Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

VERDI UND WAGNER IN WIEN

22.04.2013 | buch

Michael Jahn (Hg.)
VERDI UND WAGNER IN WIEN
Schriften aus dem Wiener Opernarchiv. D 1
168 Seiten, Verlag Der Apfel, 2013

Man spielt sie üblicherweise als Gegensätze aus, Wagner und Verdi, aber im Jahr ihres 200. Geburtstags nennt man sie in einem Atemzug – die Komponisten, die (zusammen mit Mozart, Puccini und Strauss) das Repertoire unserer Opernhäuser beherrschen. Michael Jahn, seit vielen Jahren für den Verlag „Der Apfel“ mit der Aufarbeitung der Geschichte der Staatsoper (und ihrer Hofopern-Vorgänger-Institutionen) befasst, hat nun „Verdi und Wagner in Wien“ begonnen – Band 1 der neuen „D“-Reihe, und schon im Vorwort wird angekündigt, dass weitere Bände sich mit dem Wirken der beiden Komponisten hier befassen werden.

Verdi wurde, als die Hofoper noch im Kärntnertortheater beheimatet war, zuerst ab 1843 mit „Nabucco“ gespielt (der Komponist leitete die beiden ersten Vorstellungen selbst, der Erfolg war damals nicht groß), 1844 folgte „Ernani“ (weit erfolgreicher, bis 1870 immerhin 191mal gespielt). Das Verzeichnis geht bis 1880, wobei schon die Aufführungen in der neuen Hofoper (ab 1869, am heutigen Ort der Staatsoper) berücksichtigt werden: Damals existierten bereits alle Verdi-Opern außer „Othello“ und „Falstaff“, die meisten wurden in Wien gespielt, besonders erfolgreich „Troubadour“ und „Aida“.

Das Buch verzeichnet auch alle dabei beschäftigten Sänger, wobei nur noch die wenigsten der Nachwelt ein Begriff sein werden. Dem ersten Wiener Nabucco, Giorgio Ronconi (1810-1890), ist allerdings ein eigener Artikel gewidmet. Er stammte aus einer Sängerfamilie, war damals schon international erfolgreich (nicht nur an italienischen Opernhäusern, auch in London und Paris, St. Petersburg und New York – ein Reiseleben, fast wie heute). In Wien sang er nicht nur Verdi, sondern auch Rossini und Donizetti mit offenbar höchstem Erfolg. Er wurde hier ein Publikumsliebling, die Kritik pries die „Glut“ seiner Interpretationen. Das genaue Verzeichnis seiner Auftritte macht allerdings klar, dass er nur vier Jahre, von 1840 bis 1844, in Wien sang, darunter neben dem Nabucco noch den Don Carlo in „Ernani“, was Verdi betraf.

So wie im Falle von Verdi werden auch die Wagner-Aufführungen im Kärntnertortheater und der Hofoper bis 1880 gelistet, wobei Wagner erst wesentlich später, nämlich 1858 mit dem „Lohengrin“, hier einzog (sein „Tannhäuser“ war ja schon im Thalia-Theater zur Wiener Erstaufführung gekommen und von Nestroy prompt parodiert worden). „Tannhäuser“ folgte hier 1859, der „Holländer“ 1860, die „Meistersinger“ im neuen Haus 1870,“Rienzi“ 1871, der „Ring“ begann mit der“ Walküre“ 1877 und schloss sich bis 1879. Louise Dustmann, die auch Verdis Amelia gesungen hat, war Wiens erste Elsa, Elisabeth und Venus (in der Hofoper), Senta und Eva.

Ein eigenes Kapitel widmet das Buch dann Briefen, die Cosima Wagner nach dem Tod ihres Gatten an die Wiener Hofopernintendanz richtete und sie als rege Managerin des Wagner-Werks auswiesen. Ob es Zufall war, dass sie Briefe an Gustav Mahler als Direktor zuerst von Mitarbeitern schreiben ließ? Nur als sie Franz Beidler (ihren späteren Schwiegersohn) in Wien „unterbringen“ wollte, unterzeichnete sie selbst – da ließ Mahler dann die Ablehnung von einem Mitarbeiter verfassen… Später schrieb man sich dann des öfteren direkt, und jedenfalls weist dieser Artikel von Ingeborg Birkin-Feichtinger zahlreiche Briefe als Erstveröffentlichungen auf, die vermutlich von der Wagner-Forschung dann noch weiter bearbeitet werden dürften.

Michael Jahn, wie immer der Herausgeber des Bandes, widmet noch den Auftritten des Wagner-Baritons Theodor Bertram an der Hofoper einen Artikel, wobei dieser hier die längste Zeit alles Mögliche (darunter Giovanni, Escamillo und Italiener) sang, bevor er sich endlich 1901 erst als Holländer vorstellen durfte. 1905 war der Walküren-Wotan seine letzte Rolle am Haus.

Weiters gibt es einen Artikel über Leo Slezaks verunglückten Tannhäuser in Mailand, was zwar nichts mit der Wiener Oper, aber immerhin mit einem Wiener Liebling zu tun hat: Als Slezak und Mahler sich 1904 zerstritten, gastierte Slezak ein einziges Mal an der Scala – und noch dazu mit dem Tannhäuser auf Italienisch. Er hat das Abenteuer nicht wiederholt.

Schließlich wird am Ende noch ein Vortrag abgedruckt, den Clemens Höslinger über Wilhelm Kienzls Tagebücher gehalten hat –der „Evangelimann“-Komponist war dreimal Gast bei Wagner, wurde aber nicht gut behandelt und schmerzhaft aus dem Wahnfried-Paradies vertrieben… Die Wagner-Welt hat viele Aspekte.

Renate Wagner  

 

 

Diese Seite drucken