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Ulrike Ladnar: DIE SPUR DER STACHELBEEREN

18.08.2018 | buch

Ulrike Ladnar:
DIE SPUR DER STACHELBEEREN
Ein historischer Roman
304 Seiten, Nikros Verlag, 2018

Ihre Leser beiderlei Geschlechts wissen nun schon vier Bücher lang, was Ulrike Ladnar zu bieten hat: psychologisch sorgfältig ausgepinselte Charaktere, einen historisch exakt recherchierten, in die Handlung verwobenen Hintergrund – ja, und Krimispannung gibt es natürlich auch. All das findet sich wieder  in ihrem jüngsten Buch, „Die Spur der Stachelbeeren“ betitelt, und die Autorin ist auch erneut (noch befinden wir uns im Gedenkjahr, Bedenkjahr) in ihrer bevorzugten Epoche, dem Ersten Weltkrieg anzutreffen. Aber Schauplatz und Figuren haben sich geändert.

Diesmal ist es Ludwigsburg in Württemberg, die schwäbische Garnisonsstadt, wo die Handlung zwischen 1916 und 1918 spielt und man mit „Lynn“ eine ganz besondere „Heldin“ kennen lernt. Als Tochter eines Deutschen (dem Mathematikprofessor der Stadt) und einer Engländerin hat sie die Zugehörigkeit zu beiden Kulturen stets als besonderen Gewinn betrachtet. Dann brach der Krieg aus, die Engländer sind die „Feinde“, ihr jüngerer Bruder Peter gibt sich als „Super-Deutscher“ und will unbedingt in den Krieg ziehen, wo der ältere Bruder Michael („Maikl“, wie die Mutter immer sagte) schon ist (und als halber Engländer „unter Verdacht“). Lynn möchte einen Teil ihrer Existenz nicht auslöschen müssen – aber das Problem der geteilten Loyalitäten (das auch heute so viele Menschen trifft!) ist stark präsent, da niemand der Kriegspropaganda entgeht.

Im übrigen merkt man, dass eine Frau dieses Buch geschrieben hat, so ausführlich und interessant befasst sich Ulrike Ladnar mit den Gegebenheiten des täglichen Lebens in den Kriegsjahren, wo die Versorgungssituation so schlimm geworden ist. Da spielt auch die Köchin Bertha eine wichtige Rolle, nicht nur mit ihrem urigen heimischen Dialekt und mit ihren Problemen mit der englischen Küche (von der verstorbenen gnädigen Frau) – da gibt es allerlei Comic Relief, wenn „Jorkscherr Pudding“ und „Pai“ zum Problem werden… Die Titel gebenden Stachelbeeren (die „gooseberries“, wie sie auf Englisch heißen), die plötzlich verschwinden, haben auch ein wenig mit dem Krimi zu tun…

Lynn arbeitet als Krankenschwester im Lazarett, dort ist sie natürlich die „Schwester Karoline“, die englische Abkürzung ihres Namens gilt nicht. Was in ihr selbst vorgeht, lässt uns die Autorin in kursiver Schrift wissen, entweder als ihre Tagebuchaufzeichnungen oder als innerer Monolog. Auch über die Arbeit im Lazarett erfährt man viel. Da wird nicht romantisch „Spital“ gespielt, da geht es um die verwundeten Männer, ihre Sorgen, ihre Probleme. Es ist ein Buch, das den Ereignissen hart auf den Leib rückt.

Lynns Schicksal nimmt allerlei dramatische Wendungen – gefangen gehalten von einem seelisch ins Extrem getriebenen Offizier, sogar des Mordes angeklagt (den natürlich ein anderer begangen hat, was übrigens sehr schön gelöst ist) -, und es ist  bewundernswert, wie die Autorin die Stärke dieser Frau klarmacht, die nicht in hoffnungslose Verzweiflung ausbricht, sondern in der jeweiligen Situation versucht, überlegt und bestmöglich damit zurecht zu kommen. Da man sie in der Exposition als so stark kennen gelernt hat, verliert die Figur nichts an Glaubwürdigkeit.

Glücklicherweise geht die Autorin, die ihr Buch mit vielen zusätzlichen Informationen bestückt – Tagebuchaufzeichnungen einer Oberschwester, die Aufschluss über die politische Situation geben, Kochbücher, Zeitungsartikel (die völlig echt wirken, aber es nicht sind) -, nicht so weit, ihren sympathischen Figuren ein „Happyend“ zu verwehren. Am Ende des Buches steht ein Friedensfest. Man hat genügend über den Krieg erfahren, um mit den Figuren der Geschichte gemeinsam glücklich darüber zu sein.

Renate Wagner

 

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