. Im Frühjahr 1972 trat Kapustin dem Orchester von Boris Karamyschev bei. Welch Wunder, dass Kapustin 1980 mit seinen klassikinduzierten Jazzkompositionen in den Sowjetischen Komponistenverband aufgenommen wurde. Zuvor wirkte er schon beim Staatlichen Russischen Film-Orchester mit.
Das, was auf dem klangtechnisch superben Album zu hören ist, reißt selbst die lahmsten Couchpotatos noch vom Sofa. Vergessen Sie alle klassischen Pianisten als „Hobby-Jazzer“ von Gulda bis Previn oder Thibaudet! Bei Hamelin geht es nämlich höllisch unterhaltsam zur Sache.
Ob aufgejazzte ‚Sacre du Printemps‘ Themen, hämmernde Sechszehntelpassagen, Swing und Bepop-Melodik, kapriziöse harmonische Wendungen und rasante Läufe in den Variationen op. 41, Hamelin spielt diese Kompositionen mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks, aber auch einem untrüglichen rhythmischen Feeling.
Das gilt ganz besonders für die Eight Concert Études op. 40. Lateinamerikanisches amalgamiert Kapustin mit Techniken, die uns von Rachmaninov und Scriabin vertraut sind. Sie können – da gehen wir mit Distler konform – mit den schwindelerregenden Errungenschaften der Gattung „von Liszt bis Ljapunov bis Godowskys anverwandelten Chopin und Earl Wilds Gershwin Transformationen“ allemal mithalten. In der „Suite in the old style“ kombiniert Kapustin Spirituals und Gospelmusik „mit dem strukturellen Werkzeug einer französischen Suite oder Partita von Bach.“
Wirbelwindiger geht es bei den „Five Éudes in different Intervals“ op. 68 zu. Die fünfte ‚Étude in octaves‘ bietet ein Lehrbeispiel der einfallsreichen Kunst Kapustins. Lassen wir noch einmal Jed Distler zu Wort kommen. Keiner hat präziser beschrieben, was die Faszination und Komplexität dieses Komponisten ausmachen. „Die Hauptelemente dieser Étude ähneln auf den ersten Blick Gottschalks Paraphrase über Volksliedthemen, der treuherzigen melodischen Liebenswürdigkeit von Moszkowskis ‚La Jongleuse‘, den gefeierten Tonwiederholungen aus Liszts Sechster Ungarischer Rhapsodie, dem Schlusssatz aus Prokofievs siebter Sonate, Miles Davies ‚So what‘ und fast allen geschwinden Erroll-Garner-Einspielungen.“
Und jetzt stellen Sie sich dazu Marc-André Hamelin vor, der genau das mit einer kaum je egalisierten pianistischen Brillanz zum Schillern und Leuchten bringt, der wie ein Hochseilakrobat ohne Netz die tollkühnsten Volten und halsbrecherischsten Figuren ohne mit der Wimper zu zucken absolviert. Da bleibt einem der Mund offen und ist wieder in die Wunderkammern kleiner Kinder zurückkatapultiert, die solches zum ersten Mal erleben.
Fazit: Ein wahrlich spektakuläres Album, sowohl von der Musik als auch der singulären Interpretation her, endlich auf Vinyl zu haben und damit höchsten audiophilen Standards entsprechend! Die Pressqualität ist ohne Fehl und Tadel. Sollte sich jemand für die Musik Kapustins näher interessieren, auch was Klavier-Orchesterwerke anlangt (z.B.: Klavierkonzerte Nr. 4, 5, Konzert für zwei Klaviere und Schlagzeug, Sinfonietta für Klavier zu vier Händen), dem seien zudem ausdrücklich alle Alben mit dem jungen deutschen Pianisten Frank Dupree (Label Capriccio) ans Herz gelegt.
Dr. Ingobert Waltenberger

