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Variationen von Schumann, Rachmaninoff und Kapustin: CD-Debut von Anna Kavalerova

06.02.2020 | cd

Variationen von Schumann, Rachmaninoff und Kapustin: CD-Debut von Anna Kavalerova

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Aus Russland stammt Anna Kavalerova, in Tel Aviv wurde sie heimisch, allein des intensiven Austauschs mit einer auf kleinem Raum konzentrierten Musikszene wegen. So etwas hat dieser Pianistin hörbar viel Inspiration für ein mächtiges CD-Debut verliehen: Gleich drei Variationenzyklen in einem Programm zu vereinen, das zeugt von kompromisslosem Mut.

Ausgewählt für dieses kolosale Unterfangen hat Anna Kavalerova zunächst Robert Schumanns Symphonische Etuden opus 13, dann folgen Sergej Rachmaninoffs Variationen über ein Corelli-Thema opus 42. Zum Schluss offenbaren Nikolai Kapustins Variationen opus 41 etwas ganz anderes – aber dazu später…

Wer hörend in Anna Kavalerovas Spiel eintaucht, erkennt: Ihr geht es um viel mehr, als um das Circensische, das bei Variationen durchaus nahe liegt. Vielmehr ist die Kunst des Sich-selbst-neu -erfindens und dabei einer Ursprungsidee treu zu bleiben ein tief persönliches Anliegen.

Reaktionsschnell, dynamisch zupackend und beglückend flexibel vereint ihr Spiel die unterschiedlichen Temperamente, Farben und Techniken, lässt emotionale Wechselbänder und nicht selten wild auftrumpfende Dramaturgie entstehen. Vor allem Schumanns Etuden sind extrem disparat in Bezug auf das Variationenprinzip. Es geht ums persönliche-psychologische, natürlich um die Liebe des Komponisten zu seiner Frau Clara. Hörbar ist, wie Anna Kavalerova diese biografischen Hintergründe nachfühlt und eine vielgestaltige Entwicklung vom Dunkel ins Licht zeichnet und dabei auch sehr detailscharf historische Bezüge, etwa zu Bach und Mendelssohn herausarbeitet.

Lässt sich dies noch steigern? Die Antwort lautet auf jeden Fall ja! Rachmaninoffs Variationen über ein Corelli-Thema sind stringenter in Bezug auf das Ausgangsthema gebaut. Anna Kavalerova schöpft aber auch und gerade hier alle virtuosen und klanglichen Möglichkeiten aus. Wie ein Trauermarsch wirkt die barocke Melodie zu Beginn. Sie bleibt ein roter Faden in einem dramatischen Sog voller aufbrausender Gesten und sarkastischer harmonischer Farbenspiele – nicht selten droht hier ein düsterer, aufgeladener Klangozean das Barockthema zu verschlingen. Das hier ist kein „Wohlfühl-Rachmaninoff“, sondern – vor allem in der aufrichtigen Lesart von Anna Kavalerova – ein Seismogramm jener gesellschaftlichen und politischen Erschütterungen zu Beginn des frühen 20. Jahrhunderts.

Das lässt sich jetzt definitiv nicht mehr steigern! Und deswegen bietet das dritte Variationenstück dieser CD ein Kontrastprogramm der Leichtigkeit: Nikolai Kapustins Variationen sind purer Jazz. Es ist hier zwar alles auskomponiert, trotzdem wirkt im Spiel von Anna Kavalerova diese Melange aus Strawinski-Anspielungen und Blues- und Bebop-Schemata wie lässig irgendwo nachts in einer Bar improvisiert. Denn auch hier hat diese Interpretin das zu Grunde liegende Lebensgefühl erfasst – so, als wäre sie von kleinauf Jazzpianistin und nichts anderes gewesen

Stefan Pieper

  • Künstler: Anna Kavalerova (Klavier)
  • Label: Solo Musica, DDD, 2018
  • Bestellnummer: 9484968
  • Erscheinungstermin: 8.11.2019

 

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