Ein Mühlviertler Dorf als Heimat musikalischer Avantgarde
- Zum 40. Ulrichsberger Kaleidophon 24. – 26- April 2026
1974 gründete sich in Ulrichsberg, einer knapp 3000 Einwohner zählenden Gemeinde im nordwestlichsten Zipfel Oberösterreichs, das Jazzatelier mit dem Ziel, diese Musik in den doch eher entlegenen Teil des Mühlviertels zu bringen. Seit 1986 gibt es nun das jährliche Festival Kaleidophon, das sich immer stärker der Freien Improvisation und der Neuen Musik widmet. Das Fest hat unter den Musiker:innen einen glänzenden Ruf für seine gute Organisation und sein sachkundiges, offenes und applausfreudiges Publikum. Die 40. Edition brachte Soundkünstler aus der halben Welt ins Dorf. Elf Konzerte in eher lockerer Schüttung gingen von 24. bis 26. April über die Bühne des Ateliers. Ein Konzert mit dem Vienna Reed Quintet fand in der Pfarrkirche statt, eine Ausstellung mit Arbeiten von Markus Hoffmann ergänzte die Veranstaltung.
Seit zehn Jahren musizieren Joke Lanz und Ute Wassermann miteinander. Das hört und fühlt das Publikum beim Eröffnungskonzert des Kaleidophons. Turntablist Lanz und Vokalistin Wassermann agieren bestens eingespielt, sind versiert im Frage-Antwort-Spiel, werfen einander die Ideen wie Ping Pong Bälle zu. Wassermanns Vokaltechnik ist erstaunlich, sie zischt, jubelt, stöhnt, nichts Menschliches scheint ihr fremd. Aus Lanz‘ drehenden Vinylscheiben ertönt Erstaunliches, er gibt immer wieder auch harmonische und rhythmische Richtung.
Beim Trio HÉMISPHÈRE wird zu Beginn viel gezupft, an der Gitarre von Paul Jarret, im Bauch des Klaviers von Karin Johansson. Donovan Von Martens am Bass intensiviert die Klänge, verbindet seine Partner, schafft so immer wieder eine nachvollziehbare Struktur. Insgesamt gerät die Musik zurückhaltend, fast ein wenig vorsichtig. Was nach dem Eröffnungsspektakel von Lanz und Wassermann auch die Gelegenheit zum Durchschnaufen gibt.

Celine Voccia. Foto: Manuel Miethe

Alexander Frangenheim. Foto: Gerard Boisnel
Große Kunst schaffen Céline Voccia am Piano und Kontrabassist Alexander Frangenheim. Der Bass beginnt mit zartem Flageolett, nutzt immer mehr alle nur erdenklichen Möglichkeiten seines Instrumentes, streicht und zupft, trommelt am Korpus, quietscht hinter dem Steg. Voccia präpariert ihr Klavier, greift auch zuweilen in die Saiten des Flügels, schlägt aber auch kraftstrotzende Akkorde. Es gibt keine Rollen wie Solo und Begleitung. Hier entsteht etwas Gemeinsames wie eine zärtliche Umarmung. Heftiger Applaus für wie gesagt große Kunst.
Waschtag nennt die Perkussionistin Elisabeth Flunger ihr Trio mit Alexander Babikov an der Gitarre und diversen Devices und dem Cellisten und Elektroniker Michael Moser. Die Drei gestalten eine wenig spektakuläre Klangcollage unter Einbeziehung von Alltagsgegenständen, die versucht, einen roten Faden erkennen zu lassen, auch eine Botschaft zu vermitteln. Wie weit die ankommt, bleibt offen. Gesprächsstoff bietet das Konzert jedoch allemal.
Spannendes bot in jedem Fall der Bassist Antti J. Virtaranta, Finne mit Wohnsitz Berlin. Fast eine Stude spielte der junge Virtuose ohne Applauspausen durch. Er türmt Klanghaufen übereinander, wie ein undurchdringliches Dickicht. Elektronik hilft dabei mit Loops und schier endlosen Wiederholungsschleifen. Virtaranta gelingt ein sowohl intellektuell als auch emotional mitreißender Auftritt. Die Begeisterung des Publikums berührt ihn sichtlich.
Christoph Haunschmid

