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TODESFÄLLE (Stand MAI 2022)

30.03.2022 | Todestage

TODESFÄLLE (Stand Mai 2022)

In Memoriam Teresa Berganza (1933-2022)
Teresa Berganza ist am 13.5.2022 gestorben

Sie hatte am gleichen Tag Geburtstag wie Christa Ludwig, nur war sie fünf Jahre jünger als ihre deutsche Kollegin. Die spanische Mezzosopranistin Teresa Berganza ist gestern in San Lorenzo de El Escorial verstorben. Sie war zweifelsfrei eine der größten Mozart- und Rossini-Sängerinnen des 20. Jahrhunderts. Keine konnte schnellere, genauere und ausgeglichenere Zweiunddreißigstel-Vokalisen singen wie sie. Ich werde nie vergessen, wie sie 1994 (immerhin schon im Alter von 61 Jahren!) bei den Salzburger Festspielen die Canzonetta spagnuola von Rossini sang, und zwar mit noch mehr Verzierungen, wie etwa Cecilia Bartoli es tut. Die Bartoli saß in der Loge des Mozarteums und sprang danach begeistert auf und rief laut Brava! Herbert von Karajan holte sie bereits 1959 an die Wiener Staatsoper, wo sie zweimal den Cherubino und einmal die Dorabella sang. 1977 kehrte sie zurück um dreimal den Sesto in LA CLEMENZA DI TITO (den sie ein Jahr zuvor schon bei den Wiener Festwochen im Theater an der Wien interpretiert hatte) zu singen. Und dann sang sie ein letztes Mal in einer Sevilla-Gala einen Akt aus LE NOZZE DI FIGARO und den letzten Akt aus CARMEN. Insgesamt trat sie nur in 7 Vorstellungen an der Staatsoper auf! Sämtliche Wiener Operndirektoren nach Karajan sollten sich schämen! Aber immerhin habe ich in Wien neben dem Sesto noch 10 Liederabende (im Musikverein und im Konzerthaus) und bei den Salzburger Festspielen noch 5 Liederabende mit ihr erleben können. Jeder Abend war ein Ereignis! Das letzte Mal sah ich sie 2011, als sie im Teatro Real Madrid anlässlich einer Geburtstagsfeier für Plácido Domingo „Happy birthday“ ganz lasziv in Marilyn Monroe-Manier sang. Unvergesslich! R.I.P.

Walter Nowotny (nachfolgend noch einige biographische Details)

Teresa Berganza, die eigentlich Teresa Vargas hieß, wurde am 16. März 1933 in Madrid geboren und studierte am Konservatorium von Madrid bei Lola Rodriguez de Aragon, die eine Schülerin der großen Elisabeth Schumann gewesen war. Sie gewann beim alljährlichen Gesangwettbewerb 1954 in Madrid den ersten Preis. 1955 debütierte sie als Konzertsängerin. Bühnendebüt 1957 bei den Festspielen von Aix-en-Provence als Dorabella in »Così fan tutte«. Seitdem sang sie sehr oft in Aix (u.a. 1960 in »Dido and Aeneas« von Purcell, 1978 in »Alcina« von Händel). Bei den Festspielen von Glyndebourne 1958 als Cherubino in »Le nozze di Figaro«  und 1959 als Angelina in »La Cenerentola« von Rossini begeistert gefeiert. 1958 debütierte sie als Page Isolier in »Le Comte Ory« von Rossini an der Mailänder Scala und trat hier bis 1997 immer wieder auf (1961-62 Dorabella, 1961 Titelrolle der Oper »Orontea« von Cesti, 1963 Dido in Purcells »Dido and Aeneas«, 1969 Rosina im »Barbier von Sevilla«, 1973 und 1975 Angelina in »La Cenerentola«, 1973 Isabella in »L’Italiana in Algeri«, 1974 Cherubino; dazu trat sie dort auch in Konzerten auf und gab Liederabende). Gastspiele an der Staatsoper von Wien (1959 als Cherubino und als Dorabella, 1977 als Sesto in Mozarts »La clemenza di Tito«), an der Londoner Covent Garden Oper (Debüt 1959 als Cherubino, 1960 als Rosina, 1963 wieder als Cherubino), an der Grand Opéra Paris (1973-74, 1976, 1978 und 1980 als Cherubino, 1977 als Angelina, 1980 und 1982 als Carmen), in Lausanne (1986 als Dido in »Dido and Aeneas«), an der Oper von Dallas (1958 als Isabella und als Neris in »Medea« von Cherubini) brachten ihr große Erfolge ein. Bereits 1958 hörte man sie am Teatro San Carlo Neapel als Angelina, am Opernhaus von Zürich 1960 als Rosina, 1979 als Charlotte in »Werther« von Massenet. In ihrer spanischen Heimat hörte man sie u.a. 1964 am Teatro Zarzuela Madrid als Cherubino und als Cenerentola, 1971 in der letztgenannten Rolle auch am Gran Teatre del Liceu in Barcelona, 1988 bei der Eröffnungsvorstellung des Auditorio Nacional de Música in Madrid in einer Aufführung von »L‘Atlantida« von M. de Falla (zusammen mit Montserrat Caballé und Vicente Sardinero). An der Oper von Chicago war sie 1962 als Cherubino zu Gast, an der San Francisco Opera 1968 als Rosina, 1969 als Angelina, 1970 als Dorabella und 1981 als Carmen, in Buenos Aires 1967 als Dorabella und 1969 als Sesto in Mozarts »La clemenza di Tito«, in Stockholm 1971 wiederum als Rosina. Debüt an der Metropolitan Oper New York 1967 als Cherubino. Sie trat dort während zwei Spielzeiten in 15 Vorstellungen auf, auch als Rosina. Bei den Salzburger Festspielen sang sie 1972-73 den Cherubino und gab dort in den Jahren 1983, 1988, 1990, 1994 und noch 2002 Liederabende. 1977 grandioser Erfolg beim Edinburgh Festival als Carmen, eine ihrer größten Kreationen auf der Bühne. 1991 am Teatro San Carlos Lissabon und in Madrid als Rinaldo in der Händel-Oper gleichen Namens zu Gast; am 13.7.1989 wirkte sie im Eröffnungskonzert der neu erbauten Opéra Bastille in Paris mit und sang im gleichen Jahr im dortigen Omnisport-Palais die Carmen. 1991 gastierte sie am Teatro Zarzuela in Madrid in »Rinaldo« von Händel, 1992 am Teatro de la Maestranza in Sevilla als Carmen. 1992 trat sie in den spektakulären Konzerten bei der Weltausstellung von Sevilla und bei der Olympiade von Barcelona auf. Sie unternahm ausgedehnte Konzerttourneen durch die USA (wo sie bereits 1962 in der New Yorker Carnegie Hall auftrat), in Deutschland (erster Liederabend 1963 in München), in Südafrika (1973), Polen (1974, 1977), in der Tschechoslowakei und in Japan. Aus ihrem Repertoire für die Bühne sind noch die Concepcion in »L’Heure espagnole« von Ravel, die Dulcinée in Massenets »Don Quichotte« und die Salud in »La vida breve« von M. de Falla nachzutragen. Dank der eigentümlichen dunklen Timbrierung ihrer Stimme und der Perfektion ihrer Gesangstechnik konnte sie Sopranpartien, vor allen Dingen aber eine Vielzahl von schwierigen Koloratur-Alt-Partien übernehmen. Schwerpunkte in ihrem Repertoire bildeten die Opern von Mozart und Rossini. Dazu große Interpretin des spanischen, aber auch des deutschen und allgemein des europäischen Liedes und Oratoriensängerin. Zeitweilig (seit 1957) verheiratet mit dem Pianisten Felix Lavilla, der sie bei ihren glanzvollen Liederabenden begleitete; sie wohnte in Madrid. Ihre Tochter Cecilia Lavilla Berganza trat als Sopranistin u.a. am Opernhaus von Sevilla auf. Teresa Berganza veröffentlichte »Medicaciones de Una Cantante« (Madrid 1985). 1995 wurde sie als erste Frau und Sängerin (seit 250 Jahren) in die Königliche Spanische Akademie der schönen Künste aufgenommen.

Lit.: M. Harewood: »Teresa Berganza« (London, 1967); S. Segalini: »Teresa Berganza« (Paris, ohne Jahresangabe).

Schallplatten: Ihre ersten Aufnahmen mit Melodien aus Zarzuelas erschienen bei London international; danach Opern-Aufnahmen bei Decca und HMV (»Le nozze di Figaro«, »Il barbiere di Siviglia«, »Alcina« von Händel, »La clemenza di Tito« von Mozart, »L’Italiana in Algeri« von Rossini), Solistin im Stabat mater von Pergolesi auf DGG, hier auch in »La Cenerentola« von Rossini, in »Carmen«, in »La vida breve« von de Falla und in »El gato Montés« von Manuel Penella, auf Orfeo in »La finta semplice« von Mozart, auf CBS (Zerline im »Don Giovanni«, spanische Lieder) und Claves (Lieder von Schumann »Frauenliebe und -leben«/ und Mussorgsky) zu hören. Weitere Aufnahmen auf Penzance (»Medea« von Cherubini), auf Movimento Musica (»L‘Italiana in Algeri«), auf EMI (»Don Quichotte« von Massenet), Auvidis-Valois (»L’Atlantida« von de Falla-Halffter) und auf Erato (»Dido and Aeneas« von Purcell).

Weitere Informationen auf ihrer Homepage: http://www.teresaberganza.com/

 

Sopranistin Kumiko Oshita am 7.2. in Japan verstorben

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hiermit erlaube ich mir, Ihnen mitzuteilen, dass ich zu meinem Kummer erfahren habe, dass die Sopranistin Kumiko Oshita in Japan verstorben ist. Beleg: Facebook-Verlautbarung der Universität Aichi, wo sie bis zu Beginn ihres Ruhestands als Professorin wirkte; Beleg unter: https://m.facebook.com/740879715977376/posts/4970481536350485/?d=n

 Kumiko Oshita war als junge Sopranistin von 1975 bis 1978 Ensemblemitglied an den (damals) Städtischen Bühnen Heidelberg, wo sie innerhalb kürzester Zeit zum erklärten Publikumsliebling avancierte. Zu ihrem umfangreichen Rollenrepertoire dort zählten: Susanna in „Die Hochzeit des Figaro“, Mimí in „La Bohème“, Pamina in „Die Zauberflöte“, Zerlina in „Don Giovanni“, Euridice in Monteverdis „Orfeo“, Helena in „Ein Sommernachtstraum“, Carolina in „Die heimliche Ehe“, Filide/Celia in Haydns „Die belohnte Treue“, Romilda in „Xerxes“, Micaela in „Carmen“, Echo in „Ariadne auf Naxos“ (Regie: Frank Günther).

Eine besondere Arbeitsbeziehung bestand in dieser Zeit zu den Regisseuren Siegfried Schoenbohm, einem Felsenstein-Schüler (u. a. bei „Die Hochzeit des Figaro“, „La Bohème“, „Die belohnte Treue“, „Ein Sommernachtstraum“) und John Dew (u. a. bei „Carmen“, „Orfeo“, „Die heimliche Ehe“).

Die auffallende Schönheit ihres Soprans führte 1978 – direkt vom Engagement im (kleinen) Heidelberg aus, was ein ‚Karrieresprung‘ war, der zu diesem Zeitpunkt als ungewöhnlich angesehen werden durfte – zu einer Verpflichtung bei den Bayreuther Festspielen (Blumenmädchen in „Parsifal“ 1978).

Ab 1978, im Anschluss an das Heidelberger Engagement, war sie am Staatstheater Hannover, dann am Staatstheater Kassel (bis 1991).

In Kassel kam es erneut zur Zusammenarbeit mit Siegfried Schoenbohm, u. a. bei „Der Ring des Nibelungen“ (u. a. als Freia). Ihr Repertoire erweiterte sie in dieser Zeit immer weiter – bei „Don Giovanni“, um nur ein Beispiel zu nennen, wurden nun Donna Anna und Donna Elvira ihre Partien.

Im Jahr 1991 kehrte sie meines Wissens nach Japan zurück. In Japan wirkte sie – wohl bis zu ihrer Pensionierung – als Gesangsprofessorin an der Universität von Aichi.

Bislang scheint in Europa noch niemand Notiz von ihrem Ableben genommen zu haben. Die Zeit geht ja doch über alle und alles hinweg, auch – wie wir ja wissen – über die einst gefeierten Persönlichkeiten der Bühne.

Da ich Kumiko Oshita in ihrer Heidelberger Zeit intensiv erlebt habe, ist es mir ein geradezu „persönlich biographisches“ Anliegen, die Künstlerin – auch wenn ihre Karriere hier schon eine Weile zurück liegt und sich eventuell nur noch Wenige erinnern –  eventuell auch jetzt im Nachhinein gewürdigt zu sehen.

Georg Kehren
Chefdramaturg der Oper Köln

 

 

 

 

 

 

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