VINYL: NEUJAHRSKONZERT IN WIEN 1979 – WILLI BOSKOVSKY dirigiert die WIENER PHILHARMONIKER; DECCA
Nicht Nostalgie, sondern ein künstlerischer und klangtechnischer Mount Everest: Boskovskys letztes Neujahrskonzert endlich auf gänzlich analoger Basis zu hören!

Am 16. Jänner 2026 erschien in der Serie DECCA pure analogue erstmals ein analog aufgenommener Mitschnitt des Neujahrskonzerts 1979. Obwohl 1979 als erste digitale Platte von Decca ausgewiesen, haben Techniker eine Reihe von ¼-Zoll-Zweispur-Analog-Sicherheitsmastern sichergestellt, die fast ein halbes Jahrhundert lang unberührt in den Archiven von Universal Music lagen. Decca war damals mit der digitalen Technologie noch vorsichtig und so kam es, dass in dualer Manier analoge Geräte parallel zu den digitalen eingesetzt worden waren. Nun können wir diese analogen Aufnahmen hören. Sie sie sind – kurz gesagt – sensationell! Jedem Hi-Fi Begeisterten und Liebhaber dieser speziellen Wiener Tanzmusik treiben sie in ihrer präzisen Reinheit und Opulenz Freudentränen aus den Augen.
Exklusiv auf Vinyl in einer limitierten Deluxe-Gatefold-Edition erhältlich, wurde das Mastering wie auch bei der Deutsche Grammophon Serie Original Source dem hoch musikalischen Rainer Maillard und der Direktschnitt von den Ursprungsbändern Sidney C. Meyer anvertraut. Gebastelt wurde in den renommierten Emil Berliner Studios.
Die insgesamt 3220 handnummerierten Doppelalben wurden bei Pallas auf 180 g schwerem Virgin Vinyl gefertigt. Es wurden ausschließlich originale analoge Quellen verwendet – zweispurige Stereo- und vierspurige Quadrophonie-Bänder sowie analoge Master früher digitaler Aufnahmen. Es kamen keine zusätzlichen Geräte im Signalweg zum Einsatz, ergo fand keinerlei digitale Klangbearbeitung statt.
Die gediegenen Alben warten mit den Original-Artworks, Liner Notes, Archivfotos und Faksimiles der Original-Aufnahmesession-Notizen auf. Der Klang ist derart betörend, warm, flirrend sinnlich, in knackig verschwenderischer Klangfülle mit satten Bässen und einer luxuriösen Räumlichkeit präsent, dass es besser nicht vorstellbar ist. Aufgenommen wurde überdies der gesamte Applaus und die Worte von Boskovsky nach dem Encore der Polka „Auf der Jagd“, die Neujahrs-Glückwünsche und die Ankündigung des „Donauwalzers“ durch den Dirigenten.
Willi Boskovsky spielte ab 1932 bei den Wiener Philharmonikern, von 1939 bis 1971 als Konzertmeister sogar die erste Geige. Nach Clemens Krauss dirigierte Boskovsky 25 Jahre lang die Silvester- und Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker. Von 1955 bis 1979 bot er mit der Geige in der Hand – nur selten mit Taktstock – ein unvergleichliches Bild an Eleganz und tänzerischer Volkstümlichkeit zugleich. Ab 1959 wurden die Neujahrskonzerte via Eurovision und Intervision (wurde analog zur Eurovision am 30. Januar 1960 mit den Fernsehanstalten der Volksrepubliken Ungarn und Polen, der DDR und der ČSSR gegründet, bald erweitert um UdSSR sowie die Volksrepubliken Bulgarien, Rumänien und Mongolei) in alle Erdteile übertragen.
Diese beständige künstlerische Zusammenarbeit machte sich bezahlt. Für das Renommee des Orchesters und auch für die musikalische Qualität. Die Neujahrs-Fernsehabende mit Boskovsky werde ich nie vergessen und haben wohl nicht nur meinen musikalischen Walzer-Instinkt geprägt. Der 70-jährige Boskovsky leitete 1979 das letzte Mal die Konzerte. 1980 musste Lorin Maazel aus gesundheitlichen Gründen übernehmen. Boskovsky wurde nie wieder engagiert. Die darauf folgende Riege der internationalen Pultstars hat wohl rasch verstanden, welch lukratives Geschäft und mediales Megaereignis diese Konzerte darstellen.
Zurück zu Boskovsky: Vor allem die Walzer, angefangen von „Lorely-Rhein-Klänge“ des Johann Strauss I, op. 154, „Wein, Weib und Gesang“ sowie „Bei uns Z’Haus“ von Johann Strauss II, op. 333 bis zu „Hereinspaziert!“, op. 518 von Carl Michael Ziehrer drehen sich in flottem Tempo, rubatoedel auf natürlichste Wiener Ball-Art. Die „Sphären-Klänge“, op. 235 von Josef Strauss katapultieren das Publikum überhaupt in den siebten Wiener Walzer-Himmel. Wer, wie ich, noch aus der legendären Wiener Tanzschule Klaus Mühlsiegl vom in Böhmen geborenen Chef selbst den Linkswalzer (klarerweise mit überkreuzten Beinen), Polonaise, Polka, Tango & Co erlernt hat, möchte da am liebsten aufspringen und ein paar Dreierschritte durch die Wohnung wagen. Denn genau dieses Schweben und fließende Drehen ist es, was ein unvergleichliche Glücksgefühl auslöst. In schlafwandlerischer Schönheit und mit einem Akzente markant setzenden Schwung setzte Boskovsky Standards, die kaum je wieder egalisiert, geschweige denn übertroffen wurden. Erst Yannick Nézet-Séguin konnte wieder an eine populärere Gangart des Neujahrskonzerts anschließen und wirkte auch in der Wahl der Tempi ähnlich forsch wie Boskovsky.
Willi Boskovsky schätzte verständlicherweise besonders die Musik von Josef Strauss. So gehören dessen Polka Mazur „Die Emancipirte“, op. 282, die ländliche „Moulinet-Polka francaise, op. 57, mit dem zarten Klappern der Windmühlenflügel und vor allem die quirlige „Rudolfsheimer“ Polka schnell, op. 152 zu den musikalischen Höhepunkten des Konzerts. Letztere war zudem wohl als Hommage für den Rudolfsheimer Jubilar Boskovsky selbst gedacht. Als 1869 drei Wiener Gemeinden zusammengelegt wurden, hatte man die neue Vorstadt zu Ehren des jungen Kronprinzen und Erzherzogs Rudolf Rudolfsheim getauft. Ein Jahr später stellte Josef Strauss seine gleichnamige Polka schnell im Schwenderschen Vergnügungsetablissment vor. Auch die gemeinsam von den Brüdern Johann und Josef in Pawlowsk 1869 geschriebene „Pizzicato Polka“ habe ich nie triangel-duftiger und liebevoller gezupft gehört als hier.
Die Polka schnell „Auf der Jagd“ von Johann Strauss II nach Motiven der Operette „Cagliostro“ gestaltete Boskovsky inkl. Knall der Büchsen und Hörnerschall der Jäger so schmissig und unwiderstehlich rasant, dass es nach dem Jubel des Publikums spontan ein dacapo gab. Heute unvorstellbar. Bei den Polkas ging Boskovsky schon mal bodenständig zupackend zu Werke, so bei der „Tik Tak Polka“ schnell nach Motiven aus der Operette „Die Fledermaus“. von Johann Strauss Sohn. Und nicht zuletzt die Polka schnell „Leichtes Blut“, op. 319, von Johann Strauss II, für die Carnevalsrevue im Volksgarten 1867 geschrieben, geht direkt vom Ohr ins (Tanz)Bein. Man könnte förmlich das Holz der Wiener Vorstadt Pawlatschen knacken hören. So soll es sein.
Auch anderes konnte Boskovsky: Wann ward des Bildhauer Pygmalions Staue der Nymphe Galathee von der schönen Göttin Venus sinnenfreudiger Leben eingehaucht und wieder genommen worden als in Boskovskys opernhafter Interpretation der Ouvertüre „Die schöne Galatheee“ von Franz von Suppé.
Der unfasslich geniale Walzer „An der schönen blauen Donau“, op. 314 von Johann Strauss II, den Boskovsky dem Publikum nah und fern als „Walzer aller Walzer“ vorstellte, und der wirklich nach ausgelassener Freude klingende „Radetzky-Marsch“, op. 228, von Johann Strauss I beschlossen ein Konzert und eine Ära, die nun in lebendigster Form wieder zugänglich ist.
Fazit: Wer einen Plattenspieler hat und nachhören will, wie brillant und wunderbar charakteristisch die Wiener Philharmoniker 1979 in ihrem Stammrepertoire klangen, der sollte zugreifen, solange der Vorrat reicht. Besser und berauschender kann Musik (auf einem Tonträger) nicht klingen.
Trackliste:
Seite A
- J. Strauss I: Loreley-Rhein-Klänge, Walzer, Op. 154
- J. Strauss II: Bitte schön!, Polka française, Op. 372
- E. Strauss: Ohne Bremse, Polka schnell, Op. 238
- J. Strauss II: Wein, Weib und Gesang, Walzer, Op. 333
- Josef Strauss: Die Emancipirte, Polka-mazurka, Op. 282
Seite B
- Ziehrer: Hereinspaziert, Op. 518
- Suppé: Die schöne Galathee, Ouvertüre
- J. Strauss II: Bei uns z’Haus, Walzer, Op. 36
Seite C
- Josef Strauss: Moulinet, Polka française, Op. 57
- J. Strauss II: Tik-Tak, Polka schnell, Op. 365
- J. Strauss II & Josef Strauss: Pizzicato Polka
- Josef Strauss: Rudolfsheimer, Polka schnell, Op. 152
- Josef Strauss: Sphärenklänge, Walzer, Op. 235
Seite D
1a. J. Strauss II: Auf der Jagd, Polka, Op. 373
1b. Auf der Jagd – Zugabe
- J. Strauss II: Leichtes Blut, Polka schnell, Op. 319
- J. Strauss II: An der schönen blauen Donau, Walzer, Op. 314
- J. Strauss I: Radetzky Marsch, Op. 228
Dr. Ingobert Waltenberger

