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THOMAS WEINHAPPEL: ich bin dankbar, diesen Beruf ausüben zu dürfen

10.05.2018 | Sänger

Thomas Weinhappel – Ich bin dankbar, diesen Beruf ausüben zu dürfen!

(April 2018/

von Renate Publig)


Thomas Weinhappel © Christian Heredia

 

In Tschechien heimste Thomas Weinhappel für seinen „Hamlet“ in Ambroise Thomas‘ gleichnamiger Oper gleich zwei Preise ein. Der Bariton wird im Sommer in Kirchstetten als Figaro in Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“ und in Falkenstein als Escamillo in Bizets „Carmen“ zu hören sein, und für den 21.9.2018 ist ein Konzert mit Schwerpunkt Operette und Musical geplant. Anfang April war der sympathische Sänger zu Gast beim „Merker“.

 

Sie verkörperten den Don Giovanni, der wahrscheinlich für jeden Bariton eine Traumrolle ist. Was macht für Sie den Mythos dieser Figur aus?

Don Giovanni ist tatsächlich für jeden Bariton eine besondere Partie. Ein Regisseur fand dafür sehr treffende Worte: „Man muss diese Partie so singen, dass alle Frauen dich wollen und alle Männer so sein wollen wie du.“ Mit Beginn der Oper endet das Glück des bisher erfolgreichen Mannes. Alles geht schief, dennoch findet er immer wieder den Boden unter den Füßen. Und er ist furchtlos, sogar bis zu seinem Tod – eine faszinierende Rolle, denn auf gewisse Weise steckt in jedem Almaviva oder Guglielmo ein Möchtegern-Don Giovanni. Andererseits macht diese Partie nur eine einzelne Facette des reichhaltigen Baritonfachs aus.

 

Giovanni steht zwar fast ständig auf der Bühne, hat aber im Verhältnis zu den anderen Partien kaum Soloszenen und Arien … eine besondere Herausforderung für einen Sänger?

Es erschwert das Spiel, man ist ein bisschen neidisch, wenn alle anderen Figuren ihre herrlichen langen Arien singen dürfen! Luigi Bassi, der erste Don Giovanni, hatte meines Wissens lediglich die Champagnerarie zu singen, erst später fügte Mozart „Deh, vieni alla finestra“ und „Metá di voi qua vadano“ ein. Allerdings macht das „Finale ultimo“ alles wieder wett.

 

Komplett konträr zu Don Giovanni ist die Rolle des Papageno, den Sie ebenfalls verkörpern!

Höchst interessant, dass Mozart für Bariton diese beiden Partien komponiert hat, die konträrer nicht sein könnten. Auf der Bühne stellt man stets eine Rolle dar, die man allerdings nur danach gestaltet, was man sich vorstellen kann. Sehr heilsam empfinde ich es, Anteile in sich selbst ausleben zu können! Ich durfte den Pagageno unter anderem in St. Margarethen verkörpern, unter Manfred Waber. Ein besonderes Erlebnis gab es in dem Jahr, als ich parallel Papageno und Danilo darstellte. Ich empfand es als großes Kompliment, dass die Zuhörer hinterher jeweils meinten, dass sie sich mich gar nicht in der anderen Rolle vorstellen können, weil ich mich derart in die jeweilige Rolle hineinversetzt hatte

Die besondere Herausforderung der Partie des Papageno besteht darin, dass man auch sprechen muss, was in Sängerausbildung oft nicht ausreichend behandelt wird. Daher arbeitete ich mit Schauspielern zusammen!

Thomas Weinhappel als Papageno © Herrgott

 

Mit acht Jahren wurden Sie Mitglied der Wiener Sängerknaben … Wie kam es dazu?

Ich komme aus einer Familie mit vier Kindern. Mein Vater träumte von einem Werdegang bei den Sängerknaben, was ihm als einzigen Sohn einer Bauernfamilie nicht vergönnt war, er musste stets einen „Brotberuf“ ausüben. Doch er lernte Gitarre, sang in Kirchenchören, und zunächst gab er meinem Bruder, der ist sechs Jahre älter als ich, die Chance, Musik auszuüben. Mein Bruder lehnte jedoch dankend ab und ist heute glücklich als LKW-Fahrer!

Mein Vater und ich zogen uns oft ins Musikzimmer zurück, wo wir gemeinsam viel hörten, von Peter Alexander über Operette oder Musical bis hin zu Wagner. Er konnte mir die breite Palette der Musik eröffnen, weil er so Spannendes zu erzählen wusste. Das hat uns extrem verbunden. Meine Mutter erzählt, dass ich ab vier Jahren alle nervte, ob ich etwas vorsingen dürfte. Dieses Brennen steckte seit jeher in mir, ich bin sehr dankbar, diesen Beruf ausüben zu dürfen.
Bei den Sängerknaben genoss ich eine fundierte Ausbildung, ab 10 Jahren durfte ich Altsoli singen, davon existieren sogar noch Aufnahmen! Ich empfand es bereits damals als großes Privileg, und schon als Kind achtete ich Wochen davor darauf, gesund zu bleiben– ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre!

 

Nicht jeder ehemalige Sängerknabe widmet jedoch auch sein späteres Leben dem Gesang?

Für mich hatte Musik stets eine große Bedeutung, die mir jedoch besonders bewusst wurde, als ich mit 12 Jahren an einem Bindegewebstumor erkrankte. Während der Aufenthalte im Krankenhaus konnte ich nicht singen, nicht auf der Bühne stehen. Das fehlte mir so sehr! Zum Glück ist alles gut überstanden. Danach tauschte ich mich mit Menschen aus, die ebenfalls schwere Krankheiten besiegt hatten, und gemeinsam stellten wir fest, dass man eine bewusstere Lebensfreude entwickelt. Natürlich hat man nach wie vor profane Wünsche wie ein Auto oder eine schöne Wohnung. Aber ohne Schmerzen leben zu können und seinen Beruf ausüben zu können, das rückt in den Mittelpunkt. Alles im Leben kommt mit Grund, und wenn diese Erkenntnis der Grund war, habe ich meine Lektion gelernt.

 

Nach Ihrem Studium an der Musikuniversität engagierte Sie Michael Haneke für seinen preisgekrönten Film „Die Klavierspielerin“ nach Elfriede Jelineks gleichnamigem Roman und urteilte: „Er macht aus Rollen Menschen“.

Michael Haneke fügte als großer Julius Patzak-Fan in seinem Drehbuch diese Gesangsrolle ein die im Buch von Elfriede Jelinek nicht vorkommt, ursprünglich für einen jungen Tenor. Ich war damals 18 oder 19 Jahre alt und sang zu der Zeit in Salzburg in einem Chor. Wir drehten ein Demo-Video, und als Haneke keinen Tenor fand, der seine Ansprüche erfüllte, entschied er sich für einen Bariton.

Mit einer Größe wie Isabelle Huppert zu drehen, ist ein unbeschreibliches Erlebnis. Wir hatten eine gemeinsame Szene, in welcher ich einen jungen Opernsänger spielte, der sich beklagt, nicht singen zu können, wenn sie zu spät käme. Von dieser Erfahrung beim Film konnte ich mir sehr viel mitnehmen, sowohl von Haneke, als auch von Isabelle Huppert. Privat wirkt sie fast unscheinbar, doch sobald die Kamera läuft, erliegt man ihrer Ausstrahlung. Ihre Energie übertrug sich auf mich.

Und – was ist eine Rolle? Im Prinzip totes Papier. Um Menschen zu berühren, muss man den Figuren Leben einhauchen, also sein Sängerherz öffnen, selbst auf die Gefahr hin, dass jemand darauf herumtrampelt. Doch sonst bleiben die Rollen leere Gesangshüllen.

 

In diesem Film sangen Sie Lieder aus Schuberts Winterreise … ein Zyklus, über den man ein eigenes Gespräch führen könnte!

Der Zyklus beschäftigt mich schon sehr lange, den Lindenbaum sang ich bereits mit meinem Vater, dann folgte eben die „Klavierspielerin“. Mit 21 Jahren beschloss ich, den Zyklus erstmals komplett zu singen und wurde vom ORF unter anderem gefragt, ob ich dafür nicht zu jung wäre. Doch es geht um das Liebesleid eines Menschen, etwas, was man in dem Alter wahrscheinlich bereits erlitten hat! Natürlich war mein Zugang zu dem Zyklus damals ein anderer als heute. In der Zwischenzeit habe ich diesen Zyklus viele Male gestaltet, je mehr ich mich damit beschäftige, umso mehr Facetten. und Farben entdecke ich. Das Thema ist zeitlos und stets aktuell! Ein Hauptthema ist natürlich die seelische Kälte, deshalb enthält die Winterreise für mich auch eine Mahnung, aufeinander mehr zu hören, zuzugehen, für einander da zu sein. Ich möchte bei den Zuhörern Empathie für das Schicksal des „Wanderers“ wecken, das wir alle in irgendeiner Form bereits erlebt haben.

 

Sie sangen die Winterreise neben der originalen Fassung für Klavier auch in einer Streichquartett-Fassung?

Diese Zusammenarbeit regte das Auner-Quartett an. Im Zuge dieses Projektes lernte ich einen neuen Aspekt kennen: Pianisten sind die Zusammenarbeit mit Sängern gewohnt, sie wissen, dass Liedbegleitung anderen Regeln unterliegt als das Spiel mit anderen Instrumentalsolisten. Die Begegnung von Solostreichern und Gesangsolisten ist ungewöhnlicher, daher durfte ich vermitteln, wie Gesang „funktioniert“, und entdeckte daran große Freude. In fernerer Zukunft könnte Unterrichten also eine Option sein.

 

 

Lied oder Oper, welches Genre bevorzugen Sie?

In der Oper muss man allen Facetten – Kostüme, Licht, Regieanweisungen – gerecht werden. Natürlich bleibt mir ein Spielraum, wie ich eine Rolle in diesem scheinbaren Korsett tatsächlich anlege. Man kann sich in einer Oper jedenfalls hinter Regieanweisungen flüchten und ist durch das Kostüm quasi geschützt. Beim Lied steht nur mit dem Pianisten auf der Bühne – man macht sich verletzbar und angreifbar. Aber im Lied eröffnet sich dem Sänger ein enormer Freiraum in der Interpretation. Man darf sich wesentlich mehr trauen. Schwierig – vom kreativen Aspekt der Gestaltungsmöglichkeiten schätze ich das Lied besonders. Ich würde mich jedoch freuen, als Allrounder bekannt zu sein, ohne auf einen Typus oder ein Genre festgelegt zu werden!

 

Was empfinden Sie als wichtiger, die Musik oder das Wort?

Möglicherweise zunächst die Melodie, doch das Libretto beflügelt den Komponisten, also geht beides Hand in Hand. Ich befürworte das Singen in Originalsprache, weil gute Komponisten in ihrer Komposition die Sprachmelodie berücksichtigen. Wenn durch die Übersetzung unwichtige Silben am betonten Spitzenton liegen, kann ein Werk an Wirkung verlieren!


Thomas Weinhappel als Hamlet, © Martina Root / Pilsen

 

Von einem tiefgründigen Werk zum nächsten: Eine höchst komplexe Figur ist die des Hamlet. Sind dies Ihre bevorzugten Werke?

Glücklicherweise sind im Baritonfach generell vielschichtigere Partien zu finden. Doch es stimmt, diese Charaktere sprechen mich an. Hamlet, ist Weltliteratur, dieser Stoff ist zeitlos. Meiner Meinung nach ist diese Oper von Ambroise Thomas zu Unrecht kaum auf Bühnen zu finden. In Tschechien gibt es eine Renaissance. Manche Opern werden ständig gespielt, manche verschwinden zu Recht in der Versenkung, bei anderen wie dieser ist es mir nicht verständlich.

 

Mit dem Hamlet gewannen Sie den Thalia Award 2016 und den Libuska Award 2017!

Eine große Ehre, dass diese Aufgabe, die Partie zu singen, bereits vor drei Jahren an mich herangetragen wurde.

Hamlet ist extrem zerrissen: Ein junger Mann, dem als Königssohn alles offen steht, er hat mit Ophelia eine wunderschöne Geliebte. Doch mit dem Tod seines Vaters verliert der Königssohn den Halt, auch Ophelia kann ihn nicht stabilisieren, denn Hamlet ahnt den Verrat seines Onkels Claudius von Anfang an.

Mit dieser Rolle verbindet mich eine traurige Parallele: Mein Vater starb, als ich 18 war, und wenn ich zu Beginn der Oper am Grab des Vaters stehe, ist das ein Wechselbad der Gefühle. Ich bin in jeder Vorstellung berührt und möchte diese Gefühle auch zulassen!

Die Rolle erfordert mit ihren vier Arien eine gute Kondition. Operngesang ist Sport, ein Marathon, für den man sich die Kraft einteilen muss. Thomas Hampson gab mir den Rat, vor allem beim Finale des 2. Aktes nicht der Versuchung zu unterliegen, zu viel zu geben. Hamlet erhält den Beweis, dass der Vater mit Wissen seiner Mutter und seines Onkels vergiftet wurde. Sehr dramatisch – doch es folgen noch weitere drei Akte!

Die Partie singe ich nun seit drei Jahren und man wächst mit jeder Aufführung in eine Rolle hinein – und legt sich zugleich den Grundstein für andere Partien, vielleicht für einen Wolfram oder einen Posa,

 

Wie lange brauchen Sie nach einem Hamlet, um wieder „Sie selbst“ zu sein?

Das geht sehr schnell, sonst wäre es sehr ungesund. Man hat auch ein Privatleben, und manchmal muss man sich ein wenig zwingen, in den normalen Alltag zurückzufinden. Eine Opernpartie wie der Hamlet enthält so viel „Technisches“, das Umkleiden, das Auf- und Abtreten, die Regieanweisungen, die man im Hinterkopf hat. Bei einer Winterreise, wenn man rund 70 Minuten durchsingt und durchlebt, braucht es allerdings ein wenig länger, bis alles abfällt.

 

Wenn Sie auf der Bühne stehen, gelingt es Ihnen, mitzuleben oder eine besondere musikalische Wendung zu genießen?

Mitleben – total. Genießen kann man allerdings nicht mehr, dazu ist man zu sehr in der Rolle. Man sieht symbolisch ständig dieses „rote Licht“, die Konzentration ist enorm. Genießen kann man hoffentlich den Applaus! (lacht)

 

Bei Ihrem Auftritt am 14. April 2018 im Borromäussaal stellten Sie ein gemischtes Programm vor – wie kam es zu dieser Zusammenstellung?

Der rote Faden ist, zu zeigen, welche Musik mich gerade beschäftigt. Im Ausland durfte ich schöne Erfolge feiern, von Don Giovanni über Hamlet.dDese Arien möchte ich nun in meiner Heimat präsentieren. Im zweiten Teil klingen Zukunftsvisionen an, zum einen meine große neue Liebe Richard Wagner, aber auch Verdis Posa. Den Abend beende ich bewusst mit Liedern von Franz Schubert, die ich noch mit meinem Vater sang, der Musensohn, das Ständchen, die Forelle.

Das Programm mutet unorthodox an, was in früheren Zeiten durchaus üblich war. Im Schumann-Museum in Zwickau sieht man in den Programmen, dass innerhalb eines Konzertes bunt gemischt wurde: Streichquartette mit Arien und Liedern, dann wurde wieder Kammermusik vorgetragen. Diese Spezifizierung ist eher eine neuere Entwicklung. Ich denke jedoch, man darf auch heute noch Programme zusammenstellen, die das Publikum hören will!

 

Über welche Zukunftspläne dürfen Sie schon sprechen?

Im Herbst singe ich in Paris in der Opéra de Massy den Papageno. Außerdem kommt im Sommer in Kirchstetten endlich der „Barbier von Sevilla“, was mich besonders freut, denn dieses Festival mit fünf Wochen Probenarbeit und acht Vorstellungen ist prädestiniert, dass man als Sänger in eine Rolle hineinwächst und feine Nuancen herausarbeiten kann. Außerdem singe ich in Falkenstein den Escamillo. Eine besondere Herausforderung, zwischen Figaro und Escamillo hin und her zu wechseln. Für die Saison 2018/19 habe ich auch bereits mit dem Stadttheater Baden einen Vertrag, für welche Partie, darf ich jedoch erst nach der Pressekonferenz am 30. Mai verraten …

 

Und von welchen Partien träumen Sie?

Wie gesagt, gilt meine große Liebe Richard Wagner, die Partie des Wolfram wäre für mich der gesündeste und logischste Einstieg. Doch natürlich träume ich auch Posa und vielen andern Partien. Durch den Hamlet konnte sich die Stimme weiterentwickeln, im Baritonfach sind so wunderbare Rollen zu finden, sowohl musikalisch als auch charakterlich: Auf der einen Seite der Skala der Don Giovanni als eine der egozentrischsten Partien, und auf der anderen Seite Posa, der für seinen Freund in den Tod geht, oder Wolfram, der sowohl Elisabeth als auch Tannhäuser selbstlos zur Seite steht.

 

Welche Musik hören Sie gerne „außerdienstlich“? Und was machen Sie, um zu entspannen?

Es tut gut, ab und zu nicht Oper zu hören. (lacht) Mir gefällt sehr unterschiedliche Musik, zum Beispiel Jazz. Bei klassischen Stimmen lässt sich das analytische Hören kaum abstellen, da ist es sehr entspannend, eine andere Gesangsart zu hören. Außerdem tanze ich sehr gerne, zum Beispiel Salsa, und betreibe Sport, für die Gesundheit, aber natürlich auch, um die Rollen zu verkörpern. Meine drei Katzen halten mich auf Trab, doch ich möchte mir auch Zeit für meine Freunde nehmen – die Seele baumeln lassen!

 

Herr Weinhappel, vielen Dank für das Gespräch und toi, toi, toi für die Zukunft!

 

Website: www.thomasweinhappel.com;

Facebook: https://www.facebook.com/thomas.weinhappel

 

 

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