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THEATERFEST NÖ / Perchtoldsdorf: DAS KÄTHCHEN VON HEILBRONN

04.07.2014 | Theater

Perchtoldsdorf Käthchen PLAKAT  Perchtoldsdorf Käthchen Sie und er 
Alle Fotos: Lalo Jodlbauer

THEATERFEST NÖ / Perchtoldsdorf: 
DAS KÄTHCHEN VON HEILBRONN von Heinrich von Kleist
Premiere: 4. Juli 2014,
besucht wurde die Voraufführung

Sagen wir es gleich: „Das Käthchen von Heilbronn“ ist sicher eines der schwierigsten Stücke der Weltliteratur. Von all den zahlreichen harten Nüssen, die Heinrich von Kleist seiner Mitwelt- und Nachwelt und dem Theater überhaupt zu knacken gab (ob „Schroffenstein“, „Penthesilea“ oder „Homburg“), ist diese die härteste. Wer ließe sich schon auf diese Mischung ein, hieße der Autor nicht Kleist und wäre unzweifelhaft ein Genie?

Rein äußerlich ein Ritterstück im mittelalterlichen Schwaben, wo der Kaiser selbst für ein Deus-ex-machina Happyend herhalten muss; dabei eine ganz moderne Geschichte der Psychologie der Verfallenheit an ein Liebesobjekt (eigentlich, um es modern auszudrücken, eine Stalkerinnen-Story, eine Besessene, die hier im Wortsinn „durchs Feuer geht“, um dem Objekt ihrer Liebe zu gefallen); eine Horrorsaga wohl auch (rund um Kunigunde), daneben zarteste Liebespoesie; krauseste Handlung, die dramaturgisch kaum nachzuvollziehen ist, mit Intrigen, Überfällen, Mordversuch – und die als unumstritten hingestellte Tatsache, dass hier ein Cherub über menschliches Geschehen waltet. Kurz, die Mischung aus Märchen und Magie ist chaotisch. Wie packt man das an?

Perchtoldsdorf Käthchen Szene

Normalerweise schon in großen Häusern kaum, sicher nicht als Sommerunterhaltung, wenn die Sommerspiele Perchtoldsdorf auch endlich wieder einmal ihre Burg als legitimen Schauplatz einsetzen dürfen. Allerdings ist die schwarze Plastik-Verkleidung, die gleich ein Terzett (!) von Bühnenbildnern anbietet (Andreas Donhauser, Sebastian Eckl, Paul Sturminger) nur gesichtslos düster, führt ins Niemandsland, während die Kostüme (Renate Martin, Marie Sturminger) dann die Karten auf den Tisch legen: in schrillen Stoffen und schrägen Schnitten werden alle (das Käthchen ausgenommen) irgendwo im Clownsland angesiedelt, mit Kunigunde im grobmaschigen Strickkleid als Fahnenträgerin.

Was erzählen sie alle nun in der Regie von Maria Happel, die von Reichenau nach Perchtoldsdorf gezogen ist (größere Nähe zu Wien, größere Möglichkeiten offenbar auf lange Sicht, wird sie doch im nächsten Jahr in der „Maria Stuart“ – zweifelsohne wohl als Elisabeth – angekündigt)? Kleists Aktualität, Vielschichtigkeit, Modernität lässt sich in Interviews leichter behaupten, als dass man sie auf die Bühne bringt. Dabei scheint es mit dem einleitenden Femegericht ganz „seriös“ zu beginnen, wobei sich gleich ein Grundsatzproblem zeigt, wenn der brave Meister Theobald seine anklagende Stimme gegen Graf Friedrich Wetter vom Strahl erhebt: Alle Darsteller sind mit großen Kopfmikrophonen ausgestattet, die bis auf winzige Pannen auch funktionieren, nur dass man eigentlich nie weiß, woher auf der Riesenbühne die jeweilige Stimme eigentlich kommt. Aber es gibt Probleme bei Freilichtveranstaltungen, die man wahrscheinlich nicht lösen kann.

Ein „seriöser“ Beginn also, scheinbar der Versuch, schaurige Stimmung zu erzeugen und die Beteiligten so „echt“ wie möglich mit Kleists komplexem Text und schwieriger Sprache umgehen zu lassen und  ein somnambules Käthchen, zart und entschlossen zugleich, in diese reale Welt hinein zu stellen. Doch kaum ist dieses erste Handlungssegment vorbei und die  „Rittergeschichte“ um böse Dame, rivalisierende Herren und einen naiven Ritter Friedrich als Retter beginnt, so kann sich Maria Happel – wie viele von ihr – zu dieser „albernen“ Handlung nicht mehr bekennen. Also macht sie Kindertheater daraus, wo man hüpft und wiehert, um zu zeigen, dass man reitet, und nach und nach immer mehr blödelt, um klarzumachen, dass das Ganze eigentlich eine Dodelei ist, nicht ernst zu nehmen, haha. Und daraus findet die Inszenierung schwer wieder heraus.

Das ist besonders schade, weil Maria Happel für einzelne Szenen zu intensiver psychologischer Wirkung findet, vor allem, wenn das „träumende“ Käthchen ihrem wachenden Ritter mit ihrer unschuldsvollen Selbstverständlichkeit so manches sagt, mit dem sie seine Seele trifft – das wird dann von der in ihrer Jugendlichkeit überzeugenden Anna Unterberger und auch Nikolaus Barton (wenngleich ein sehr heutiger Typ, den man eher ins Büro als auf Pferdesrücken schicken würde) sehr überzeugend gestaltet, ja, manchmal sogar atemberaubend zart. Auch die Kunigunde, die als „Bösewichtin“ dann von Kleist regelrecht „in Stücke zerlegt“ wird, hat starke Momente, die Veronika Glatzner intensiv meistert, wenn sie sich nicht – wie die meisten anderen auch – lächerlich machen muss. Aber solche geglückte Passagen sind die Ausnahmen.

Perchtoldsdorf Käthchen drei Frauen  Perchtoldsdorf Käthchen Strahl, Kunigunde

Im allgemeinen schwankt sich der Abend durchs Geschehen, ob Cornelia Köndgen eine ausgesprochen blöde Gräfin Mutter spielen muss oder Wolfgang Hübsch einen eher albern angelegten Bilderbuch-Kaiser, Dirk Nocker einen donnernden Vater und die anderen Darsteller sich wenig kenntlich in verschiedenen Rollen umtun, ohne dass es auch gelänge, die Handlung der Geschichte auch nur einigermaßen klar zu machen.

Maria Happel hat nicht nur mit Dirk Nocker ihren Gatten auf die Bühne geschickt, sondern auch ihre Töchter Annemarie Nocker und Paula Nocker als Köhlerjungen und Cherub, was als private Familienzusammenführung für anheimelnde Publicity sorgt (damit ist man nicht nur auf den Kulturseiten, sondern auch in den Gesellschaftsspalten und erreicht weit mehr Aufmerksamkeit). Maria Happel selbst ist als Darstellerin ebenfalls dabei, wenn auch sehr am Rande und ohne Angst vor Lächerlichkeit – erst als Köhlersfrau in Darmol-Weibchen-Gewandung, dann als aufgeregt rudernde Tante der Kunigunde in einer Art buntem Käfer-Look.

In all dem lässt sie uns nicht wissen, was sie zu dem Stück meint, was sie dazu zu sagen hat. Sie ist am „Käthchen“ gescheitert – nun, sie die die Erste nicht, wird nicht die Letzte sein. Das Publikum bei Sommerspielen ist aber ganz eigenartig gestrickt: Bis auf jene, die nach der Pause nicht wiederkamen, schienen alle mit dem Gebotenen hochzufrieden.

Renate Wagner

 

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