Ulm: „Die Meistersinger von Nürnberg“ – 07. 06. 2026
Kunst über Alles….

Joachim Goltz als Beckmesser, Gaeta Chailly als Kobold, Dae-Hee Shin als Hans Sachs, Maryna Zubko als Eva und Markus Francke als alther von Stolzing. Foto: Kerstin Schomburg
….das ist der Leitgedanke in der Inszenierung von Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ , die am 4. Juni am Theater Ulm ihre Premiere hatte und die vom Rezensenten am 7. 6. besucht wurde. Der scheidende Intendant Kay Metzger hat sich damit selbst ein Abschiedsgeschenk gemacht, denn es war ein langgehegter Wunsch von ihm, dieses Werk als Regisseur auf die Ulmer Bühne zu bringen. Und es war ihm wichtig, die Kunst in den Vordergrund zu stellen, die Politik außen vor zu lassen. Lediglich ein paar Archivfotos wiesen auf das Geschehen während der NSDAP-Zeit hin, ansonsten blieb er seinem Konzept treu: Kunst lebt von Veränderung, ob in der Malerei oder wie in Wagners komischer Oper in der Singerei oder Dichterei. So mutiert Beckmesser am Ende zum Autor und entwickelt eine Art sprachlichen Dadaismus, was selbst Hans Sachs sprachlos macht.
Ihm zur Seite stand ein ausgezeichnetes Ensemble, was bis auf zwei Gäste aus dem eigenen Haus stammt. Leider wird auch die Sopranistin Maryna Zubko nach acht Jahren das Ulmer Theater verlassen, in dem sie anspruchsvolle Partien wie Anna Bolena, Maria Stuarda, Desdemona, Mimi und viele mehr gesungen hat.
Mit der Rolle der Eva ist sie nun auch ins jugendlich-dramatische Fach gewechselt, was ihr mit Bravour gelungen ist. Ihre Stimme hat sich so entwickelt, dass sie mit kräftigen Tönen die Höhen mühelos bewältigt, mit zarten Klängen die verliebte Frau unterstreicht, und obendrein wird wieder einmal ihr schauspielerisches Talent sichtbar. Man kann nur wünschen, dass sie auf ihrem freischaffenden Werdegang noch mehr Angebote für Wagner-Partien bekommt, denn sie hat alle Voraussetzungen dafür.
Ein großes Lob gebührt auch Dae-Hee Shin, der den Schuster Hans Sachs eher mit Gutmütigkeit, Sanftheit und stimmlich fast zu lyrisch interpretiert. Aber das trügt, denn er treibt mit Beckmesser ein böses Spiel, indem er ihn zur Spottfigur macht. Dass dieser nicht wie sonst üblich vertrieben wird, sondern sogar am Ende großes Erstaunen und Lob von Sachs bekommt, verdankt er der Idee, ihm dichterische Fähigkeiten zuzuschreiben, um ihm somit als Autor die Würde wieder zu geben. In Mimik und Gestik sowie auch mit seiner charakteristischen Baritonstimme gab Joachim Goltz einen souveränen Stadtschreiber ab, der das spießbürgerliche sowie die Komik, die dieser Partie zugrunde liegen, köstlich umgesetzt hat.
Walther von Stolzing wurde mit Markus Francke besetzt. Er hat seine Tenorstimme gut eingeteilt, zunächst etwas zurückhaltend, sodass die Kraft für den dritten anstrengenden Akt mit dem Vortrag des Preisliedes voll da war und er keine Mühe hatte, Eva mit makellosen Gesang von seiner Liebe zu ihr zu beeindrucken.

Foto: Kerstin Schomburg
Guido Jentjens überzeugte als Veit Pogner, Evas Vater, mit zuverlässiger seriöser Bassstimme und und guter darstellerischer Leistung. Bleibt außer den vielen noch Mitwirkenden wie Handwerker, Nachtwächter und Amme, die alle ihr Bestes gegeben haben, noch der Lehrbub David zu erwähnen, der von der Kostümbildnerin Eva-Maria Weber so jugendlich gekleidet war, dass man ihm den Lehrbuben glaubhaft abnahm. Umso mehr überraschte dann auch die jugendliche Stimme, über die Joshua Spink verfügt, mit der dieser schon so eine anspruchsvolle Partie bewältigen und schauspielerisch umsetzen kann. Bravo.
Eine wunderbare Idee war auch der Einsatz eines Kobolds, der ständig anwesend war, beobachtete und dabei die Fäden in der Hand hielt. Er lenkte die Geschicke, ganz so, wie es im von Wagner verfassten Libretto vorgegeben war „Gott weiß, wie das geschah? – /Ein Kobold half wohl da“, und das hat der Tänzer Gaetan Chailly hervorragend und unterhaltsam umgesetzt.
Die Bühne wurde von einer breiten Treppe dominiert (Bühnenbild Petra Mollérus), auf der Opernchor sowie Extrachor des Theaters Ulm (Einstudierung Nikolaus Henseler) ihren großen Auftritt hatten, unterstützt vom Motettenchor der Münsterkantorei unter der Leitung von Friedemann Johannes. Das hatte zur Wirkung, einem aufmerksam blickenden Publikum gegenüber zu sitzen,was das Ganze von außen beobachtet. Mit einfachen Accessoires und Mitteln verwandelte sich das Bild in Schusters Stube oder dem Festsaal.
Die Stabführung lag an diesem Abend in der Hand von Nikolai Petersen, der, wie man hörte, dieses Werk zum ersten Mal dirigiert hat. Da spürte man anfangs tatsächlich ein wenig Nervosität, die sich aber von Akt zu Akt steigerte, sodass das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm zur gewohnten Stärke aufspielen konnte und diese Aufführung zu einem großen musikalischen Ereignis wurde.
Es war ein langer Abend, aber dank einer lockeren, humorvollen Inszenierung mit einem Happy End, nicht nur in der Liebe, sondern auch, indem sich Gesang und Dichtung miteinander zu höchster Kunst vereinen, und dank eines großartigen Ensembles war es eine gelungene Aufführung.
Inge Lore Tautz

