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TULLY

05.06.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 31. Mai 2018
TULLY
USA / 2018
Regie: Jason Reitman
Mit: Charlize Theron, Mackenzie Davis, Ron Livingston u.a.

Wann hat ein Film, der kein Comic-Abenteuer verfilmte, zuletzt so viel Aufsehen erregt wie „Tully“? Man erinnert sich kaum. Warum?

Tully ist die Antwort. Zumindest im ersten Teil des Films.

Die Antwort auf Lügen, auf unendlich viele süße Babyfotos mit strahlenden prominenten Eltern in den Regenbogen-Illustrierten. Die Antwort auf viele Jahre „glücklicher“ amerikanischer Fernsehserien. Auf das Klischee des „Mutterglücks“, das seine Realität nie hinterfragt hat.

Nun haben ja schon einige amerikanische Filme satirisch die „Moms“ rebellieren lassen, aber so radikal wie „Tully“ war noch keiner – zu Beginn zumindest, wie gesagt. Charlize Theron als Marlo, die Frau mit der 8jährigen Tochter und dem 6jährigen Problemsohn und einem ungeplanten dritten Kind im Bauch, kann nur noch aufschreien, wenn die Kinder herumplärren. Nach außen hin wahrt man natürlich die Klischee-Form: „Such a blessing“, sagt sie, wenn sie sich anderen Frauen gegenüber über den Bauch streichelt – aber ein Segen ist es wahrlich nicht.

Der Kindergarten will ihren Sohn loswerden, weil er so schwierig ist, sie soll sich einen Privatlehrer suchen, sagt man ihr glatt – egal, wie es ihr geht, wie viele Schwierigkeiten ihr das bereitet. Wer hilft ihr? Keiner. Tatsächlich scheint alle Welt einen Bogen um sie zu machen, um ja nicht um Hilfe gefragt zu werden.

Als das Baby dann kommt, schläft der Gatte friedlich vor dem Fernsehapparat, und der Film – die dritte Zusammenarbeit von Drehbuchautorin Diablo Cody und Regisseur Jason Reitman (sein Vater Ivan war Hollywoods Lustspielkönig, inszenierte die komischen Schwarzenegger-Filme) – ist wenigsten bei der Geburt gnädig: Die geht relativ rasch von statten. Dafür kommt der Schrecken danach. Wickeln, Scheiße wegputzen, Stillen, das Fläschchen fällt natürlich um und muss neu gemacht werden. Und das ewige Geschrei, das so gnadenlos an den Nerven sägt. Die blinde Müdigkeit der Mutter, die in diesen sich immer wiederholenden Ritualen kaum zum Schlafen kommt. Da liegt sie, fett nach der Geburt, müde beim Fernseher. Muss sich die Ideale der tollen Figuren ansehen und futtert in sich hinein. Und die Milch sickert durch den Busenhalter.

Und dann beginnt das Märchen. Der Bruder „spendiert“ eine „Night Nanny“, die abends kommt und der Mutter das Kind abnimmt. Natürlich will Marlo das zuerst nicht. „Kann sie stillen?“ („Does she breastfeed?“) fragt sie ganz richtig. Aber wenn Tully vor der Türe steht – dann ist Mary Poppins auferstanden. Die strahlende junge Frau, die nicht nur Baby Mia in die Arme nimmt, die nicht nur Cupcakes bäckt, die bald auch für Marlo zur Freundin und Gesprächspartnerin wird. Und gebildet ist sie auch – sie zitiert sogar das „And so to bed“ von Samuel Pepys. (Und weil Margo einmal Literatur studiert hat, bevor ihr das Leben aus den Händen glitt und in ein mörderisches Familien-Ritual gemündet ist, kennt sie das auch…)

Natürlich, man fragt sich als Kinobesucher einige Zeit, was da nicht stimmt – man hat ja (wie auch die zweifelnde Margo) genügend Kriminalfilme gesehen, wo sich die lieben Nannys als gefährliche Monster erwiesen haben. Doch nach und nach fasst man mit Margo Vertrauen – bis plötzlich alles wieder aus ist. Sie und Tully machen sich eine „Girls‘ Night Out“ in New York, trinken, Tully sagt aus heiterem Himmel, dass sie wieder gehen muss (ohne eine Begründung zu geben), Autounfall… als ob alles nur ein Traum gewesen wäre. Mit Sicherheit ist „Tully“ mittendrin eine andere Geschichte, ein anderer Film geworden.

Der auch anders endet – denn dann umarmt Margo ihren armen kleinen Sohn, er flüstert das in amerikanischen Filmen unabdingbare „I love you“, sie flüstert „I love you too“, der Ehemann kommt dazu, und man will nur hoffen, dass er künftig ein bisschen mehr bei Haushalt und Kindern mitarbeitet und nicht nur seine Videospiele spielt… Und jedenfalls gibt es ein zweifelsfreies Happyend wie in so vielen Hollywood-Filmen.

Kein Wunder, dass man eigentlich nur den harten, gnadenlosen Anfang bewundern möchte, der so vom Mainstream abweicht. Wo Charlize Theron (ihrerseits im Leben Mutter adoptierter Kinder, wenn man Wikipedia glaubt) bewundernswert ist, wie sie uneitel körperliche Unzulänglichkeit und seelische Müdigkeit ausstellt. Doch sobald Mackenzie Davis als Tully wie ein Traumgeschöpf erscheint, das es im wahren Leben wohl nicht gibt… da läuft der Film fast die bekannte Gefahr, die Dinger schöner zu pinseln, als sie es verdienen…

Renate Wagner

 

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