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VINYL/CD „IF Music…“ – JAKUB JÓZEF ORLINSKI singt Lieder und Arien von Henry Purcell, G. F. Händel; Erato

29.03.2026 | cd

VINYL/CD „IF Music…“ – JAKUB JÓZEF ORLINSKI singt Lieder und Arien von Henry Purcell, G. F. Händel; Erato

Der beste Countertenor seiner Generation mit einem märchenhaft schön gesungenen Album

„Michal, what if we made some music together?“ Orlinski 2016

orli

Wie schon im Album „Farewell“ barockperlend begleitet am Steinway von seinem langjährigen musikalischen Partner und Pianisten Michal Biel singt der polnische Countertenor Jakub Józef Orlinski auf seinem neuen Album „if music…“ vokale Preziosen des Orpheus britannicus Purcell und empfindsame bis virtuose Arien aus dem Opernschaffen von Georg Friedrich Händel.

In den karamellisch einschmeichelnden Countertenor von Orlinski kann sich die Hörerschaft rücklings frei fallen lassen und sicher sein, in einem blühenden Zauberland der menschlichen Stimme aufgefangen zu werden. Denn was der auch durch sein akrobatisches Geschick als Breakdancer bei einem breiten und jungen Publikum inkl. Generation Z zu Ruhm gekommene Sänger hier an balsamischem Wohllaut, emotionaler Feinzeichnung und verzierungsgewandter Beweglichkeit an den Tag legt, ist nichts weniger als spektakulär. Für den Sänger ist jedes Album zudem tagebuchartiger Ausdruck des Grades an künstlerischer Entwicklung.

Aber Orlinskis Kunst will nicht im Sinne von „brillant glänzend technische Grenzen sprengen“ und Koloratur-Geschwindigkeitsrekordhalten verstanden sein, sondern als lustvoll dem Leben in all seinen Verästelungen folgende sensitiv aufmerksame Introspektion. Dabei bedient sich sein edles Instrument – wie bei Countertenören verständlicherweise generell der Fall – überwiegend der Musik der Barockzeit, um historischen Opernfiguren neuen Odem, Glaubwürdigkeit und Aktualität einzuhauchen.

Besonders in den elegisch zarten, expressiv knapp verzierten Songs und Airs von Henry Purcell kommt Orlinskis Gabe, lang gedehnte Legatophrasen dynamisch zu gestalten und mit lyrischer Emphase zu erfüllen, zu Gute. So werden ‚Music for a while‘ aus der Schauspielmusik zu „Oedipus“, ‚Strike the viol‘ (Arie aus der „Ode for the Birthday of Queen Mary“, 1694),‘ What power art thou?‘ – durch Klaus Nomi zu Pop-Ehren gekommene Arie des Cold Genius – aus „King Arthur“, ‚Sweeter than roses‘ aus „Pausanias“, ‚O lead me to some peaceful gloom‘ aus „Bonduca or The British Heroine“ mit den für manche sicher zutreffenden Worten ‚To conquer (whom one loves) and still be a slave (to that beloved)!‘ und die dritte Version von ‚If music be the food of love‘ nach Colonel Henry Heveningham zu Kleinoden vokaler Verinnerlichung. Der vom Timbre her leicht verhangene Countertenor mit der kleinen Träne im Augenwinkel kommt hier besonders intensiv zur Geltung.

Natürlich sind die Händel-Hits aus „Serse“ (Serse: ‚Ombra mai fu‘), „Rodelinda“ (Unulfo: ‚Un zeffiro spiró), „Rinaldo“ (Eustazio: ‚Siam prossimi al, porto), „Partenope“ (Arsace: ‚Furibondo spira il vento‘) und „Semele“ (Jupiter: ‚Where’er you walk‘) Selbstläufer-Vehikel für den polnischen, vollkommen natürlich und am Boden haften gebliebenen Star. Immer bildet in Orlinskis Interpretationen das Fragile, das Intime, das freudvoll wie quälend seelische Dispositionen der Rollen Nachzeichnende den Grundpfeiler der Faszination. Dem zu folgen, bildet für Melomanen eine besondere Möglichkeit der Identifikation mit den jeweiligen Konstellationen, deren abstrahiert einzelne jeder oder jede von uns auch im wirklichen Leben begegnen könnten.

Dier Bearbeitungen für Stimme und Klavier in der klar und direkten Klanggestaltung mit einem modernen Steinway gefällt mir bei Purcell persönlich gut, hinterlässt jedoch fallweise (Händel) einen als kühl wahrgenommenen Schimmer, wie wenn der Atem kurz eine kalte Fensterscheibe beschlägt. Für unbedingte Anhänger des historisch nachempfundenen Klangs (d.h. zumindest Cembalo) mag das eine Enttäuschung sein. Kein Trost, aber es sei darauf verwiesen, dass in der aktuellen Arrangement-itis von legendären musikalischen Vorlagen vor nichts Halt gemacht wird. Besonders Bach wird auf allem gespielt, was Töne von sich gibt inkl. Marimba bis Akkordeon. Da hört auch mein Verständnis bzw. die vielleicht durch Hörgewohnheiten geprägte Toleranz auf.

An diesem Punkt endet das Abenteuer auf LP. Auf der CD ist wesentlich mehr an Musik zu haben, nämlich 18 statt 11 Titeln.

So kommen wir auf CD zusätzlich in den Genuss der Arie ‚Non t’amo per il ciel‘ aus Johann Joseph Fux‘ Oratorium „Il fonte della salute, aperto dalla grazia nel calvario“, K. 293. Zudem tragen Orlinksi und Biel Johann Sebastian Bachs Arie ‚Jesus bleibet meine Freude‘ aus der Kantate BWV 147 „Herz und Mund und Tat und Leben“ in einer Bearbeitung für Klavier von Myra Hess vor. Dazu gesellen sich Rezitativ und Arie ‚Voi che udite‘ des Ottone aus dem zweiten Akt  von Händels „Agrippina“ und drei weitere Purcell Songs, wie etwa ‚If Music Be the Food of Love‘,  in der ersten Version. Deswegen sei in diesem Fall – auch für die audiophile Hörerschaft – ausnahmsweise einmal der CD der Vorzug gegeben. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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