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VERDI: OTELLO: Schukoff, Moore, Lynch – PENTATONE 2 SACDs, Gulbenkian Orchester und Chor, Lawrence Foster

04.11.2017 | cd

VERDI: OTELLO: Schukoff, Moore, Lynch – PENTATONE 2 SACDs, Gulbenkian Orchester und Chor, Lawrence Foster

Veröffentlichung: 24.11.2017

0827949056260

Jede aufwändige Studioproduktion einer Oper des großen klassischen Repertoires ist schon an sich ein Ereignis, und gar dann, wenn es sich um Verdis Otello handelt. Die letzten Studioproduktionen dieser für viele Melomanen besten Verdi-Oper liegen schon einige Zeit zurück. Da gab es eine 2014 publizierte Aufnahme (2007/2009) des Labels Naxos mit Robert Dean Smith, Raffaella Angeletti, Sebastian Catana, Luis Damaso, der Oviedo Filarmonia unter Friedrich Haider. Dann muss man schon wesentlich weiter in die frühen Neunziger zurückgehen, konkret mit den Aufnahmen Domingo, Studer, Leiferkus/Myung Whun Chung bzw. Pavarotti, Te Kanawa, Nucci/Solti, um fündig zu werden.

Jetzt legt Pentatone mit einer klanglich ungemein guten Aufnahme nach. Nikolai Schukoff feiert sein Rollendebüt als an seiner mörderischen Eifersucht zugrunde gehender Feldherr von Venedig. Ja er hat die Rolle drauf und kann sie erstklassig auf Platte singen. Wir haben es dennoch mit einem ähnlichen Fall wie dem von Jonas Kaufmann zu tun, wenngleich Schukoff den ungefährlicheren Weg einer Studioproduktion genommen hat. Nikolai Schukoff verfügt wie Kaufmann über ein rassiges, dunkles Timbre, lässt das Shakespeare‘sche Drama mit rein vokalen Mitteln berührend Gestalt annehmen und besticht vor allem in den lyrischeren Passagen durch Wohllaut und intelligente Phrasierung. Schukoff hat Kaufmann sogar die tenoralen, lichten Höhen voraus. Aber, um Manuel Brugs Frage in der „Welt“ zum Stimmfach des Otello zu zitieren, hat Schukoff „die breite Mittellage, auf welcher Otello wie auf einem Bronzesockel ruhen muss?“ Nein, hat er nicht, er klingt ungemein lyrischer und in der Mittellage auch schmaler als die berühmte Trias Martinelli, Vinay und Vickers, die halt nach wie vor den vokalen olympischen Maßstab für Otello bilden. Dennoch ist sein Rollenporträt allemal wert, gehört zu werden. Erstens weil er für mich weitaus überzeugender und besser singt als etwa die jetzigen Bühnenstars in dieser Rolle Aleksandr Antonenko oder José Cura. Und, weil er eine großartige Partnerin hat.

Melody Moores ist die beste Desdemona seit Lichtjahren und schlichtweg ereignishaft. Moore nennt einen obertonreichen, klangvollen Spinto ihr Eigen, der mit lyrischer Innigkeit genau so gesegnet ist wie mit dramatischer Attacke. Das fantastisch luxuriöse Timbre erinnert an die junge Jessye Norman. Die ewigen Legatophrasen des Liebesduetts liegen ihr genau so gut in der Gurgel wie die Ausbrüche im dritten oder das innere Beben des elegischen Ave Maria im vierten Akt. Für mich rangiert sie ganz auf einer Stufe mit der Freni oder Renata Scotto.

Leider kann der Interpret des Jago hier nicht mithalten. Dem tapferen Lester Lynch fehlt so ganz und gar das Timbre und der typische Stimmcharakter für den Jago. Es singt die Rolle besser als jüngst Marco Vratogna in London, aber eigentlich viel zu belkantesk. Was Dämonisches und Intrigantes in Farbe und Ausdruck muss man vergeblich suchen. Cassio (JunHo You), Roderigo (Carlos Cardoso), Lodovico (Kevin Short), Montano (Luis Rodrigues) und Emilia (Helena Zubanovich) sind als solide zu bezeichnen und bleiben der Partitur nichts schuldig.

Lawrence Foster führt das Gulbenkian Orchestra und den nicht immer ganz einheitlichen Gulbenkian Chor sicher über das tobende Meer und die Urkräfte irregeleiteter menschlicher Leidenschaften. Sein Gespür für die innere Dramatik und die vielen rezitativischen Zwischentöne sind beeindruckend. Die Hitzegrade und die somnambule stilistische „Trittfestigkeit“ eines Tullio Serafin erreicht er aber bei weitem nicht.

Fazit: Ein sorgfältig gearbeitetes Album, das mit Sicherheit seine Freunde finden wird und besser funktioniert als die meisten der in den letzten Jahren für DVD bzw. Blu-Ray live mitgeschnittenen Produktionen. Dem neuen Vollblut-Titelhelden und einer traumhaften Desdemona sei Dank.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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