21.06.2026: TEATRO VERDI, TRIESTE – ELEKTRA

© V. Hribernig-Körber
Es ist ein antiker Raum mit schäbiger Wandverkleidung, den das goldene Tuch (Symbol der untergegangenen Herrlichkeit des Atriden-Geschlechts?), welches für die eintretenden Zuschauer die gesamte bereits offene Bühne verhüllt, im Fallen zum wuchtigen, die Tragödie eröffnenden d-moll Akkord freigibt. Ein Raum, dessen Mitte ein riesiges Becken einnimmt, aus dem in einem fort heiß brodelnde Dämpfe aufsteigen: einst wohl das Bad des Palastes, also der Tatort der Ermordung des Königs Agamemnon, nun, frei nach Thomas Mann, der „tiefe Brunnen der Vergangenheit“, oder das „Unterbewusste“, aus dem stumm und schaurig zu den Vorgängen auf der Bühne Gestalten auftauchen und wieder verschwinden. Der blutüberströmte, nackte Leichnam des erschlagenen Agamemnon, die nächtlichen Erinnerungen der Königin an den gemeinsam mit dem Buhlen begangenen Anschlag auf ihren Gatten, die irreale, verklärte Vision einer jungen, unversehrten Königstochter, die das Licht des Mondes (buchstäblich) „in ihres Körpers weißer Nacktheit“ baden lässt …
Auf solche Weise tiefenpsychologisch transparent (was der Anlage des Librettos von Hofmannsthal bekanntlich durchaus entspricht) ereignet sich unter der Regie von Marco Filiberti in den klassisch-antikisierenden Kostümen von Daniele Gelsi auf der praktikablen, stimmungsvollen Bühne von Benito Leonori der expressionistische Einakter von Richard Strauss, der am Teatro Verdi innerhalb der letzten hundert Jahre auf eine beachtliche Aufführungstradition von insgesamt vier Produktionen zurückblicken kann. Dass man dazu den Orchestergraben in die Szenerie einbindet, weil das riesige Orchester ohnehin nur auf der Hinterbühne unterzubringen ist, ist vielleicht das einzige Manko dieser packenden Produktion, da damit die Interpretation der komplexen und nuancenreichen Partitur durch Enrico Calesso gegen ungünstige akustische Voraussetzungen antreten muss, was einerseits da und dort zu etwas abgedämpfter Wucht, andererseits zu einer reduzierten Wahrnehmbarkeit der filigranen Passagen führt.

Schulze, Schneider, Batoukova-Kerl, Filiberti, Calesso, Von der Damerau, Petrenko
© V. Hribernig-Körber
Die Sängerriege hätte dieses ihren Kräften zweifellos entgegenkommende Arrangement keineswegs benötigt. Denn mit Elena Batoukova-Kerl, die unlängst erst in Linz als Puccinis Principessa del gelo reussierte, stand für die Titelpartie eine kraftvolle Hochdramatische zur Verfügung, die mit wuchtiger Mittellage und klug platzierter Höhe (Batoukova-Kerl singt größtenteils eigentlich Mezzo-Partien) die mörderische Partie quasi mühelos bewältigte, trotz zweier in der zweiten Szene mit Chrysothemis und in der Erkennungsszene aufgemachter Striche, die ihr noch einmal gut zehn Minuten zusätzlichen Gesang abgefordert haben. Dass sie im Mittelteil in der hohen Attacke vorsichtiger agierte, mag auch damit zusammenhängen, dass ihr seit der Premiere nur ein Tag Pause gegönnt gewesen ist. Batoukovas stilistische Eigenheit, gelegentlich in expressionistisch überartikulierten Sprechgesang zu fallen, ist vielleicht nicht jedermanns Sache, zumal sie sich dabei in der Intonation recht weit aus dem „Fenster lehnt“. Im Ausdruck ist ihre Elektra eine harte, zynische Frau, eine statuarische Rachegestalt, die ihrer Umgebung Angst einflößt und weder gegenüber der Schwester noch gegenüber der Mutter, ja kaum zum ersehnten Bruder zu irgendeiner Empathie fähig ist. Nur einmal, als sie bemerkt, dass sie dem Bruder das so lange versteckt gehaltene Beil für den Muttermord nicht mitgegeben hat, bricht eine weiche, verzweifelte Regung aus ihr hervor – ein Gänsehaut-Moment.
Die Chrysothemis von Simone Schneider kann nicht anders denn als beeindruckendes Naturereignis bezeichnet werden, so selbstverständlich, so technísch souverän, so klar artikulierend lässt sie ihren blühenden Sopran über alle Lagen strömen und erfüllt damit das ganze Haus. Eine herausragende, aktuell wahrscheinlich konkurrenzlose Leistung einer herausragenden Künstlerin auf dem Zenit ihrer Karriere. Aber auch Okka von der Damerau konnte als Klythämnestra mit süffigem Mezzo und müheloser Höhe beeindrucken – so oft ist diese Partie, die häufig von Hochdramatischen am Ende ihrer Karriere besetzt wird, ja nicht so „gesund“ und üppig zu hören. Lediglich die von Alpträumen und Gewissensqualen zerfressene Brüchigkeit der Gestalt gerät dabei natürlich ein wenig ins Hintertreffen.
Mikhail Petrenko wirkte als Orest inmitten solcher „Frauen-Power“ ein wenig angestrengt, gesanglich nicht restlos fokussiert und darstellerisch etwas teilnahmslos. Wie viel davon Vorgabe der Personenregie war und wieviel eigene Persönlichkeit, bleibt dahingestellt. Markant und kräftig gestaltete Alexander Schulz den kurzen Auftritt des Aegisth.
Die kleineren Rollen waren mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Region zufriedenstellen besetzt, insbesondere unter dem weiblichen Gesinde ließ die eine oder andere Stimme durchaus aufhorchen. Ein wenig mehr Wortdeutlichkeit hätte man vertragen, und die Tatsache, dass die Sänger auf die Monitore angewiesen waren (da ja sie wie geschildert Rücken an Rücken mit dem Dirigenten agieren mussten), erwies sich für einige von ihnen doch als ziemliches Handicap.
Weitere Vorstellungen noch am kommenden Wochenende 26.-28.6.
Valentino Hribernig-Körber

