VINYL JOHN WILLIAMS „THE BERLIN CONCERT“ – der Komponist dirigiert die Berliner Philharmoniker; Deutsche Grammophon
Live Mitschnitt vom Oktober 2021 aus der Berliner Philharmonie

Nach dem Konzertmitschnitt aus dem Wiener Musikverein vom Januar 2020 „Anne-Sophie Mutter & John Williams – In Vienna“ ist nun auch der Mitschnitt des Konzerts des 89-jährigen John Williams aus der Berliner Philharmonie in diversen Formaten erhältlich. Wenn es ein amerikanischer Komponist mit Faible auf und unerschöpflicher Lust an der akustisch himmelfliegenden Würze gigantischer Film-Blockbuster mit seinen opulenten Klangteppichen sowohl als Komponist als auch als Dirigent bis in die heiligsten Musentempel klassischer Musik in Wien und Berlin geschafft hat, dann ist das auf jeden Fall außergewöhnlich und der Rede wert.
Ob das auch in Berlin wirklich der „Besuch vom lieben Gott“ war, wie „Der Standard“ am 19.1.2020 schrieb, mag dahingestellt sein. Aber alle, die diese Art von Klassik light lieben, werden auch mit dieser klangtechnisch makellos polierten Aufnahme ihre Freude haben. Davon gibt es anscheinend viele Fans, in manchem deutschen Klassik-Sender läuft aus eigner Wahrnehmung eingängige und die Emotionen angenehm kitzelnde hochromantische Filmmusik den ganzen Tag rauf und runter.
Der gigantomanische Sound Hollywoods: Ob die Musik zu Star Wars (Das Imperium schlägt zurück, Eine neue Hoffnung), Harry Potter und der Stein der Weisen, Indiana Jones (Jäger des verlorenen Schatzes, Indiana Jones und der letzte Kreuzzug), Unheimliche Begegnung der dritten Art, E.T. der Außerirdische, Superman oder zum Western „In einem fernen Land“, allen begegnen wir im so typisch amerikanischen Klanggewand märchenhafter Verheißungen, des nie endenden Wirtschaftswunders, im überwiegend positiven und hoffnungsstrahlenden Dur. Es sind rhythmisch frisch akzentuierte Musiktraumfabriken, akustische Schokolade in großer Cinemascope-Breitwandüberwältigung, freilich vom Profi-Praktiker und sympathischen John Williams geschickt untersetzt mit wenigen Elementen aus der US-amerikanischen symphonischen Nationalschule (u.a. Ives, Barber, Bernstein, Carter) und deutlich mehr Anleihen aus der deutschen (Spät-)Romantik (Wagner, Strauss).
John Williams ist unglaublich populär. Kein Wunder: Er ist ein einfallsreicher Melodiker, seine gekonnt instrumentierte Musik im vollen symphonischen Auftritt ist vielen vertraut; die noch nie im Leben in einem klassischen Konzertsaal waren. Daher ist es pädagogisch gut, dass wir auf der Doppel-LP auch die Elegie für Cello und Orchester hören können, als Solist fungierte der erste Solocellist des Orchesters, Bruno Delepaire.
Um den Klang so authentisch wie möglich präsentieren zu können, haben die Berliner Philharmoniker statt der deutschen Trompeten heller klingende amerikanische Instrumente verwendet. Natürlich sind die Musiker des Orchesters in ihren Statements für das Booklet voll des Lobs über die Begegnung mit dem charismatischen und dennoch solide-geerdeten Superstar. So berichtet der Redaktionsleiter des Orchesters Tobias Möller beeindruckt vom unterschiedlichen Klang der Märsche: „Souverän heldenhaft im Superman Marsch, abenteuerlustig und augenzwinkernd im Raiders March aus Indiana Jones und brutal-entschlossen im Imperial March aus Star Wars.“
Dass die Berliner Philharmoniker in ihrer Perfektionsarbeit wahrlich die idealen Mittler sind, um den „mal dunkel glühenden, mal strahlenden, mal glitzernden“ Klangkosmos Williams einzufangen, versteht sich von selbst.
In all dem Jubel – und den besser maßvoller gesetzten Superlativen – über das Ereignis ist es aber auch so, dass eine Überdosis von in Schönheit badenden Sphärenklängen irgendwann ermüdet. Da geht es mir ein bisschen so: Ich stehe vor einer Auslage mit den köstlichsten französischen Patisserien, kann mich gar nicht genug am glänzenden und bunten Anblick erfreuen und möchte auf hungrigen Magen alles auf einmal haben. Wenn ich dann aber zwei Stück davon gegessen habe, ist es fürs Erste einmal genug. Diagnose: Übersatt. Übertragen auf die Musik von Williams: Es macht sehr wohl einen Unterschied, ob man die Musik dosiert im Film erlebt oder gebündelt 90 Minuten davon konsumiert. Daher rate ich, das musikalisch luxuriöse Album auf Raten zu hören. Was natürlich mit Vinyl besser geht als auf CD.
A propos Vinyl: Der Deutsche Grammophon kann gar nicht genug gedankt werden, dass sie viele Alben in verschiedensten Formaten anbietet. Das hat den Vorteil, das audiophile Freaks mit den erstklassig gepressten LPs wieder einmal die volle Power ihrer Anklage testen oder ein wenig angeberisch vor Publikum unter Beweis stellen können. Aber die Musik ist auch gestückelter serviert, denn nach allen 20-30 Minuten ist ein Seitenwechsel fällig, muss die Nadel geputzt werden und all das andere rituelle Brimborium im High-Fi Segment statthaben. Da kann dann in aller Ruhe die nötige Pause eingelegt werden, bevor der Appetit auf Williams akustische Appetithappen und Glückshormonbringer wiederkehrt.
Das Album ist als limitierte 2 CD-Edition, als limitiertes Set mit zwei 180g LPs, als limitierte Deluxe Edition, Download und Stream erhältlich. Die Deluxe Edition bietet zwei CDs und den Konzertfilm auf Blu-ray im Stereo, Surround 5.1 sowie Dolby Atmos-Format. Als DVD gibt es das Ganze natürlich auch.
Inhalt des Albums:
- Olympic Fanfare & Theme
- Excerpts aus Close Encounters of the third Kind;
- Far and away-Suite;
- Flying Theme aus E. T. – der Außerirdische
- Hedwig‘ Theme, Nimbus 2000 & Harry’s woundrous World aus Harry Potter und der Stein der Weisen;
- Jurassic Park-Theme; Superman March;
- Scherzo for Motorcycle & Orchestra aus Indana Jones und der letzte Kreuzzug;
- Marion’s Theme & Raiders March aus Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes;
- Elegy für Cello & Orchester;
- The Adventures of Han aus A Star Wars Story;
- Yoda’s Theme & The Imperial March aus Star Wars – Das Imperium schlägt zurück;
- Throne Room & Finale, Princess Leia’s Thema aus Star Wars – Eine neue Hoffnung;
Dr. Ingobert Waltenberger

