Verona: „Le Villi“ von Giacomo Puccini. Freitag, 31.10.2025

Copyright: Fondazione Arena di Verona. Ennevi-Foto
Die Fondazione Arena di Verona bespielt auch das 1975 wiedereröffnete Teatro Filarmonico. Das von außen etwas versteckt wirkende Opernhaus befindet sich unweit der berühmten Arena. Puccinis Erstlingsoper „Le Villi“ war in einer Inszenierung von Pier Francesco Maestrinis zu erleben, die bereits am Teatro Regio di Torino gezeigt wurde.
Die Handlung spielt in einem Dorf im Schwarzwald. Anna und Roberto stehen kurz vor ihrer Hochzeit, als der Bräutigam verreisen muss, um finanzielle Angelegenheiten zu regeln. Im fernen Mainz verfällt er Kurtisanen, solange das Geld reicht. Seine – so wird in der Inszenierung zumindest angedeutet – schwangere Braut stirbt an gebrochenem Herzen. Zusammen mit anderen entehrten jungen Frauen, den Willis, nimmt sie Rache an Roberto. Die Geister töten ihn.
Maestrinis Regiearbeit beginnt traditionell. Wie so oft gelingen ihm wieder hinreißende Bilder. Die an die Mode des Fin de Siècle angelehnten Kostüme von Luca Dall’Alpi beziehen sich auf die Entstehungszeit des Werks. Puccini hatte 1883 mit Le Villi am ersten Kompositionswettbewerb der Casa Sanzogno teilgenommen. Im Jahr darauf wurde die Oper dank der finanziellen Unterstützung und der Fürsprache einiger einflussreicher Mailänder Intellektueller uraufgeführt und legte den Grundstein für seine Karriere. Die Melodiebögen des ersten Akts lassen spätere Werke erahnen. Der zweite Teil, der durch eine Ballettszene, welche den „Mainzer Sündenfall” visualisiert, getrennt ist, überrascht hingegen durch wuchtige Melodiebögen, wie man sie erst in viel späteren Werken wie „La fanciulla del West” oder „Turandot” wiederfindet.
Maestrini nutzt in der zweiten Hälfte gekonnt Videoeinspielungen, die Friedhöfe, Nebelschwaden oder den düsteren Schwarzwald zeigen. Unterstützt von der Lichtinszenierung Bruno Ciulli erzeugt er damit eine mystische Atmosphäre. Während sich im ersten Akt noch ein liebliches Karussell – wie bei der Bohème – auf der Bühne dreht, herrscht im zweiten nur noch Düsternis und Horror. Anna, zur geisterhaften Nymphe geworden, fällt zusammen mit den Willys über Roberto her und tötet den Untreuen. Es ist bedauerlich, dass von diesem mittlerweile 60-jährigen Vielarbeiter keine relevanten Interpretationen in Österreich zu finden sind. Auch in Verona schafft er eine kurzweilige und alltagstaugliche Inszenierung, die durch Italien reist. Seit seinem „Andrea Chénier“, „Tosca“ oder seiner überwältigenden „Butterfly“ in Marburg muss man ihn zu den Großen der Opernszene zählen. In einer pervertierten woken Opernwelt unserer Tage ist es natürlich ein Manko, diese Größe zu besitzen, um überzeugende, werkstreue Inszenierungen abzuliefern.
Auch Alessandro Cadario präsentiert mit der Orchestra di Fondazione Arena di Verona diese zwei Seiten des Werkes: Die Interpretation des ersten Teils ist geschmeidig, sehr lyrische Melodiebögen kennzeichnen die Aufführung. Das ändert sich mit der Ballettszene jedoch dramatisch. Es folgt ein emotionales, beinah schroffes Dirigat, das die Ecken und Kanten der Komposition herausarbeitet und die einzelnen Instrumentengruppen sehr präzise fordert. Ebenso animiert er den von Roberto Gabbiani einstudierten Chor zu einer exzellenten Leistung.
Gëzim Myshketa präsentiert die Figur des Annas Vaters Guglielmo sehr routiniert mit sonorem Bariton. Sara Cortolezzis bringt für ihre Tochter Anna einen hellen, klangschönen und höhensicheren Sopran mit. Die Entdeckung des Abends war für mich der junge Galeano Salas als Roberto. Mit sicherer Technik und strahlenden Höhen krönte er seine überzeugende Interpretation. Dieser kurzweilige Opernabend hätte sich sicherlich mehr Besucher verdient. Neun Minuten Applaus zeigen jedoch die Zufriedenheit der anwesenden Zuhörer.
Rudolf Smolej

