VINYL/LP DEUTSCHE GRAMMOPHON zum 125. Geburtstag – Die Reihe The Original Source, 2. TeilNeue Dimension audiophiler Technik: Booster für analoges Hören in der klassischen Musik – Zweite Tranche mit Musik von Brahms, Debussy, Ravel und Verdi am 4.8. veröffentlicht

Anschnallen bitte! Das habe ich meinen Gästen in den letzten Tagen metaphorisch öfter geraten, bevor ich die neu von den 1/2-Zoll-4-Spur-Originalbändern geschnittene LP mit dem ersten Klavierkonzert von Johannes Brahms Op. 15 in d-Moll in der legendären und klanglich unüberbietbaren Aufnahme mit Emil Gilels, den Berliner Philharmonikern unter der titanischen musikalischen Leitung von Eugen Jochum vorgespielt habe.
Das Maestoso im 6/4-Takt beginnt hier mit einem Orgelpunkt samt Paukenwirbel, der verstärkt durch eine nachfolgende Trillerpassage an eine Apokalypse denken lässt. Der als Dirigent vollkommen unterschätzte Eugen Jochum lässt das Orchester alle elementare Wut und höllisch schwefeliges Kochen der einzigartigen Komposition auskosten, bevor ein elegisches lyrisches Innehalten wie eine traumverlorene Reminiszenz kurz beruhigt und das dramatische Wetterleuchten des Anfangs wieder rast.
Mit der neuen LP und entsprechender Lautstärke fühlt sich der Hörer wie in einer Art Raumfahrtsimulation. Das Äußere wird nach innen gekehrt, die Wahrnehmung ist so, als ob die Musik aus einem selbst spräche. Im Takt 91 setzt Emil Gilels ein. Ein Wunder an pianistischer Feinkultur, in mikroskopisch kleinen Nuancen, stets elastisch federnd, lyrisch verinnerlicht bis kraftvoll aufbegehrend, bei stuppender struktureller Klarheit und glasklarem Anschlag vollkommen in das emotionale Wogen der Musik versunken. Dabei gehen Solist und Dirigent in ihrer Interpretation eine Symbiose ein, wie das nur ganz selten zu erleben ist. Symphonischer Vulkanismus, kammermusikalische Transparenz, kurzum, ein Höhepunkt in der Geschichte der Schallplatte.
Über die ´Technische Qualität gab es unterschiedliche Meinungen, bis er kam: Rainer Maillard, Geschäftsführer, Tonmeister & Produzent der Emil Berliner Studios. Er kennt als langjähriger Tonmeister der Deutschen Grammophon das beeindruckende Archiv der multitrack analogen Masters, er weiß, was im Bereich der Jazzmusik schon längst analoger höchstwertiger Standard ist, beherrscht das cutting und mixen wie kein Zweiter und dachte, dass aus den alten Tapes viel mehr an Sound herauszuholen wäre, als dies bei üblichen Remasterings der Fall ist. Das halbrunde Jubiläum der Deutschen Grammophon gab nun Anlass, auch im Bereich der klassischen Musik an die analogen Welten des Jazz anzuschließen, ergo dem analogen Musikgenuss im Bereich der Klassik einen ordentlichen Schub zu verpassen. Und die Übung ist gelungen. Das Ergebnis befriedigt höchste audiophile Ansprüche.
Seit 55 Jahren beschäftigte ich mich als aktiver Vokalist oder im Publikum mit Musik, aber diese Original Source LPs ermöglichen rare elementare Erfahrungen in einem räumlich wie mehrdimensional wirkenden Musikerlebnis. Neben der Präzision im Klang, der vollkommenen Abwesenheit von Rauschen, Verzerrungen und Kompressionen, dem richtigen Pitch (=Tonhöhe) ist es dieses Mehr an Energie und Direktheit, die Natürlichkeit der Stimmen und Instrumente (mit einem Mehr an Frequenzen), das rhythmisch akkuratere Anspringen, die Brillanz des Tons, ein Rausch an gelüfteter Räumlichkeit, was den eklatanten Unterschied zu früheren Veröffentlichungen derselben Aufnahmen ausmacht.
Wir erinnern uns und fassen zusammen: Im Juni 2023 brachte die Deutsche Grammophon The Original Source auf den Markt, eine neue Reihe mit technisch überarbeiteten Einspielungen, die nur auf LP wiederveröffentlicht werden. Zuerst erschienen Werke von Beethoven, Mahler, Schubert und Strawinsky.
Die zweite Tranche vom 4. August 2023 enthält drei Alben: die Klavierkonzerte Nr. 1 und 2 von Johannes Brahms (Emil Gilels, Berliner Philharmoniker, Eugen Jochum); Claude Debussys Trois Nocturnes sowie Maurice Ravels Daphnis et Chloé und Pavane pour une infante défunte (Boston Symphony Orchestra/Claudio Abbado) und schließlich Giuseppe Verdis Requiem (Berliner Philharmoniker/Herbert von Karajan).
Für The Original Source nutzen die in Berlin ansässigen Emil Berliner Studios 4-Spur-Aufnahmen aus den 1970er-Jahren, um mit einer rein analogen Technik – sie wurden direkt von den 1/2-Zoll-4-Spur-Originalbändern geschnitten statt von den Abmischungen auf 1/4-Zoll-Stereo-Bändern – Überspielungen von unglaublicher Klangqualität zu erstellen. Die auf 180g-Vinyl gefertigten Schallplatten erscheinen als Gatefold-Deluxe-Editionen mit Fotos und Dokumentationen zur jeweiligen Aufnahme.

Alles geht ursprünglich auf die am Markt nie Fuß gefasst habende Quadrophonie zurück. Das Format war ein 4-Spur analoges Band mit Kanälen für links, rechts, vorne und hinten. Nach Abschluss der Aufnahmen wurden die 4-Spur-Bänder geschnitten, wobei die besten Takes mit Schere und Klebeband zu einem Original zusammengefügt wurden. Für die Endverbraucher gab es damals keine Geräte zum Abspielen. Die Deutsche Grammophon produzierte also vorerst für die Schublade, bis die Aufnahmen auf Basis von Stereo-Abmischung der 4-Spur-Originale pragmatisch als Stereo-LP veröffentlicht wurden.
Bei der jetzigen Bearbeitung sind laut Maillard zwei technische Aspekte wesentlich: Zum einen ist das 4-Spur-Band doppelt so breit, wie das übliche 2-Spur-Band. Daher wurde eine 4-Spur-Bandmaschine herangezogen, die in der Lage ist, auch das sogenannte „Preview“-Signal wiederzugeben. Nur so ist es der Schneidanlage möglich, eine optimale Rille zu schneiden. Die Bandmaschine wurde zu diesem Zweck umgebaut. Zum anderen mussten die vorderen und hinteren Kanäle in Echtzeit auf Stereo zusammengemischt werden. Speziell für dieses Projekt entwickelten die Emil Berliner Studios ein passives Mischpult, welches, ohne dem Signal zusätzliches Rauschen hinzuzufügen, höchstmögliche Audioqualität liefert.
The Original Source bedeutet laut Verlag: keine Verwendung von Bandkopien, keine unnötigen Geräte im Signalweg und keinen Einsatz digitaler Klangbearbeitung.
Für alle, die wissen wollen, wie es weitergeht: Am 29. September folgen die nächsten Alben mit Beethovens Klaviersonaten Nr. 25, 26 & 27 (Emil Gilels), Berlioz Symphonie fantastique (Boston Symphony Orchestra unter Seiji Ozawa), Mozart Klavierkonzerte Nr. 25 & 27 (Friedrich Gulda, Wiener Philharmoniker unter Claudio Abbado (2 LPs) sowie Smetana: Ma vlást (Boston Symphony Orchestra unter Rafael Kubelík (2 LPs).
Zugreifen!
Dr. Ingobert Waltenberger

