Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

VINYL/CD MAX RICHTER: SLEEP CIRCLE mit Max Richter (Klavier), Louisa Fuller, Natalia Bonner (Geige), Max Ruisi, Zara Hudson-Kozdoj (Cello), Nick Barr (Viola) und Grace Davidson (Sopran); Deutsche Grammophon

05.09.2025 | cd

VINYL/CD MAX RICHTER: SLEEP CIRCLE mit Max Richter (Klavier), Louisa Fuller, Natalia Bonner (Geige), Max Ruisi, Zara Hudson-Kozdoj (Cello), Nick Barr (Viola) und Grace Davidson (Sopran); Deutsche Grammophon

richtz

Entspannungsmusiken mit Meeresrauschen & Co gibt es wie Sand am Meer. Den entscheidenden Unterschied zu Max Richters 2012 entstandenem, leise wummernden Acht-Stunden-Monumentalzyklus „Sleep“ machen die atmosphärische Animation, die liebevoll ziselierten Übergänge als auch die Perfektion in der musikalischen Umsetzung Richters aus. Die Einspielung nutzt vor allem Klavier, Streicher und Stimme, bedient sich aber nur peripher eines Synthesizers.

Das Programm „Sleep“ will den Übergang vom Wachen zum Schlaf in einer Art klanglicher Meditation via hypnotische Immersion benennen. Den Start machte die künstlerische Partnerin des Komponisten Yulia Mahr, indem sie sich in Live-Konzerten aus anderen Ländern zuschaltete und so mit der Wirkung von Richters Musik experimentierte. Nun ist die Zuschreibung „Zum Einschlafen“ nicht gerade das Gelbe vom Ei, was das Hören und den Genuss von Musik anlangt. Sie trifft aber offenbar auf das explizite Bedürfnis von Millionen von Menschen, wenn man den überwältigend hohen Streaming Zahlen der Sleep Alben folgt.

Die Geschichte von „Sleep“ geht mit einer technologischen Entwicklung (4G Internet) einher, die es Nutzern erlaubt, große Datenmengen in Echtzeit abzurufen aber auch mit dem Bemühen, einen Ruheanker oder eine alternative, imaginierte Landschaft zu kreieren. Der „Informations-Superhighway“ soll, so Richter, für einen Moment im Abseits bleiben.

Was die Kompositionstechniken anlangt, so bedient sich Richter – wie die Schöpfer von Minimal Music – repetitiver, sich langsam bewegender Muster als auch einer schlichten, sanft aber stetig sich ändernden Tonalität und Harmonik. Rhythmus und Herzschlag sollen sich auf niedriger Frequenz synchronisieren.

Herunterkommen und zu ermöglichen, den oft starr gerichteten Fokus neu und geschmeidiger zu kalibrieren, nicht mehr, aber auch nicht weniger will Max Richters „Sleep.“ Während Max Richter das Klavier in den Mittelpunkt setzt, nutzen andere renommierte Slow-Motion-Beats hauptsächlich „Synths“ (z.B.: Marconi Union’s Weightless and Beyond).

In eigens inszenierten, 90 Minuten dauernden Konzerten ließ Richter das Publikum auf Betten lauschen, erhöhte aber die Frequenzen gegen Ende, um die Leute wieder ins Hier und Jetzt zu holen. Diese 90 Minuten sind nicht zufällig gewählt, sondern sollen nach Schlafforschern der durchschnittlichen Zeit zwischen unseren Träumen entsprechen.

Das neue „Sleep“-Album stützt sich auf diese 90-Minuten-Erfahrung, stellt sohin eine destillierte Version aus den ursprünglichen acht Stunden dar. Die einzelnen Abschnitte tragen Bezeichnungen wie Dream 11/Moth-Like Stars, Whose name is written on water, Patterns, Non-Eternal, Chorale oder Dream0.

Natürlich lässt sich über diese Art von (zweckgerichteter) Musik schnell und leicht die Nase rümpfen. Aber einer, der gerade wie ich von einer erfolgreichen Herzreha zurückkommt, findet: Sie wirkt. Zumindest, wenn es M. Richter macht. Diese Veröffentlichung zum zehnten Jubiläum des Projekts „Sleep-Circle“ ist wahrscheinlich das Beste, was man von dieser Art von klanglicher Neuro-Beruhigungsmedizin oder Stressabbau-Tonikum erwarten kann. Wem das alles zu „eintönig“ ist, der kann noch immer auf die altbewährten „Goldberg-Variationen“ von J. S. Bach zurückgreifen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

Diese Seite drucken