VINYL/CD RICHARD WAGNER: THE RING – AN ORCHESTRAL ADVENTURE – TARMO PELTOKOSKI dirigiert das Hong Kong Philharmonic Orchestra; Deutsche Grammophon
Der Mann mit dem musikalischen Röntgenblick

Die Katze ist aus dem Sack: 27 Jahre jung wird der 2000 geborene finnische Dirigent Tarmo Peltokoski sein, wenn er sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen 2027 als musikalischer Leiter einer Neuinszenierung von Wagners „Lohengrin“ in der Regie von Ilaria Lanzino gibt. In den Hauptrollen sind Michael Spyres und Elsa Dreisig avisiert.
Die Deutsche Grammophon hat vorgedacht und gerade ein Album mit Richard Wagners „The Ring – An Orchestral Adventure“ in einem Arrangement von Henk de Vlieger als LP-Doppelalbum bzw. auf CD herausgebracht. Peltokoski geht sein Ring Abenteuer – den gesamten Ring hat er bereits 2022 beim finnischen Festival Eurajoki Bel Canto geleitet – mit dem „Ring des Nibelungen“ erfahrenen Hong Kong Philharmonic Orchestra (eine Ring-Gesamteinspielung unter Jaap van Zweden ist 2018 bei Naxos erschienen) an, dem er als Chefdirigent seit Juli 2024 vorsteht.
Die Bearbeitung ist in 14 Abschnitte unterteilt: Vorspiel, Das Rheingold, Nibelheim, Walhall, Die Walküren, Feuerzauber, Waldweben, Siegfrieds Heldentat, Brünnhildes Erwachen, Siegfried und Brünnhilde, Siegfrieds Rheinfahrt, Siegfrieds Tod, Trauermusik und Brünnhildes Opfertat.
Ich finde, dass die Bearbeitung einer Auswahl der Höhepunkte des „Rings“ als bruchlose sinfonische Dichtung von adaptierten instrumentalen und durch einzelne Instrumente ersetzte vokale Linien vor allem Melomanen, für die Oper mit womöglich höchst imponierendem Gesang untrennbar verbunden ist, eine problematische Angelegenheit dargestellt.
Lorin Maazel hat den Reigen mit seinem „Ring ohne Worte“ 1988 gestartet. Die auf die Originalorchestrierung bauende Version des niederländischen Perkussionisten, Komponisten und Arrangeurs Henk de Vlieger stammt aus dem Jahr 2000 und wurde u.a. von Neeme Järvi mit dem Royal Scottish National Orchestra, Lawrence Renes mit dem Royal Swedish Orchestra oder Kristjan Järvi mit dem Baltic Sea Philharmonic eingespielt.
Nun also der Höhenflieger am Pult Tarmo Peltokoski. Er nimmt die sinfonische Dimension ernst, musiziert sachlich und mit hoher Präzision. Bei überwiegend sehr bedachtsam gewählten Tempi meidet er jeden Hauch von Klangbädern und theatralischer Opulenz.
Im Vorspiel zum „Rheingold“ setzt Peltokoski den berühmte Akkordverbreiterung des Erwachens von Wasser und Welt geradlinig ein. Gerade in den Naturszenen setzt er auf zart lyrische Emphase, Hörner und Streicher umranken sich vorsichtig. Daraus resultiert, dass die Spannung in den Hintergrund rückt. Alles ist der feinsinnigen Entwicklung der Leitmotive und Themen untergeordnet.
Im Abschnitt „Nibelheim“ kommt plötzlich Energie und Drive ins Spiel. Die perkussiv hart exekutierten Rhythmen erinnern in ihrer metallen maschinellen Unerbittlichkeit an Stravinskys “Sacre du Printemps“.
Die paradiesisch-göttliche, helle Gegenwelt „Walhall“ taucht Peltokoski in leicht verhangenes, sanftes Licht. Ohne auftrumpfenden Götterstolz, entwickelt Peltokoski behutsam und mit stets schlankem Klanggewebe, sparsamer Farbgebung und reduzierter Dynamik Motivik und Habitus der Musik. In feinsten Piano-Abschattierungen hält der den Fluss der Musik in steter Bewegung.
„Die Walküren“ (=Der Walkürenritt) wirken immer mit sauber gesetzten Akzenten, strikt gehaltenem Tempo im stürmisch exekutierten Rhythmus und einer Bläserriege, die wie beim Hong Kong Philharmonic ausgezeichnet agiert. Peltokoski legt den dramatischen Kern der Komposition frei, sehnig und muskulös geht es zur Sache.
Der „Feuerzauber“ startet mit einem ungewohnt exzessivem Paukeneinsatz. Breite Tempi bei gedrechseltem Anstieg der Dynamik und einem metaphysisch leisen Ausklingen markieren diesen Abschnitt, der u.a. bei Sir Georg Solti sicher hitziger brennt.
Präzision und eine kristallklare Durchdringung der Strukturen sorgt für minutiöse Übergänge, wie er etwa der Flöte beim Wechsel zum „Waldweben“ übertragen ist. Hier wiederum herrschen impressionistische Pastellfarben vor, der Dirigent legt die Szene als eine leise intonierte Naturbeschwörung an.
„Siegfrieds Heldentat“ mit dem signalhaft ertönenden Horn gibt Gelegenheit, die tiefen Bläser zu einer lautmalerisch brutalen Kante zu animieren. Ein wenig steuert Peltokoski hier den musikalischen Fluss wie eine Filmmusik, das imaginierte Bühnengeschehen lauthals kommentierend. Oboe und Klarinette plaudern munter darauf los.
Als Kontrast dazu schillert „Brünnhildes Erwachen“ entlang eines ewig gezogenen Legatobogens in völliger innerer Ruhe. Und wieder fallen die ungemein breit genommenen Tempi auf.
“Siegfried und Brünnhilde“ (hier hat sich in der von mir gehörten LP ein Pressfehler eingeschlichen) als instrumental intensiv ausgeleuchteter Dialog und auffällig heftigen Portamenti der Streicher nimmt Peltokoski vorwärtsdrängend und lässt der Liebenden Zusammensein zu einem jubilierenden Höhepunkt auffahren.
„Siegfrieds Rheinfahrt“ meißelt Peltokoski wirkungsvoll und setzt die Schifffahrt plastisch in Szene. Hier erlaubt sich der vielfach sachlich und intellektuell wirkende Dirigent die größten agogischen Freiheiten. Stringendo und Ritardando setzt er als Stilmittel gekonnt ein, bevor die Ankunft Siegfrieds Bedrohliches erahnen lässt. „Siegfrieds Tod“ erklingt in gewohnt archaischer Wucht. In der „Trauermusik“ stößt das Blech eröffnend wie mit Dolchen zu. In der Folge wird hörbar Wert auf eine gute Detailarbeit einzelner Instrumentengruppen gelegt.
„Brünnhildes Opfertat“ hat zwar eine packende erzählerische Dichte und Suspense, mir fehlt dabei aber atmosphärisch besonders der Gesang, der durch nichts zu substituieren ist.
Fazit: Ein analytisch überlegtes, lyrisch subtil gewirktes und in den Höhepunkten perkussiv betontes Abenteuer. Tarmo Peltokoski erweist sich als ein geschickter Klangjongleur, dem die steten lyrischen Entwicklungen und delikat gestalteten Übergänge mehr interessieren als emotionale Entäußerung und befreiende Ekstase. Mit dem präzise, aber in den Streichern wenig charakterstarken Hongkong Philharmonic Orchestra hat er einen elegant aufspielenden Klangkörper zur Verfügung, der seinen Intentionen genau folgt. Drama und Theatralik behält er den Passagen vor, wo die Partitur nichts anderes zulässt. Im Übrigen fährt er auf kammermusikalischer Spur, wobei sich ein zwingender Spannungsbogen über das Ganze nicht einstellen will.
Die parallele Gegenüberstellung von Bayreuth-Altmeister Christian Thielemann bei der „Parsifal“ Premiere 2027 mit dem jungen musikalisch unkonventionelleren, neue Wege suchenden Tarmo Peltokoski mit „Lohengrin“ verspricht auf jeden Fall interessant und aufschlussreich zu werden.
Klangtechnisch top, hält Vinyl ein weiteres Mal die Atouts bereit, die mich seit jeher faszinieren: Natürlichkeit, Räumlichkeit und unschlagbare dynamische Direktheit ermöglichen ein einzigartiges Klangerlebnis.
Dr. Ingobert Waltenberger

