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Ulrike Grunewald: LUISE VON SACHSEN-COBURG-SAALFELD

14.07.2014 | buch

BuchCover Grundwald Luise von Sachsen

Ulrike Grunewald:  
LUISE VON SACHSEN-COBURG-SAALFELD  (1800-1831)
Lebensräume einer unangepassten Herzogin
306 Seiten,
Böhlau Verlag, 2013 

Vielleicht würde man sich für Luise von Sachsen-Coburg-Saalfeld trotz ihres so spannenden wie tragischen Schicksals nicht interessieren, wäre nicht einer ihrer beiden Söhne jener Albert gewesen, der später als Prinzgemahl Queen Victoria sehr glücklich gemacht hat – und der vielleicht deshalb so sehr auf ein vorbildliches Familienleben achtete, weil er selbst in seiner Kindheit die Grausamkeit der elterlichen Ehe miterleben musste…

Ulrike Grunewald, heute für historische Dokumentationen beim ZDF zuständig, hat über diese Luise von Sachsen-Coburg-Saalfeld, die nur knapp 31 Jahre alt wurde, ihre Dissertation geschrieben und nun in eine Biographie umgewandelt. Wenn sie dabei Luise nach heutiger Sicht als eine „Prinzessin der Herzen“ von anno dazumal sieht, die das Volk emotional auf ihre Seite bringen konnte, so wählt sie doch den – richtigen – Ansatz, eine Geschichte aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts so zu erzählen, wie die Betroffenen sie erlebt, empfunden und beurteilt haben, also nach deren Standards. Die moderne Interpretation kann immer noch nachkommen, aber es wäre unzulässig, unsere Maßstäbe an frühere Zeiten anzulegen.

Es war damals selbstverständlich, dass ein Mädchen wie „Dorothea Luise Pauline Charlotte Friederike Auguste“ (um all ihre Namen zu nennen), die am 21. Dezember 1800 in Gotha zur Welt kam, eine ungeheuer begehrte Partie war, wenn es sich bei ihr um das einzige Kind und folglich die Erbin ihres Vaters, des regierenden Herzogs August, handelte. Und wenn ein Verwandter, Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Saalfeld, sie heiratete, als sie sechzehneinhalb Jahre alt war, so wird dahinter auch niemand die große Liebe vermuten, sondern wissen, dass ein ehrgeiziger Mann eine gute Partie machte. Mit der raschen Geburt von zwei Söhnen, Ernst und Albert, erfüllte Luise auch ihre „dynastischen“ Pflichten. Was ging schief?

Dass sie, wie die Autorin interpretiert, sich zwar einerseits anfangs ganz in romantische Liebesvorstellungen hineinversetzte, dann aber nicht bereit war, sich dem allgemeinen „Ehefrau“-Verhalten zu fügen und widerspruchslos schlechte Behandlung durch den Gatten und dessen Seitensprünge hinzunehmen. Mit „Individualität, Emotionen und Charisma, gleichsam die Vorboten moderner Präsenz“, wie die Autorin erklärt, hat Luise sich gewehrt – um zu erkennen, dass der Ehemann auf jeden Fall der Stärkere war. Und dies auch brutal ausagiert hat. Des „Landesverrats“ beschuldigt, konnte er die widerspenstige Gattin sogar verbannen, und der „Aufruhr“ des Volkes zu ihren Gunsten währte nur kurz.

Die Autorin erzählt die Geschichte von (vagem) höfischem Glanz und persönlichem Niedergang ausführlich und dafür, dass – wie bei einer Dissertation nötig – weite Strecken theoretischen Überlegungen dienen müssen, sehr lesbar und sogar spannend. Die höfische Welt als eine „Bühne“ zu beschreiben, die in Richtung Zuschauerraum / Öffentlichkeit / Volk ganz auf offizielle Repräsentation ausgerichtet war, während auf der Hinterbühne untereinander die schmutzigen Geschichten abgehandelt wurden, ist eine mehr als einsichtige Betrachtungsweise (und hat heute auf anderen Ebenen absolut ihre Parallelen).

Dass Luise nicht nur ein Opfer war, sondern sich auch gewehrt hat, wird gleichfalls klar – aber nicht immer weiß man Genaues: Etwa, ob Luise ihren Gatten schon während eines Wien-Aufenthalts betrogen hatte und wie zahlreich ihre Liebhaber waren. Sie heiratete nach der Scheidung Alexander von Hanstein, mit dem sie im Exil lebte, und sie starb noch nicht 31jährig während eines Aufenthalts in Paris nach quälendem Unterleibsleiden.

Grotesk mutet die Geschichte ihrer verschiedenen „letzten Ruhestätten“ an – wollte man sie zuerst quasi „verstecken“, so sorgte Albert später in seiner Eigenschaft als Victorias Prinzgemahl für die Überführung der Mutter, die er kaum gekannt hatte, die er aber aus der Entfernung liebte, in die Familiengruft.

Interessant an dieser Sachsen-Coburg-Geschichte ist auch die Figur jenes „Onkel Leopold“, dem Bruder von Luises Gatten, der später selbst belgischer König wurde und als „Netzwerker“ der Familie die unglaublichsten Ehen und Beziehungen einfädelte.

Luise hat man in dieser Familiengeschichte stets nur als Nebenfigur empfunden. Hier steht sie, gerade, weil sie Widerstand leistete, im Mittelpunkt – den Kampf gegen die Mächtigen, gegen die Männer hat sie allerdings verloren. Doch da ihre Schwiegertochter Victoria später eine „Stammmutter Europas“ werden sollte und man dazu auch einen Mann braucht, fließt das Blut von Luise als Mutter von diesem Albert bis heute in zahllosen fürstlichen Adern…

Renate Wagner  

 

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