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VINYL: “Hommage à Diaghilev” – Ballettmusiken als Raritätenkabinett – Igor Markevitch dirigiert das Philharmonia Orchestra; Warner

31.03.2022 | cd

VINYL: “Hommage à Diaghilev” – Ballettmusiken als Raritätenkabinett – Igor Markevitch dirigiert das Philharmonia Orchestra; Warner

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Neuauflage der Box von 1954 mit Ausschnitten aus elf Ballettmusiken, von Walter Legge anlässlich des 25. Todestages von Diaghilev für EMI produziert

Igor Markevitch kannte ihn persönlich sehr gut und schrieb auch für ihn: Serge de Diaghilev. Der Dirigent nannte ihn auf die Künste bezogen als den größten ,agent provocateur de génie‘ der Geschichte. Diaghilev vermochte es, Künstler zu absoluten Höchstleistungen zu animieren. Legendär waren sie, die “Ballets Russes” von Igor Stravinsky, Maurice Ravel oder Eric Satie. Aber auch die passgenauen Choreographien von Fokine, Nijinsky und Massine oder die Bühnenbilder von Picasso, Braque, Utrillo, Cocteau oder Rouault. Diaghilev konnte seine „Teams“ zu spirituellen Höhenflügen animieren, wie dies etwa bei de Fallas “Dreispitz” der Fall war, wo Picasso als Bühnen- und Kostümbildner und Massine für die Choreographie verantwortlich waren.

Diaghilev ließ die Atmosphäre Raum greifen, in denen Kreativität hochkochte. Besonders die Komponisten konnten sich vor Aufmunterungszurufen kaum retten. Diaghilev schickte ihnen Noten, von denen er annahm, sie würden das gerade entstehende Stück inspirieren und weiterbringen. Diaghilev war gierig nach stets Neuem. Im Moment, wo etwas im Kasten war, interessierte er sich nicht mehr dafür. Auch der an eine Premiere anknüpfende Erfolg ließ ihn kalt.

Diaghilev, Kunstsammler und Ausstellungsorganisator, war ein ursprünglich aus der Provinz Novgorod stammender adelig russischer Exilierter mit all seinen Nostalgien, seiner Begeisterung, seinen exzentrischen Attitüden. Ab 1910 prägte er als Impresario der nach der Oktoberrevolution in Frankreich verbliebenen “Balletts Russes” die Pariser Ballettszene und blieb für 20 Spielzeiten der stilprägende Chef. Von Eleganz und Auftritt her wurde Diaghilev mit seinem Stock, Pelzen, Monokel, den weißen Handschuhen und Seidenschals als altmodisch wahrgenommen. In Venedig fühlte er sich am wohlsten. Er starb dort am 19. August 1929.

Igor Markevitch kam in Kiew auf die Welt. So wie Celibidache, Solti, Wand, Leinsdorf oder Leitner war er ein 1912er-Jahrgang. Die Familie Markevitch floh 1914 nach Paris, später übersiedelten sie ins schweizerische Vevey. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Igor italienischer Staatsbürger. Als Pianist war der neunjährige Markevitch Cortot-Schüler, dann akzeptierte ihn Nadia Boulanger in den Fächern Kontrapunkt und Harmonielehre als ihren Studenten. Als Dirigent war er von Hermann Scherchen und von Pierre Monteux geprägt. Markevitch war ein hochinteressanter Komponist, den Diaghilev mit der Komposition eines Klavierkonzerts und der Vertonung des Balletts “L’habit du Roi” beauftragte. 1930 wurde es von den “Ballets Russes” uraufgeführt. Mit nur 29 Jahren, nach einer schweren gesundheitlichen Krise, gab Markevitch 1941 seine Ambitionen als Komponist auf und widmete sich nun ausschließlich dem Dirigieren. Marco Polo hat Markevitch’ Orchesterwerk auf acht CDs eingespielt. Nun sind diese klanglich leider wenig befriedigenden Aufnahmen bei Naxos erhältlich.

Auf der vorliegenden Box dirigiert Igor Markevitch das in exzellenter Form befindliche Philharmonia Orchestra. Der Londoner Klangkörper wurde 1945 von Walter Legge als reines Schallplatten-Orchester gegründet. Herbert von Karajan sorgte nach dem Start für höchstes Niveau. Markevitch war ein genau so großer Genauigkeitsfanatiker. Wer die historischen Videos auf YouTube ansieht, dem werden die erstaunliche Schlagtechnik, aber auch der hypnotisch wache Blick nicht entgehen. Den Taktstock führte er mit einer unbeschreiblichen Eleganz, aber auch mit der Schärfe eines Floretts.

In Debussys ”Prélude á l’après-midi d’un faune” oder in Ravels “Daphnis et Chloé” weiß Markevitch aufbauend auf plastisch modellierte, impressionistisch magisch kolorierte Orchesterfarben fesselnde Bögen zu spannen. Thematische Entwicklungen geht er mit langem Atem an, um dann umso unvermittelter Höhepunkte zu entfesseln. Markevitch’ Temporegie ist von der zügigen Art, den musikalische Fluss am steten Köcheln zu halten, seine Spezialität. Emotionen lässt Markevich keinesfalls den Vorrang. Strukturelle Klarheit paart sich mit beinahe schon schmerzhafter Klangschönheit (habe ich überhaupt je einen vollmundigeren Flötenton gehört) und einer fulminanten Detailarbeit. Der Kontrollmensch Markevitch überlässt dabei nichts dem Zufall.

Besonders reizvoll ist “Parade” von Eric Satie. 1917 im Théâtre du Châtelet aus der Taufe gehoben, fußt das Ballett auf einer Idee von Jean Cocteau. Wir hören eine pompös witzige Satire aus Music-Hall Tänzen und deftigen Zirkusscharaden: Eines Sonntagnachmittags produzieren sich Künstler vor dem Zelt, um beim flanierenden Publikum für Eintrittskarten zu werben. Da gibt es einen chinesischen Zauberer und flammenspeiende Trickkünstler, den Tanz des kleinen amerikanischen Mädchens oder einen “Pas de deux” der Akrobaten, der den ruhelosen Gang der Raubtiere im Käfig imitiert. Das burleske Stück wird von Markevitch in all seiner überbordenden Fantasie, dem drastisch die Realität spiegelnden Schreibmaschinengeklapper, Flugzeugmotorenbrummen und Lokpfeifen in aller orchestralen Pracht kulinarisch dargeboten. Heute kann man sich nur schwer vorstellen, dass das Stück bei der Uraufführung für einen veritablen Skandal sorgte.

Aber auch “Le Spectre de la rose” von Weber-Berlioz, die Mazurka aus Chopins “Les Sylphides”, der Tanz des Müllers aus “Le Tricorne” von Manuel de Falla, drei Tänze aus “Petrouchka” von Igor Stravinsky oder die Ausschnitte aus “Schwanensee” von Tchaikovsky nutzt Markevitch geschickt dazu, orchestrale Bravour, tänzerischen Schwung und packende Rhythmen zu fulminanten Gesamtkunstwerken verschmelzen zu lassen.

Auf zwei Repertoireraritäten sei noch hingewiesen: “Le pas d’acier” von Serge Prokofiev und “Kikimora” von Anatoli Liadov. Bietet Erstere eine plakative akustische Vorführung der in der Sowjetunion hoch gehaltenen Arbeit auf den Feldern und in den Fabriken mit einem bienenstockartigen Wuseln, das in ein maschinelles Ballett der Maschinen mündet, so greift “Kikimora” auf populäre russische Tänze zurück. Kikimora ist eine symphonische Dichtung über das Treiben einer legendenumwobenen russischen Hexe, die, nachdem sie ihre weiße Hauskatze getötet hat, durch das Dach flieht und die ganze Welt mit ihren Flüchen überzieht. Die Musik dazu ist volkstümlich wie das Sujet, voller grotesker und lebendiger Details.

Das Cover der gediegenen Box “Igor Markevitch – Hommage a Diaghilev” ziert eine Illustration, die von der Bühnenbildnerin der “Ballets Russes” Gontscharowa entworfen wurde. Das 32-seitige Booklet mit Fotos, Kostümzeichnungen und Bühnenbildentwürfen enthält Beiträge von Igor Markevitch, Boris Kochno und Cyril W. Beaumont in englischer und französischer Sprache, die auch in der Ausgabe von 1954 enthalten waren.

Die Tontechnik in gloriosem Mono bietet nichts weniger als ein Wunderwerk an natürlicher Präsenz, stupender Tiefenstaffelung und brillantem Orchesterklang. Die Pressung auf 180 g schwerem Vinyl ist makellos. Die rund 70 Jahre alten Aufnahmen klingen wesentlich besser und unmittelbarer als vieles, was heute auf den Markt kommt.

Hinweise: Teile der drei LPs (Weber, Debussy, de Falla, Scarlatti-Tommasini, Ravel), die lange vergriffen waren, hat das Label Testament als Einzel-CD 1997 herausgebracht. Wer über keinen Plattenspieler verfügt, kann sich die Aufnahmen auch auf der 18 CD Erato-Icon-Serien Box “Igor Markevitch” anhören, allerdings in einer weitaus weniger audiophilen Qualität als auf den LPs. Gleichzeitig mit den drei LPs veröffentlicht Warner eine 22-CD-Box “Diaghilev: Ballets Russes” mit den Musiken der Saisonen 1909 bis 1929.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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