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CD „THE MAD LOVER“ – Sonatas, Suites, Grounds, Fantasias & various Bizzarie from the 17th Century England; harmonia mundi

10.01.2021 | cd

CD „THE MAD LOVER“ – Sonatas, Suites, Grounds, Fantasias & various Bizzarie from the 17th Century England; harmonia mundi

 

Théotime Langlois de Swarte (Violine) und Thomas Dunford (Laute) entführen in das verwunschene Reich der Melancholie und spenden wohl so manchen musikalischen Trost

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 Zum ersten mal kam ich mit „Mad Music“ aus dem England des 17. Jahrhunderts durch Catherine Botts tolles Album „Mad Songs“ in Berührung. Die britische Diva der Alten Musik hatte 1992 für das Label L‘Oiseau-Lyre (Decca) eine herausragende CD mit Liedern und Arien von Purcell, Eccles und Blow vorgelegt. In Diktion, Farbigkeit des Gesangs und Expressivität bis heute unerreicht. 

 

Auch diese CD – obwohl rein instrumental von Violine und Laute gespielt – bezieht sich auf ein Bühnenwerk, nämlich auf die Komödie „The Mad Lover“ des jungen Shakespeare-Zeitgenossen John Fletcher aus dem Jahr 1616, zu dem John Eccles eine Bühnenmusik verfasste. Dieser magisch schöne „Ground“ (das ist ein Stück basierend auf einem Ostinato-Bass mit einer virtuos verzierten Oberstimme; Aire V der Bühnenmusik ) mit nur knapp vier Minuten Spieldauer ist Ideengeber und Anstoß für dieses Album. Es huldigt nicht nur einer bestimmten Kompositionsform, sondern ergründet die Gemüts- und Seelenlage einer Gesellschaft im Umbruch (Zeit der Restauration unter König Karl II). 

 

Die Musik weiß von wagemutigen und abenteuerlustigen Frauen und ritterlichen Männern zu erzählen. Frauen, die immer dazu bereit sind, ihre männlichen Counterparts herauszufordern und ihre Umtriebe zu vereiteln. Im Stück ist es Memnon, ein erfahrener Soldat mit zahlreichen glorreich ersiegten Schlachten, der im Zustand der Liebe zu einem unentschlossenen Weichei wird. So auch, als er sich in die schöne Prinzessin Calis verliebt… 

 

Anlässlich einer Wiederaufnahme im New Theatre von Lincoln‘s Inn Fields 1695 wurde das Stück noch mit drei musikalischen Zwischenspielen (i.e. Handlungsballette) von Peter Motteux ausstaffiert. Letzterer hatte zuvor eng mit Henry Purcell zusammengearbeitet und schätzte ein Zusammenführen der verschiedenen Bühnenkünste Schauspiel, Musik und Tanz. Der schöne und brillante Star der Produktion war die Schauspielerin Anne Bracegirdie, die besonders in  Rollen von Personen in geistiger Umnachtung brillierte. Daher hatten mehrere Komponisten eigens für sie Wahnsinnsszenen geschrieben, unter anderem ihr in sie vernarrter Gesangslehrer John Eccles. 

 

Die meisten Stücke des Albums stammen jedoch von Nicola Matteis, eines lange in England lebenden neapolitanischen Geigers und seinem Sohn Nicola, der einige Ballettnummern für die Oper „Don Chisciotte in Corte alla Duchessa“ von Antonio Caldara für den kaiserlichen Hof in Wien verfasste. Jedenfalls müssen die Violinkünste der beiden enorm gewesen sein, wenn man dem gleichermaßen ausdrucksvollen, galanten und exzentrischen Spiel des Théotime Langlois de Swarte auf seiner Geige von Jacob Steiner aus dem Jahr 1665 lauscht. Wir hören „Variations on La Folia“, eine „Sarabande amorosa“ und „Diverse bizzarie sopra la vecchia sarabanda o pur Ciaccona“. Die großen Wunderwerke der CD sind jedoch die Matteis‘sche „Suite in G-Dur“, die „Sonata sesta für Violine solo“ von Daniel Purcell sowie die „Sonata undecima in g-Moll“ von Henry Eccles. Lyrisches Dahinsinnieren, Ergüsse kunstvollsten Zierrats, höllische Triller, romantisches Schmachten und Sehnen, nichts ist den beiden „Fantasias“ in a- und c-Moll des Jungen Nicolas Matteis fremd.

 

Thomas Dunford auf der Laute ist Théotime Langlois de Swarte ein hochsensibler und kongenialer Partner, ihr homogen aufeinander abgestimmtes Spiel scheint dem unendlichen Einfallsreichtum der barocken Tonschöpfungen im Moment der Interpretation noch das i-Tüpfelchen aufzusetzen. Die Eingängigkeit der Melodien, ihr eminent sanglich   empfundenes einander Umarmen, ihre sanfte Melancholie verzaubern.   

 

Dass England nicht nur im 17. Jahrhundert lustvoll dem Wahnsinn frönte, könnte auch aus  der jüngeren politischen Geschichte geschlossen werden. Nirgendwo aber wird diese in allerlei Formen sich manifestierende Ver-rückung von Verstand und Ratio im Namen der Liebe (oder sonstiger Verlockungen) schöner und menschlich anrührender erklingen als auf dieser CD.

 

Die Aufnahmetechnik ist exquisit.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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