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VERONA: „ Tal dei profondi amori è la profonda miseria” – TOSCA in der Arena di Verona

11.08.2023 | Oper international

Tal dei profondi amori è la profonda miseria” – TOSCA in der Arena di Verona, Vorstellung vom 10.08.2023

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 Zum 100. Mal findet dieses Jahr das Opernfestival in der Arena di Verona statt, ein Grund mehr also die ohnehin immer sehenswürdigen Inszenierungen auch in diesem Jahr zu besuchen. Wenn dabei noch Tosca auf dem Spielplan steht, stellt sich eigentlich nur noch die Frage, wie groß das Ausmaß der Italianità denn sein wird. Tatsächlich kann der Abend, den wir erleben durften nur als monumental und episch beschrieben werden. Einen wesentlichen Bestandteil hierbei, bildete die Inszenierung von Hugo de Ana, dessen Regiekonzept sich von der klassischen Erzählweise Toscas löst, ohne das Libretto und Puccini zu missachten. Ja, das geht! De Ana platziert dabei die Akte nicht direkt in den klassischen drei Orten des Geschehens, Sant’Andrea della Valle, Palazzo Farnese und Engelsburg. Er setzt gestalterische Elemente auf die Bühne, die an die entsprechenden Orte erinnern oder aus diesen entlehnt sind, schafft so neue Bilder und unterstreicht somit die eigentlichen Aussagen, die Puccini setzte.

So wird zu Beginn des ersten Aktes vom Sakristan (ganz zauberhaft ist hier Giulio Mastrototaro und erinnert an einen jovialen, fröhlichen wohlgenährten Mönch wie aus dem Bilderbuch) in Gemeinschaft mit weiteren Mönchen ein Arbeitsgerüst auf die Bühne geschoben, auf welcher zunächst alle Elemente schwarz verhangen sind. Nach dem Erscheinen Cavaradossis, enthüllt dieser den ersten Gegenstand und wir sehen das riesige Altarbild, an dem dieser arbeitet. Der Schuss der Kanone wird gleichzeitig sichtbar, da während des Gespräches zwischen Angelotti und Cavaradossi auf den Rängen der Arena rechts neben der Bühne, Soldaten zu einer Kanone eilen, um den Schuss zur Verkündung der Flucht Angelottis abzugeben. Beim Auftritt Scarpias enthüllen seine Häscher (interessanterweise in Uniformen des Lützowschen Freicorps) den gigantischen Engel des Castel Sant’Angelo, welcher von nun an die Bühne dominiert. Rechts und links der Bühne stehen Kanonen, die an die Schlachten erinnern, welcher Napoleon zum Zeitpunkt der Handlung führt. Diese werden schließlich im dritten Akt ausgeleuchtet und zur Lagerstätte des Erschießungskommandos. Die Spielorte verlieren somit ihre räumliche Trennung und werden nicht nur zueinander in Relation gesetzt, sondern wachsen vielmehr zu einem Ort zusammen, sozusagen zu einem Tosca Nukleus, in dem das Geschehen stattfindet.

Dieser beginnt zunächst in der privaten Intimität zwischen Tosca und Cavaradossi. Nur durch Zufall wird dieser private Nukleus Schritt für Schritt in die Geschehnisse politischen Ausmaßes hineingezogen und so vom privaten, kleine beschaulichen in das große, historisch-monumentale Geschehen um Machterhalt und den Kampf des Ancien Regime gegen Napoleons. So hebt sich das Schwert des Erzengels Michaels wie ein Damoklesschwert über das Geschehen und fällt im dritten Akt schließlich als Richtschwert tatsächlich. Hugo de Ana nutzt hier also das Visuelle, um die Musik Puccinis zusätzlich sichtbar werden zu lassen. In besonderem Maße wird das in den Finales des ersten und des dritten Akts bewusst:
Die Te Deums Szene gestaltet de Ana zu einem Spektakel monumentaler Opulenz. Hier ziehen nicht einfach nur simple Priester ein. Es ist ein Heer von prachtvoll bekleideten Bischöfen, die er auf die Bühne ziehen lässt, gleich einer Prozession, ja einer Wallfahrt, um schließlich in der schwarzen Wand im Hintergrund der Bühne, fensterartige Klappen zu öffnen, in denen weitere Bischöfe in gleißendem Licht erscheinen. Umhüllt von Schwaden des Weihrauchs erklingen die Worte „te aeternum patrem omnis terra veneratur!“ ohne musikalische Begleitung, der Scarpia-Akkord beendet den ersten Akt dieser Tosca mit Bildern epischen Ausmaßes. Bravo, bravissimo Hugo de Ana für diese Inszenierung, alleine wegen dieser Bilder lohnt sich der Abend bereits.

Und auch das Wiederkehren eines „alten Bekannten“ (wir erlebten ihn bereits in Rom zu Madama Butterfly oder letztes Jahr in Verona in Turandot) soll nicht unerwähnt bleiben: Carlo Bosi gibt an diesem Abend den Spoletta, eine kleine Rolle, die er mit viel Leben füllt. Zwar zunächst ein willfähriger Scherge Scarpias, ist auch er am Ende angewidert und entsetzt von seinem Treiben und voll aufrichtiger Fassungslosigkeit, als Tosca sich in den Tod stürzt. Auch an diesem Abend gelingt es ihm, einmal mehr eine kleine Rolle so sehr mit Leben zu füllen, dass sie mit wichtigen Details zum Gesamtbild entscheidend beiträgt. Das ist von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, denn es trägt zum Reichtum der Inszenierung bei und eröffnet die Möglichkeit auch bei sehr bekannten Werken, neue Details zu eröffnen und andere Sichtweisen zu erzeugen. Dass er dann auch noch einen herrlichen, äußerst wandelbaren Tenor ausspielen kann, macht auch diesen Abend seine Rolle zu einem Genuss. Bravo, Carlo Bosi.

Wir erwähnten bereits die Intimität zwischen Tosca und Cavaradossi. Diese Intimität wird spürbar, da die Chemie zwischen Sonya Yoncheva als Tosca und Vittorio Grigolo als Cavaradossi hier ausgezeichnet stimmt. Es könnten beide tatsächlich ein Liebespaar sein, das ist innig, leidenschaftlich und emotional, was wir auf der Bühne erleben. Zwei Ausnahmekünstler sind hier am Werk, die beide Rollen bis ins Detail kennen und immer wieder in ihnen überzeugen. Herrn Grigolo durften wir bereits an der Wiener Staatsoper oder auch an der Deutschen Oper als Cavaradossi erleben und er ist nach wie vor der italienischste Cavaradossi, den wir kennen. Mit jeder Menge wunderbarem Schmelz, der bei allen anderen Sängern wohl unerträglich kitschig wirken würde, bei ihm aber elegant und nonchalant die Ohren umhüllt, bringt er bereits ein Recondita armonia im ersten Akt zustande, welches leicht wie eine Feder voller Zuneigung und Wärme unsere Ohren verwöhnt. Seine „Vittoria“-Rufe im zweiten Akt hingegen sind voll triumphaler Größe und Siegesgewissheit, gefolgt von italienischer Grandezza in der angeschlossenen Arie voller Stolz und dem prächtigen Glanz seines Tenors. Ja, Cavaradossi ist stärker, „Vi sfido“!  Und schließlich „lucevan le stelle“, unter dem freien Sternenhimmel von Verona, welches zu Recht mit zahlreichen Bravi und Bis-Rufen den dritten Akt krönte. Dass Herr Grigolo es immer noch schafft, bei diesen Höchstleistungen den jugendlichen Charakter und den für ihn so typischen verschmitzten Charme zu bewahren ist schon ein eigenes Qualitätsmerkmal, am heutigen Abend merkten wir, daß er ein darüber hinaus ein Heimspiel zu nutzen weiss und wieder einmal gelingt ihm ein Triumph auf ganzer Linie: Vittoria Vittorio, bravo bravissimo!

Für Sonya Yoncheva gehört die Tosca ohnehin zu einer ihrer Lieblingsrollen (wie sie unlängst in einem Buch beschrieben hat). So überrascht es nicht, wie authentisch auch sie in dieser Rolle ist. Ihre Tosca ist jugendlich und reif, voll von Liebe und Leidenschaft. Hinzu kommt das weitere Reifen ihrer Stimme die zunehmend an Größe gewinnt: Ohne jemals schrill zu sein erreicht sie jede Höhe, wirkt dabei niemals unangenehm und schafft es, ein angenehm dunkel schimmerndes, verführerisches und edles Timbre in ihrer Stimme zu kultivieren. Vissi d’arte trifft uns so direkt ins Herz, eine Arie, die wohl auch aus ihrem eigenen Herzen kommt, denn daß Frau Yoncheva für die Kunst, die sie schafft, lebt, ist eindeutig. Die Wut und der Hass, mit dem sie Scarpia dann in den Tod schickt, sind Gott sei Dank wohl weniger aus ihrem Herzen kommend, wirken dafür genauso fabelhaft und überzeugend „echt“ wie ihr gesamter Abend. Es besteht kein Zweifel daran, daß Frau Yoncheva in den nächsten Jahren zu einer der besten Toscas heranreift, die derzeit singen und wir freuen uns schon darauf, sie noch oft in dieser Rolle auf der Bühne erleben zu dürfen – Brava, bravissima Sonya Yoncheva.

Roman Burdenkos Scarpia ist auch heute Abend wieder eine Ausgeburt des Bösen, voll von Niedertracht, Verschlagenheit, Machtgeilheit, Sadismus, schlicht durch und durch Widerwärtig. Tatsächlich gibt es nur wenige Sänger, die in dieser Rolle wirklich überzeugen können, Herr Burdenko gehört definitiv dazu. Man kann regelrecht hören, wie er während des Te Deums in Wirklichkeit nach Tosca giert, seine Lust kaum unter Kontrolle bekommen kann, ihm der Geifer aus dem Mund rinnt. Seine Gier hat vollends von ihm Besitz ergriffen und so spritzt diese nahezu aus ihm heraus. Voller Hohn spielt er seine Macht aus, ergötzt sich an den Qualen, die er Cavaradossi und Tosca körperlich und seelisch zufügt und lässt voller Hohn die Worte an Tosca erklingen, wenn er enthüllt, daß es ihm nur um den Besitz ihres Körpers geht: „Ah, in quell’istante t’ho giurata mia! Mia! Sì, t’avrò!…”. Man ist erleichtert, wenn dieser Scarpia getötet wird, denkt sich „endlich, stich noch einmal zu“ und die brachiale Gewalt die Herr Burdenko mit seinem Bariton ausübt tut tatsächlich ihr übriges dazu, daß sein Scarpia ein einschüchternder Despot ist, von dem man sich nur abwenden will. Eine atemberaubende Leistung auch hier, bravo bravissimo Roman Burdenko!

Als wäre das also noch nicht genug des fabelhaften Opernerlebnisses, bekommen wir mit Maestro Francesco Ivan Ciampa einen der besten italienischen Operndirigenten kredenzt, der derzeit zu haben ist. Insbesondere bei Werken von Puccini schafft es kaum einer, die Einflüsse Wagners auf Puccinis Komposition ebenso herauszuarbeiten, wie die Italianità und Grandezza seiner Musik. Es ist genau diese Mischung die Puccini so einzigartig macht und die Maestro Ciampa wieder einmal mehr sorgsam mit dem Orchester der Fondazione Arena di Verona herausarbeitet und zu vollem Glanz bringt. Dabei bildet er den richtigen Rahmen, um den Sängern an allen Stellen des Abends das ausreichende Gehör zu geben. Da wird nichts übertönt, da Donnern die Kanonen genauso wie die feinen Hoffnungen fast schon sphärisch durch die Luft schweben. Und er produziert dabei nicht sich selbst, Maestro Ciampa folgt Puccini ohne Schnickschnack, denn alles, was nötig ist, um das Werk zu voller Wirkung zu bringen, steht in der Partitur, die er absolut meisterhaft umsetzt. Wohlgemerkt alles unter freiem Himmel, ohne Mikrofone und einem leichten Sommerwind, der im ersten Akt noch durch die Arena zieht. Bravo, bravissimo Maestro Francesco Ivan Ciampa!

Wir erwähnten bereits das finale des dritten Akts. Denn nach dem Sturz von der Engelsburg sehen wir Tosca erneut auf dem Kopf der Erzengelstatue erscheinen, ein Kruzifix in hoch in den Himmel hebend. Ein Mahnmal, daß Gott am Ende aller Tage alles richtet? Oder doch nur die unauslöschliche Erinnerung an Tosca selbst? Dieser Akzent lässt viele Interpretationen offen und das ist wohl von Hugo de Ana genauso gewollt. Klar ist jedenfalls, daß die Arena an diesem Abend die monumentale Inszenierung und alle Künstler mit zahlreichen Bravi feiert. Es ist keine Übertreibung: Verona war an diesem Abend ohne Zweifel „the most italian place on earth“!

E.A.L.

 

 

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