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VINYL JONATHAN TETELMAN „The Great Puccini“ Deutsche Grammophon

Arien und Szenen aus La Bohème, Manon Lescaut, Turandot, Tosca, La Rondine, Madama Butterfly, La fanciulla del West, Il Tabarro und Le Villi

09.10.2023 | cd

VINYL JONATHAN TETELMAN „The Great Puccini“ – Arien und Szenen aus La Bohème, Manon Lescaut, Turandot, Tosca, La Rondine, Madama Butterfly, La fanciulla del West, Il Tabarro und Le Villi; Deutsche Grammophon

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Der 100. Todestag von Giacomo Puccini am 29. November 2024 wirft seine Schatten voraus. Vielerorts gibt es Neuinszenierungen von Opern wie „Il Trittico“, „Turandot“; „La Rondine“ & Co, wie am Premierenreigen dieser Tage von Wien über Dresden nach Berlin und Zürich zu beobachten war. Man will nicht nur künstlerisch mit mehr oder weniger spektakulären Neudeutungen einiger der repertoiretauglichsten Werke der Operngeschichte für das Jubiläumsjahr bestens gerüstet sein. Am besten, man hat alles im Köcher. Abgesehen davon versprechen Aufführungen der meisten Puccini-Opern aufgrund ihrer melodischen Originalität und der ganz großen Emotionen auch kommerzielle Erfolge ersten Rangs.

Da will natürlich auch die Plattenindustrie nicht dahinter zurückstehen, die ihre neuen Zugpferde eben mit diesem Repertoire einem breiteren Publikum vorstellen und dabei auch noch mit passablen Verkaufszahlen rechnen kann. Hat Freddie de Tommaso in seinem Ende 2022 bei DECCA erschienenen Album „Il Tenore“ neben Arien und Duette aus Giacomo Puccinis Opern „Tosca“, „Turandot“ und „Madama Butterfly“ noch Ausschnitte aus Georges Bizets „Carmen“ ins Programm genommen, so setzt die Deutsche Grammophon beim neuen Solo-Album des Tenors Jonathan Tetelman ganz auf den Jubilar Puccini. Reine Tenor-Puccini-Alben sind rar. Zuletzt hat Jonas Kaufmann 2015 mit „Nessun Dorma, the Puccini Album“ bei Sony ganz auf den großen Maestro des italienischen Verismo gesetzt.

Jonathan Tetelmans Hommage an Puccini ist ein weiteres leidenschaftliches Plädoyer auf Tonträgern für diesen nicht zuletzt wegen seiner Tenor-Hits wie ‚Nessun dorma‘ äußerst populären Komponisten geworden. Dieser chilenisch amerikanische Tenore spinto hat etliche Vorzüge aufzuweisen, die ihn zu einem gefragten Interpreten besonders von Verismo-Opern machen: Bühnencharisma, blendendes Aussehen, individuell viriles Timbre und eine strahlende sichere Höhe. Die schlank dimensionierte Naturstimme mit enormer Strahlkraft ist hell timbriert und steht ganz in den Diensten von Ausdruck und emotionaler Wahrhaftigkeit der inhaltlich oft brutalen Stücke.

Wer primär einen stilistisch ausgefeilten Vortrag hören will, wird sicher von anderen Tenorkollegen besser bedient. Das Temperamentsbündel Tetelman, mit dem schon mal die tenoralen Rosse durchgehen, ist eher der Sangeskunst eines Mario del Monaco als derjenigen von Carlo Bergonzi zuzuschreiben. Der Thrill in den gleißenden Höhen á la Franco Bonisolli, das testosterongeladene, auf spontane dramatische Dringlichkeit setzende Draufgängertum, die lange gehaltenen Spitzentöne sind aber genau das, was meiner Erfahrung nach den überwiegenden Teil des Publikums von den Plätzen katapultiert. Solche vokalen Triumphe erzeugen jene musiktheatralische Dimension, derentwegen das Publikum in die Sangestempel pilgert, um einmal abseits des coolen, kopflastigen Alltags siedende Überemotion um Liebe, Verrat, Mord und Konflikte aller Art serviert zu bekommen.

Ja, es gibt sie, die Sänger, die sich eines eleganteren Portamentos bedienen, die die Top-Noten besser in die Gesangslinie einbetten, die weniger „Kraftmeierei“ betreiben. Aber ich kenne keinen aktuellen Tenor, der ‚Torna ai felici dì‘ aus „Le Villi“ oder ‚Donna non vidi mai‘ des Cavaliere Renato Des Grieux aus „Manon Lescaut“ aufregender und glutvoller darbietet als Tetelman in diesem Puccini-Programm, ohne auf sentimentales Schluchzen angewiesen zu sein. Erwähnen möchte ich auch, dass Tetelman sich in der Phrasierung manch bebender Decrescendi merklich an der Stilistik eines Luciano Pavarotti orientiert.  

Die Kalaf-Kostproben aus „Turandot“ (‚Non piangere Liu‘, ‚Nessun dorma‘), und der Luigi aus „Il Tabarro“ – im großen Terzett ‚O Luigi! Luigi!… Dimmi, perché gli hai chiesto‘ mit der großartigen Vida Miknevičiūtė als Giorgetta und Önay Köse als volltönendem Michele begeistern mich ebenso vorbehaltlos. Generell stellen die ausgewählten Gastsängerinnen und -sänger, die Tetelman auf dieser Puccini Erkundungsreise begleiten, eine weitere Empfehlung für das Album dar. Neben den Genannten sind das die fantastische Federica Lombardi als Mimi, Marina Monzó als Musetta, Rihab Chaieb als Suzuki und Theodore Platt als Marcello.

Leider bietet die Prager Philharmonia unter der behäbigen musikalischen Leitung von Carlo Rizzi in vollem Kontrast zum funkelnden Tetelman nicht mehr als Routine. Verwaschen und wenig transparent, ohne jegliche Binnenspannung und Bögen sollte Puccini nicht klingen.

Kurz zum Cover: So haargelackt und maschenglatt wie auf dem Cover wirkt Tetelman in natura gar nicht. Da haben ihn die Fotos, die im Inneren des LP-Doppelalbums platziert sind, wesentlich besser und natürlicher „eingefangen.“

Zu Vinyl: Ich habe mich, wie immer wenn möglich, für das Format Vinyl entschieden, weil die analoge Musikwiedergabe für einen organischeren Klang sorgt und vor allem Stimmen unverfälschter und direkter abbilden. Die Pressqualität der 180g Vinyls ist hervorragend.

Wenn man in den Kalender von Jonathan Telemann schaut, wird man nicht nur „Werther“ Termine im Festspielhaus Baden-Baden finden. In Wien wird er am 7. Dezember beim Adventkonzert im Stephansdom begleitet von den Wiener Symphonikern unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot mit der Sopranistin Fatma Said als Partnerin zu hören sein.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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