Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

VINYL: NEUJAHRSKONZERT der WIENER PHILHARMONIKER 2026 mit YANNICK NÉZET-SÉGUIN; Sony

29.01.2026 | cd

Vinyl NEUJAHRSKONZERT der WIENER PHILHARMONIKER 2026 mit YANNICK NÉZET-SÉGUIN; Sony

Zeitenwende – das entspannteste, freudvollste und lebensfeiernd überschäumendste Neujahrskonzert ever

neze

Wenn wir von weltumarmend in der Musik sprechen, so fallen vielen wahrscheinlich sofort Beethoven und als Dirigent Leonard Bernstein, oder am besten beide ein. Nach dem Neujahrskonzert 2026 ist es für mich Yannick Nézet-Séguin, der mit seiner fast schon unverschämten Lockerheit, seiner positiven Energie, der berückenden Leichtigkeit im Schwersten, neue Maßstäbe des Miteinander von Ausführenden und Publikum in der Musik gesetzt hat.

Der kanadische Dirigent, Pianist, Musikdirektor der Metropolitan Opera in New York, des Philadelphia Orchestra und des kanadischen Orchestre Métropolitain, hat sich mit diesem bejubelten Neujahrskonzert in die Geschichtsbücher der Interpretationsgeschichte von Josef, Eduard und Johann Strauss I und II bis Ziehrer und Suppé eingeschrieben.

Überdies hat er mit der gemeinsam mit Philharmonikervorstand Daniel Froschauer getroffenen programmatischen Ausrichtung die seit einiger Zeit neu betrachtete Rezeption der Werke von Komponistinnen durch die Wahl je eines Stücks von Josephine Weinlich und der Amerikanerin Florence Price auch für dieses mediale Großevent bestätigt. Die Polka Mazurka „Sirenen Lieder“ als auch der „Rainbow Waltz“ wurden von Wolfgang Dörner für Orchester arrangiert.

Der ohne Noten ans Pult tretende Yannick Nézet-Séguin hat von der ersten Sekunde an durch seine Präsenz, den ansteckenden Humor, die völlig angstfreie, weil musikalisch so selbstverständlich atmende Herangehensweise an die vor allem wienerische Unterhaltungsmusik die Koordinaten, das Magnetfeld der Neujahrskonzerte neu justiert. Was 2017 mit dem damals 35-jährigen Venezolaner Gustavo Dudamel nicht wirklich gezündet hat, jetzt ward es zum Ereignis.

Yannick Nézet-Séguin und den diesmal besonders engagiert und mit einem Lächeln auf den Lippen aufspielenden Wiener Philharmonikern zuzusehen, war eine Offenbarung in Sachen musikalische Friedens- und Freudenbotschaft und Nähe zum Publikum. Nun ist dieses Neujahrskonzert, wie immer zeitlich rekordverdächtig, von Sony in den Formaten DVD, Blu-ray, CD und auf drei 180g Vinyl-LPs veröffentlicht worden.

Ich habe mich für das Format LP, der audiophil bestmöglichen, rein musikalischen Variante entschieden, um unbeeinflusst von allen optischen Reizen der filmisch so sympathischen, persönlich redlich engagierten und mitreißenden Performance nachhören zu können, wie sich das musikalische Ergebnis präsentiert.

Tempomäßig geht es Yannick Nézet-Séguin wie der Dirigent Clemens Krauss, der diese Institution 1941 gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern ins Leben gerufen hatte, flott und schmissig an. Nach dem Tod von Krauss 1954 übernahm Konzertmeister Willi Boskovsky für 25 Jahre als Stehgeiger in der Tradition von Johann Strauss die musikalische Leitung des Konzerts, das ab 1959 via Eurovision weltweit übertragen wurde. Von 1955 bis 1979 verkörperte Boskovsky mit seiner populären, angenehm ungezwungenen Art das Bodenständige, das Leichtfüßige unterhaltsame, das brettlhafte Rundumdrehen der Wiener Bälle mit seinen Walzern, den Polkas und Quadrillen. Dann erst wurde mit der Verpflichtung wechselnder Stardirigenten das Neujahrskonzert zu so etwas wie zu einem Hochamt der Klassik stilisiert, das dann und wann fast schon Züge einer pseudoreligiösen Zeremonie annahm.

Erst 2026 konnte Yannick Nézet-Ségzuin wieder an die Servierkunst eines Boskovsky anschließen. Und genau das dürfte dem Publikum allerorts überaus gemundet haben, nach den veröffentlichten Reaktionen, vor allem auch in den sozialen Medien, zu schließen. Auch ich gehöre zu den Begeisterten, die sich durch die gute Laune, die Rasanz der Tempi, die rhythmische Akkuratesse und die tänzerische Attitüde haben anstecken lassen.

Denn Hand aufs Herz: Die Wiener Philharmoniker sind in diesem Repertoire derart sattelfest und unübertroffen, dass es bei der Beurteilung der künstlerischen Qualität eines Konzerts eher um Nuancen denn um Weltbewegendes geht. Das Niveau ist stets auf einem irrsinnig hohen Level. Die Frage, ob man Walzer mit mehr oder weniger Rubato mit der natürlich klaren Betonung auf der Eins lieber hat, ist dann doch eher Geschmackssache denn ein Marker von künstlerischer Güte. Die Grundregel von etwa ca.60 Takten pro Minute soll ja nicht nur das Tempo wahren, sondern auch den Tanzpaaren das leicht moussierende Drehmoment erlauben. Wie wunderbar energetisch lässt Nézet-Séguin doch die „Rosen aus dem Süden“ in Dreivierteltakt wirbeln, hurtiger dahinfließen, als man es vielleicht gewohnt ist. Mehr bei aller Eleganz entfesselter Rausch denn engelhafte Seligkeit.

In dem kurzweiligen Programm sind neben ausgesprochen symphonischen Stücken (Ouvertüre zu Strauss‘ „Indigo und die vierzig Räuber“, „Donausagen“ von Carl Michael Ziehrer oder die Ouvertüre zu „Die schöne Galathée“ von Franz von Suppé auch einige Stücke mit klanglich maschinellen Exotismen/Orientalismen zu finden: Hierzu zählt der „Kopenhagener Eisenbahn-Dampf-Galopp“ des Dänen Hans Christian Lumbye oder der „Egyptische Marsch“ von Johann Strauss II und erst Recht die mit Rohrpfeife und Handtrommel indisch inspirierte „Malapou Galoppe“ von Joseph Lanner.

Ob das „Brausteufelchen“ von Eduard Strauss, die „Diplomaten Polka“ von Johann Strauss II, oder die Polka schnell „Zirkus“ von Philipp Fahrbach II, Nézet-Séguin und die Wiener Philharmoniker starteten schwungvoll und beherzt ins Neue Jahr. 

Mit dem sehnsüchtig unsere Zeit spiegelnden Walzer „Friedenspalmen“ von Josef Strauss ging es dann noch mit dem obligaten Walzer „An der schönen blauen Donau“ und einem ungewöhnlichen „Radetzky-Marsch“ ins Finale. Bei Letzterem mischte sich Yannick Nézet-Séguin unter das Publikum und war nicht nur dem Orchester aufmerksamer Taktgeber, sondern lenkte auch das Mitklatschen des Publikums, das wohl noch nie so eifrig angenommen wurde wie dieses Jahr.

Dieser Neujahrsgruß mit Hoffnung und Zuversicht, der unbezwingbaren Macht des Lächelns und der einzigartig guten Stimmung ist jetzt auf Konserve nachzuerleben. Ohne Einschränkung hält etwa die klangtechnisch brillante Vinyl Edition das, was im Konzert versprochen wurde. Beim Hören und Wiederhören bestätigt sich, dass die anfeuernde oder um Ruhe bemühte Gestik, die feine Mimik des Dirigenten die Interpretationen künstlerisch und klanglich beflügelten. Ein Konzert für die Ewigkeit, glanzvoll, allen unterhaltenden Drive wie tiefgründige Details dieser Musik stilistisch einprägsam erschöpfend. Ich werde nicht der Einzige sein, der einem Wiederengagement des Kanadiers für ein weiteres Neujahrskonzert entgegenfiebert.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken