VINYL/CD PETER GREGSON „QUARTETS“ ein Quartett der Quartette u.a. mit dem Carducci Streichquartett und dem Komponisten am Synthesizer; Deutsche Grammophon
Veröffentlichung: 11. November 2022

Der britische Cellist und Komponist Peter Gregson schreibt in der Hauptsache Film- und Ballettmusik. So können wir seinen kreativen Eingebungen in Roger Michells „Blackbird“ mit Susan Sarandon und Kate Winslet in den Hauptrollen und in „Die Gärtnerin von Versailles“ lauschen. Auch Fernsehserien wie Netflix‘ „Bridgerton“ und „The New Pope“, die Paolo Sorrentino für Sky Atlantic, HBO und Canal+ inszeniert hat, fallen in Gregsons ureigenstes Revier. Was den Tanz anlangt, so diente etwa sein Album „Bach Recomposed“ als klangliche Grundlage für Kristian Levers Choreographie an der Hamburger Staatsoper. Gregson arbeitet auch als Komponist musikalischer Untermalungen von Werbung und Haute Couture Laufsteg-Shows.
Sein neuestes Doppelalbum „Quartets“ ist von anderem Kaliber. Frei von Auftragszwängen und Wunschvorstellungen anderer oder drohenden Deadlines konnte der Tonsetzer hier frei seiner großen Leidenschaft frönen, Neues zu entwickeln. Also hat er damit experimentiert, das klassische Streichquartett zyklisch durch den behutsamen Einsatz elektronischer Elemente zu erweitern. Das Experiment ist gelungen und aufgegangen.
Zur Entstehung: Das ‚Quartett aus Quartetten‘ war seit 2016 geplant. Gregson verfolgt im Zyklus unter anderem die Idee von ‚natürlichen Electronics‘, er will atmende Klanglandschaften schaffen, „in der die natürliche Wärme des Streichquartetts und die kalte Welt der Elektronik nebeneinander bestehen können.“ Daher wählte er auch ein besonderes Aufnahmeverfahren, wobei den Quartettmitgliedern die Electronics über Kopfhörer zugeschaltet wurden. Das jetzt publizierte Album enthält auch die 2016 und 2017 entstandenen Quartets: One und Quartets:Two.
Was besonders auffällt, ist, dass die impressionistisch fein gezeichneten Stimmen und Linien der in der Logik von Minimal Music geschriebenen Stücke eine äußerst subtile Bauart und Struktur aufweisen. Dazu ist mehrmaliges Hören gefordert. Beim Berliner Showcase in Anwesenheit des Komponisten, wo eine kleine Auswahl der Quartette vor Freunden und Vertretern der Presse gespielt (aber suboptimal über Lautsprecher projiziert wurde), war mir die Frage nach der Substanz der Musik noch nicht ganz schlüssig beantwortbar. Beim Hören der vier Quartette hintereinander jedoch erschließen sich die wie Jahreszeiten aufeinander folgenden Metamorphosen im kreisenden Fortschreiten der vier Quartette.
Da umrunden die Violinen und die Bratsche das Cello, gehen sodann wieder eigene Wege, um am Ende wieder zu einem Miteinander zu finden. Viel ist in der Musik von Eigenwegen und Trennung, einem suchenden Fluktuieren von Gefühlen und vorsichtig sich anbahnenden Begegnungen die Rede. Rhythmisch verspielt bittet Gregson im ersten Quartett (dritter Satz Sequences) die vier Instrumente zum Tanz. Den Grundtenor der Musik würde ich aber dennoch als nachdenklich bezeichnen. Gemächlich mäandern kaleidoskopartige Variationen, keine auf die Brust klopfenden Gewissheiten finden hier ihren Platz. Die Musik ist tonal und von einer seltsam zerbrechlichen Schönheit. Melancholische Harmonien in der Art der elisabethanischen Lautenisten des 16. Jahrhunderts weichen im zweiten Quartett sich stetig stärker aufbäumenden wellenartigen Synthesizerklängen. Später begründen cantus firmusartige Bassklänge das vibrierende Fundament für die harmonisch zart geschichteten Streicherstratosphären.
Gespielt wird hervorragend: Alle beteiligten Musiker sind mit Sinn bei der Sache, bemühen sich um eine architektonisch klare und emotional dichte Umsetzung der Partitur.
Fazit: Alles in allem hat Peter Gregson mit dem Quartettzyklus auch für hardcore- Klassikbegeisterte hörenswerte absolute Musik geschrieben, die programmatisch nichts will, was nicht in ihr selbst steckt. Ein mediativer Wesenszug ist ihr eigen, Verlangsamung ihr Ziel. Der Synthesizer mischt sich sachte und dezent in das überaus feine Quartettspiel. Wer also Minimal Musik mag, wird mit diesem Album sicherlich neue Wesenszüge dieses Genres entdecken können.
https://www.youtube.com/watch?v=3RV3AxFzdpg
Dr. Ingobert Waltenberger

