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VALENCIA/ Les Arts: EUGEN ONEGIN – ein optisches Traumpaar

24.01.2026 | Oper international

23.1. València Les Arts „EUGEN ONEGIN“ am 23.1. 2026

Ein optisches Traumpaar

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Corinne Winters, Mattia Olivieri. Foto: Les Arts Valencia

Karg sind Laurent Pellys Lyrische Szenen in drei Akten nach Puschkin zu Tschaikowskys Meisterwerk: Zunächst dominiert ein mobiler Holzquader die Szenerie (Bühnenbild: Massimo Troncanetti), dem die zwei jungen Paare nicht entrinnen können, in Tatjanas Briefszene klappt sich dieser teilweise zu, teilweise stellt er sich auf, sodass er ein Buch, in dem die Protagonistin gefangen ist, symbolisiert. Erst erscheint Onegin in ihrem Traum, sodann in der Realität, betritt die Spielfläche nicht, sieht sie nicht einmal an, wenn er sie abkanzelt. Der farbenfrohe Ball bei Larina – verantwortlich für die insgesamt sehr geschmackvollen Kostüme ist Jean-Jacques Delmotte – ist wiederum in der Ebene situiert, während sich die Szenerie bei Lenskis Arie und der Duellszene nach vorne hin erhöht, in der Beleuchtung verdüstert und so auf die Einsamkeit und Unerbittlichkeit des Schicksals fokussiert. Der letzte Akt ist kalt und schwarz, die Bekleidungen eleganter als am Land, eine dunkle Stiege ist da, sonst nichts.

Wenn mit alledem die Vereinzelung, die seelische Leere der Gesellschaft und des Hauptdarstellers gemeint sein soll, ist dies durchaus gelungen. Weniger gelungen ist die Personenregie, die die Darsteller mit sich und miteinander alleine lässt – ein mutiger Zugang, wenn man bedenkt, dass in den beiden Hauptrollen Rollendebütanten am Werk sind. Einzig der Cor de la Generalitat Valenciana wird gut bewegt. Das In-Beziehung-setzen scheint nicht so das Hauptaugenmerk des Regisseurs gewesen zu sein. Die seelentötende Anziehung, die Tatjana für den feschen Tunichtgut empfindet, wird genauso wenig plausibilisiert, wie erklärt wird, warum Olga ausschließlich wie ein hysterisches Huhn über die Bühne tollen muss und sich der unglücklich liebende Poet gerade diese hyperaktive Gutbesitzerstochter als Objekt seiner (literarischen) Leidenschaft ausgesucht hat.

Mit Timur Zangiev hat man einem wahren Kenner des russischen Fachs die musikalische Leitung anvertraut, so rettete er ehedem die Pique Dame an der Scala, als der vorgesehene Valery Gergiev im Februar 2022 abreiste, war für die dortige Onegin-Premiere im Vorjahr ebenso verantwortlich wie für Anna Netrebkos Rollendebut als Lisa an der Wiener Staatsoper. Dem  Orquestra de la Comunitat Valenciana entlockt er spätromantische, dramatische Klänge, vielleicht manchmal etwas wenig transparent, aber nie langweilig. Ebenso klappt das Zusammenspiel mit dem blendend disponierten, manchmal sehr volltönenden Chor.

Mattia Olivieri hat sich bis dato als Mozart- und Belcantosänger einen Namen gemacht, sein Enrico vom Spätherbst 2025 an der Wiener Staatsoper ist noch in bester Erinnerung, und so stellt der Onegin nunmehr einen nächsten Schritt in seiner erfolgreichen Karriere dar: Sein Timbre ist nicht eindimensional, er versteht sich auf schöne Pianophrasierung ebenso wie auf baritonal-männliche Attacke, allerdings scheint er noch etwas mit dem geforderten metallischen Klang ebenso wie mit einem durchgehenden Interpretationskonzept zu hadern: So bleibt er der äußerst attraktive glatte Dandy, seine Wandlung zum verzweifelten Mörder seines besten Freundes und dann ebenso verzweifelt Liebenden gelingt nur bedingt glaubwürdig. So stellt seine Interpretation des lieblos-liebenden Einzelgängers in dieser Aufführungsserie den Beginn seiner hoffentlich noch lange währenden Reise in die Welt von Tschaikowskys Melodienreichtum dar. Das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden.

Die US-Amerikanerin Corinne Winters hat sich in den letzten Jahren als Spezialistin für das slawische Fach etabliert. Österreichischen Opernbesuchern ist ihre Halka 2019 im Theater an der Wien in bester und ihre Katja Kabanowa 2022 in der Felsenreitschule in allerbester Erinnerung. Nun begegnet das (valencianische) Publikum erstmals ihrer Tatjana. Schlank und zerbrechlich macht sie sowohl zu Beginn als auch gereift als elegante Gremina eine ausgezeichnete Figur, die mädchenhaften, introvertierten Aspekte der unglücklich Liebenden gelingen hervorragend. Am Ende der Briefszene und beim letzten Bild fehlt es allerdings an dramatischem Impetus, die einzelnen Phrasen klingen großteils sehr schön, doch insgesamt etwas gleichförmig.

Die bei weitem beste gesangliche und darstellerische Leistung bot Dmitry Korchak als Lenski. Den traurig und verzweifelt liebenden und entschlossen in seinen Tod gehenden Poeten hat der russische Tenor schon seit Jahrzehnten verinnerlicht und zu seiner Paraderolle gemacht. Seit seinem gelungenen Ausflug ins Wagnerfach (so interpretierte er Ende 2025 höchst erfolgreich den Lohengrin in Rom) hat seine an Farben reiche Stimme noch weitere Facetten dramatischer Natur dazu gewonnen. Bei seiner großen Arie, die mit tosendem Applaus bedacht wird, scheint die Zeit still zu stehen und alles Unglück der Welt am Publikum vorbeizuziehen.

Mehr als eine Talentprobe zeigt der junge georgische Bass Giorgi Manoshvili als Gremin, der mit volltönendem Organ und starkem Ausdruck seine Liebe zur jungen Tatjana besingt. Eine große Karriere wird folgen.

Ksenia Dudnikova zeigt einen mächtigen Alt als Olga, Alison Kettlewell und Margarita Nekrasova sind rollendeckend als Larina und Filipjewna, eindrucksvoll Mark Milhofer als Triquet.

Verzweifelte(s) Liebe(sleid) in Tschaikowskys Musik, (zu) wenig davon auf der kargen Bühne.

Sabine Längle

 

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