VINYL/CD OPUS 109: VÍKINGUR ÓLAFSSON mit Musik von J. S. Bach, Beethoven und Schubert; Deutsche Grammophon

„Wenn Beethovens Einfluss Schuberts künstlerische Reife beförderte, war Bach der Kompass für Beethovens Reise ins Unbekannte.“ Víkingur Ólafsson
Gezeugt wurde der nordische Tastentiger nach Angaben seiner eigenen Mutter und späteren Lehrerin in Berlin, wie Víkingur Ólafsson launig in seiner Rede nach dem umjubelten Konzert im vollbesetzten Großen Saal der Berliner Philharmonie am 17.11. kundtat. Auch der Aufstieg des Pianisten von der isländischen Souterrainwohnung in die renommiertesten Konzertsäle dieser Welt mit einem Bekanntheitsgrad, der auf dem besten Wege ist, Bernstein-Ausmaße zu übertreffen, vollzog sich ebenfalls über eine Berliner Klavierwerkstatt: Den Piano Salon Christophori, von wo Universal Music den 32-Jährigen von der Stelle weg mit einem Exklusivvertrag ausstaffierte.
2017 erschien sein erstes Soloalbum mit Musik von Philip Glass. Mit dem neuesten Album „Opus 109“ – seinem zehnten – schließt Ólafsson an seinen wohl größten musikalischen und kommerziellen Erfolg seiner Karriere, nämlich an J. S. Bachs „Goldberg Variationen“ an. Ob er „Islands Glenn Gould“ ist, weiß ich nicht, aber dass der Künstler eine besonders tiefe Beziehung zu den einfachen Chorälen als auch den wildesten kontrapunktischen Fantasien von Bach hat, erschließt sich allen, die ihn live oder auf Konserve erlebt haben.
Da ist diese einfache Klarheit und meditative Ruhe, mit der Ólafsson das Präludium Nr. 9 in E-Dur, BWV 854, aus dem Wohltemperierten Klavier I spielt, hochkonzentriert, ganz in sich versunken, in sich lauschend. Man hat den Eindruck, versteckter Zeuge einer Probe zu sein, den Künstler intim, ganz Gott und dem Instrument hingegeben, improvisierend zu erleben.
Zur Entstehung des Programms, das Ólafsson, wiewohl als Höhepunkt sicherlich auch die Partita Nr. 6 in e-Moll, BWV 830 wahrgenommen werden darf, den Namen von Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 30 in E-Dur, Op. 109 trägt, ist vor allem Bachs Einfluss auf spätere Komponisten ausschlaggebend. Insoweit bildet „Opus 109“ die logische Fortsetzung und Erweiterung zu den „Goldberg Variationen“, mit denen Ólafsson ein Jahr lang durch die Welt tourte.
Für sein Album hat der Pianist in dem eigenen Text „Orbiting Around Opus 109“ ausführlich zur Genese dieser höchstpersönlichen Programmatik Stellung bezogen. Auch live nahm Ólafsson nach dem anstrengenden, 90 Minuten ohne die kleinste Pause gespielten Berliner Konzert das Mikro in die Hand und sprach mit Leidenschaft und Hingabe über das, was er über die soeben interpretierte Musik und deren innere Zusammenhänge denkt und fühlt. Er erklärt, erläutert und fügt so seinem Charisma, wie einst Lenny Bernstein, eine pädagogische Dimension seiner musikalischen Berufung hinzu.
Ursprünglich hatte Ólafsson die Idee, die Wirkung der Goldberg Variationen auf Beethovens letzte drei Klaviersonaten Opp. 109, 110 und 111 in einem eigenen Aufnahmeprojekt aufzuzeigen. Zukunftsmusiken, die auf Barockes zurückgreifen und von Ólafsson als „intim und kosmisch in ihrem Spielraum, streng polyphon und zugleich improvisatorisch“ beschrieben werden. Besonders innovativ wäre dieser Ansatz nicht gewesen, haben doch andere hervorragende Pianisten genau diesen „drei Schwestern“ Schallplatten gewidmet. Daher entschied sich Ólafsson dazu, als Gravitationszentrum des Projekts vor allem wegen des dritten Satzes Beethovens Klaviersonate Op. 109 zu wählen, nicht als bloßer „Opener“, sondern als gewichtiger „Closer“ der Sache.
Rundherum platzierte Ólafsson bestimmte Werke nicht zuletzt nach dem „Vergnügungsprinzip“ im Sinne davon, was er selbst gerne hören wollte. Da kommt nun auch Ólafssons synästhetische Gabe mit ins Spiel. Auf dem Coverfoto des Albums ist das Ergebnis eindeutig eingefangen. Ólafsson verbindet nämlich mit der Tonart E die Farbe Grün, die Dur-Variante mit einem helleren, e-Moll mit einem dunklen satten Farbton. Auf dem Naturbild mit isländisch Moos kommt dies in Form einer jägerdunklen Samtjacke zur Geltung.
Nicht nur tonartenkonform stieß Ólafsson auf Beethovens sechs Jahre vor Opus 109 geschriebene, kompakt zweisätzige Klaviersonate in e-Moll, Op. 90 (Nr. 27), die er, besonders das empfindsame Rondo, als Vorläufer der Ecksätze der großen e-Moll Sonate empfindet. Dazu gesellte sich des 22- jährigen Franz Schuberts ebenfalls zweisitzige, 1817 entstandene Klaviersonate in e-Moll, D. 566. Umflossen vom Ozean an Tonkombinationen und Harmonien ergänzte Olafsson sein Programm um J. S. Bachs gewaltige, fast 30-minütige siebensätzige Suite Partita Nr. 6 in e-Moll, BWV 830 mit ihrem abstrakt tänzerischen Elan, ihren Fugen und der abschließenden rätselhaften Gigue.
Dieses an sich sperrige Programm wird unter den Händen von Víkingur Ólafsson zu einer universellen Klangbeschwörung, einer spirituellen Séance. Dabei geht der Pianist mit sparsamem Pedaleinsatz und kristalliner Tongebung à la Glenn Gould stets von seinem Emotion und Verstand ideal assimilierenden Bachverständnis aus.
Auch Beethoven und Schubert interpretiert er in Bachs Scheinwerferlicht, das in manch martialischen Anschlag auch auf den Leipziger Meister rück zu reflektieren scheint. Was mich besonders begeistert, ist, wie Ólafsson in den Fugen nicht nur seine technische Meisterschaft zelebriert, sondern genau bemessene dynamische Effekte der Erst- und Folgestimmen zu einem Klanggemälde der Superlative wachsen lässt. Und immer wieder ist sein Legato, die Introspektion der langsamen Phrasen, die Ruhe und der Mut zu getragenen Tempi zu bestaunen, aus denen heraus Ólafsson Klänge und Akkorde wie Blitze aus dem Nichts aufpoppen lässt.
Víkingur Ólafsson ist aber nicht nur ein großer Musiker, ein intellektuell begnadeter Künstler, sondern ein phänomenaler Publikumsmagnet und Medienstar, was die Rezeption seiner Arbeit angeht. Vor genau einem Jahr gab Universal bekannt, dass Víkingur Ólafsson seine phänomenale Karriere 2024 mit bereits einer Milliarde Streams krönte und das allein seine Einspielung der Goldberg-Variationen bis dahin über 88 Millionen Streams erzielen konnte.
In der aktuellen NDR-Fernsehsendung „DAS! Rote Sofa“ (Link: https://www.ardmediathek.de/video/das-rote-sofa/starpianist-vikingur-olafsson-auf-dem-roten-sofa/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9wcm9wbGFuXzE5NjM2NzgwM19nYW56ZVNlbmR1bmc )
ist Víkingur Ólafsson sehr angenehm als „Normalo“, als uneitler Musiker mit klugem Mutterwitz und geerdeter Bodenhaftung zu erleben. Das führt der Künstler auch darauf zurück, dass er „local“ begonnen hat. Ólafsson empfindet die Jetztzeit als idealen Zeitpunkt für sogenannte „klassische Musik“, eine goldene Ära, in der so viele Menschen erreicht werden können wie nie zuvor. Vielleicht auch, weil diese Werke der Vergangenheit dank Künstlern wie Ólafsson von vielen in ihrer Komplexität als auch melodischen Kraft als durchaus heutig empfunden werden.
Ich traue Víkingur Ólafsson zu, dass er mit seinem Charisma und seiner Natürlichkeit, seiner unnachahmlichen Art, Stille im Klang zu feiern, auch dem Album Opus 109 eine Art von Popstatus verleihen wird. Sein Konzertkalender ist jedenfalls übervoll und wird Olafsson in nächster Zeit nach Prag, Budapest, Wien, Zürich, Genf, München und Nürnberg führen. Im Jänner sind Miami, Los Angeles, Atlanta, Tucson Arizona, Montreal und Toronto dran.
„Opus 109“ erscheint am 21.11. in den Versionen CD, Vinyl (bestmöglicher Klang) und Stream. In der Philharmonie hat der Pianist am 17.11. jedenfalls schon einmal beherzt dafür geworben: „Wenn Ihnen das Konzert gefallen hat, so schenken Sie das Album ‚Opus 109‘ zu Weihnachten Ihren Freunden, wenn es Ihnen nicht gefallen hat, dann schenken Sie es Ihren Feinden.“
Der Rezensent schließt sich dieser humorigen Empfehlung vorbehaltlos an.
Dr. Ingobert Waltenberger

