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VINYL/CD ALEXANDER KRICHEL spielt ENESCU, MUSSORGSKY und BORODIN

10.11.2021 | cd

VINYL/CD ALEXANDER KRICHEL spielt ENESCU, MUSSORGSKY und BORODIN

Faszinierender Einstand beim Label Berlin Classics

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Am 8. November hat Krichel sein neues Programm in einem Konzert im Piano Salon Christophori in Berlin vorgestellt. Sein beinahe identes Album erscheint, wie das heute state-of-the-art ist, auf Vinyl, als CD, als Download und als Stream.

Dass der junge deutsche Pianist äußerst intensiv von seinen russischen Lehrern Vladimir Krainev und Dmitri Alexeev geprägt ist, ist der leidenschaftlich bis hitzköpfig-besessenen Wiedergabe von Modest Mussorgskys zehnteiligem Zyklus „Bilder einer Ausstellung“ sofort anzuhören. Im charmant-trashy herabgekommenen Piano Salon in Berlin Wedding sorgte Krichel nach kurzen Einführungen für memorable musikalische Eindrücke.

Mussorgsky hat den Zyklus „Bilder einer Ausstellung“ in Erinnerung an den Malerfreund Viktor Hartman verfasst. Angeblich geht die Musik auf das Erlebnis des Komponisten beim Gang durch dessen Gedächtnisausstellung aus dem Jahr 1874 zurück. Aber nur drei der zehn in Ton gesetzten Bilder sind nachgewiesen. Und so dürfte Krichel Recht haben, wenn er meint, der Zyklus spiegle in Wahrheit das Leben des Komponisten wider. Ich gehe noch weiter und empfinde besonders bei Krichels dynamisch und emotional extrem aufgeheiztem Spiel, dass Mussorgsky bei der Komposition sich mit seinen innersten Dämonen auseinandergesetzt hat.

Nicht bei allen Bilder dieser so besonderen Ausstellung werden viele die Begegnung als erfreulich erachten, bei manchen wird man froh sein, wieder weiterzugehen: Der Zwerg mit den missgestalteten Beinen, das alte Spukschloss, der schwere Ochsenkarren, der sich gnadenlos wie das Schicksal nähert, die Pariser Katakomben mit all den aufgeschichteten Knochen und Totenschädeln oder die makabre Hütte auf Hühnerfüssen der russischen Hexe Baba-Jaga, die auf einem Mörser reitet, den sie mit dem Stößel antreibt. Nach dem monumentalen Glockenläuten am Tor zu Kiew bleibt das erschöpfte Nichts.

Krichels Interpretation ist unerhört in ihrer animalischen Kraft und den unheimlichen Steigerungen. Ich finde, sein Spiel weckt weniger diese bildlich vordergründig programmatischen Assoziationen, sondern zeichnet den Kampf des Komponisten mit inneren (Zwangs-)Vorstelllungen und Horrorbildern bis zum Tod nach. Das geht es weniger um präzise modellierte Töne, denn um Grundstimmungen und Urängste, die uns beim Hören bis ins Mark erschüttern. Alexander Krichel nimmt uns in „Bilder einer Ausstellung“ nicht auf einen gemächlichen Sonntagsspaziergang durch eine Galerie mit, sondern unterwirft das Publikum einer existenziellen Reise durch die Abgründe und Untiefen der menschlichen Seele. Umwerfend.

Sein Album und auch das Konzert startete Krichel mit der Suite Nr. 2 in D-Dur, Op. 10 des Rumänen George Enescu, der als Jugendlicher zwei Jahre lang auch am Wiener Konservatorium ausgebildet wurde. Geschrieben zwischen 1901 und 1903 in Paris, ist dieses (zu) wenig bekannte 20-minütige Wunderwerk dem französischen Pianisten Louis-Joseph Dièmer gewidmet. In vier Teilen, die formal barocken Tänzen nachgebildet sind (Toccata, Sarabande, Pavane und Bourrée), gelingen Enescu elegante, impressionistisch gefärbte Stadtlandschaften mit viel Glockengebimmel und in Tropfenkaskaden aufgefächertem Wassergeplätscher darin. Die Musik, die sich aus J.S. Bach, rumänischer Folklore ebenso nährt wie aus Wagners „Rheingold“, klingt bisweilen wie ein Vorgriff auf Gershwins geniale Rhapsodien und stimmungsvolle orchestrale Paris-Beschwörungen.

Alexander Krichel verzichtet auch bei Enescu, vor allem der Toccata, nicht auf expressive Farben und einen beherzten Anschlag. Wie er die virtuosen Anforderungen meistert, und darüber hinaus in Töne gekleidete Visionen mit kräftigem „Pinselstrich“ hinlegt, ist stupend. Die Musik stimmt von der ersten bis zur letzten Sekunde positiv, ist voller Energie und kleiner, aber überraschender atmosphärischer Wendungen.

Das Album (im Konzert ist es die Zugabe) beschließt Krichel mit einer kurzen Nocturne von Alexander Borodin, die nichts weiter sein will als sie selbst und die Hörer mit einer ruhigen Melodie und sanften Harmonien nach den aufwühlenden „Bildern einer Ausstellung“ wieder auf eine normale Herzfrequenz zurückbringt.

Im Berliner Konzert vom 9.11. hat Krichel zur Freude des Publikums zwischen die Blöcke ‚Enescu‘ und ‚Mussorgsky‘ Maurice Ravels Dreiteiler „Gaspard de la nuit“ eingefügt. Dieser mir grotesken Genreszenen aufwartende „Schatzmeister der Nacht“ entpuppt sich mit der verführerischen Wassernixe Undine, dem Gehängten am Galgen und dem Höllenzwerg Scarbo als ideale Vorstufe zu Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Auch „Gaspard“ ist autobiographisch motiviert und basiert auf einer Vorlage der bildenden Kunst. Die Musik ist gruselig-effektvoll und diabolisch schwer zu spielen. Besonders im dritten Teil hat Alexander Krichel merklich koboldische Lust an der lautmalerischen Konkretisierung dieses um Mitternacht, wenn der Mond am goldenen Sternenhimmel wie ein Silbertaler glänzt, von der Zimmerdecke herabpurzelnden und wie eine Hexenspindel herumwirbelnden Wesens, das sich zur Riesengröße eines gotischen Kirchturms bläht und final wie eine ausgeblasene Wachskerze in sich zusammenfällt. Schwindelerregend und furios.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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