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THEATERFEST NÖ / Stockerau: DER BESUCH DER ALTEN DAME

27.06.2013 | Theater

 

THEATERFEST NÖ / Festspiele Stockerau:
DER BESUCH DER ALTEN DAME von Friedrich Dürrenmatt
Premiere: 25. Juni 2013,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 26. Juni 2013

Die zweite Vorstellung war gewissermaßen die erste, denn bei der Premiere war man – obwohl es nicht regnete – in das Veranstaltungszentrum Z 2000 gezogen, das nach übereinstimmenden Berichten an Stimmungslosigkeit krankte. Die zweite Vorstellung von Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ in Stockerau fand dann wie vorgesehen am Platz vor der Kirche statt, bei klirrender Kälte allerdings, offiziell 13 Grad, gefühltes Klima: Gefrierpunkt. Das Publikum, wie immer im Sommer, wenn’s hart wird: heldenhaft.

Stockerau neu also. Über ein Jahrzehnt lang hat Alfons Haider das Publikum mit musikalischer Unterhaltung „verwöhnt“. Bei dem neuen Intendanten Zeno Stanek geht es von Anfang an hart zur Sache: belehrende Weltliteratur, Schonung wird nicht gewährt. Tatsächlich haben die Schweizer nach Bert Brecht die deutschsprachige Dramatik mit den nachdrücklichsten „Lehrstücken“ bedacht, Frisch mit seiner Außenseiter-Parabel „Andorra“, Dürrenmatt mit seiner „Dame“, diesem infernalischen Hohelied auf Kraft und Macht des Kapitalismus und die unwiderstehliche Magie des Geldes.

„Der Besuch der alten Dame“ kulminiert in der Erkenntnis „Mit Geld kann man alles“, und diese Erkenntnis wird in einem Stück abgehandelt, das zu Recht ein Klassiker ist. Vielleicht nicht gerade Sommerunterhaltung – aber das Publikum lässt sich auch auf Schwierigeres ein.

   
Fotos: © Leighton Woodward – Festspiele Stockerau

Am Platz vor der Kirche, bescheiden, aber geschickt bestückt von Andreas Mathes, haben wir nun die Kleinstadt Güllen, die gänzlich herabgekommen ist: Wo man hinsieht – kein Geld. Und dann kommt die Milliardärin, Claire Zachanassian, einst Kläri Wäscher und Kind des Ortes. Dürrenmatt hat alles getan, um diese Frau und das ganze Stück von jedem Realismus abzuheben – Claire besteht fast nur als Ersatzteilen, ein monströses Kunstgeschöpf, getrieben von Rachegedanken. Und gleichnishaft ist auch alles, was geschieht, bis zum quasi „antiken“ Chor am Ende, der die Moral des Stücks zusammenfasst.

Die Moral: Alfred Ill hat Kläri Wäscher in ihrer Jugend geschwängert und fallen gelassen, um ein reiches Mädchen zu heiraten, und die  zur Claire gewordene Milliardärin kommt nach Güllen, bietet eine Milliarde und verlangt dafür den Tod des Verführers. Wäre es nur ihre Geschichte einer monströsen Rache, das Stück wäre nicht, was es ist.

Aber es geht um die Güllener, die das Ansinnen zuerst mit der Empörung jener zurückweisen, die sich auf das christliche Abendland berufen. Ein Mord für Geld? Niemals! Wie sie sich allerdings, den Verlockungen des Kapitalismus erliegend, auf diesen Mord zuarbeiten, das ist eigentlich die Geschichte – ganz simpel gezeichnet und doch ein unmissverständlich klares Porträt gesellschaftlichen Verhaltens, wie es letztlich unvermeidlich ist. Sie werden Ill umbringen, weil man eben mit Geld alles kaufen kann – Moral, Überzeugungen, Anstand. Dass am Ende gerade der Lehrer, der es besser weiß (und das auch gesagt hat), dem Unrecht die politikerreife Umwertung zur „rechten Tat“ aus Überzeugung und Gewissensnot gibt, ist besonders perfide…

Muss man ein Stück wie dieses, das so komplex, so politisch, so grausam ist, auf eine Freilichtbühne stellen und notgedrungen arg kürzen (zweidreiviertel Stunden werden es immer noch), ist man auch gezwungen, vor allem die spektakulären Seiten der Sache zu bedienen. Und das tut Zeno Stanek in einer sehr geschickten, handwerklich gut gemachten Inszenierung, die nur einige Schwächen aufweist.

 

Alles Licht auf Claire also, zumal man mit Anne Bennent in der Titelrolle einen echten Star aufzuweisen hat – wenn sie heute auch zurückgezogen im Waldviertel lebt und nur noch selten auf eine Bühne geht (ihre Desdemona, Penthesilea, ihr Käthchen am Burgtheater sind lange her). Obwohl eingestandene 50, wirkt sie unglaublich schlank und rank und mädchenhaft und richtet sich das Monstrum Claire auf ihre Gestalt (teils irre Kostüme: Ingrid Leibezeder, Anna Katharina Jaritz) und ihre Persönlichkeit zu. Immer war die Bennent vom Flair des Ungewöhnlichen umgeben, und das passt natürlich perfekt, wenn man sie inmitten von unimaginativen Durchschnittsbürgern stellt. Zeno Stanek lässt Anne Bennent durchaus eine „Show“ abziehen, so weitgehend, dass sie sogar Saxophon blasen darf – man traut es dieser Claire zu. Spitze Töne, hektische Gesten, eine Lust am Erratischen, kurz, das Absurde schlechthin – das passt.

Was nicht passt und sogar überflüssig ist, ist jene schwarze (afrikanische) Begleiterin, die Zeno Stanek ihr gibt und die sogar noch das Ende des Stücks stört, indem sie irgendwelche singende Rituale ausführt – unnötige Affektation. Allerdings hat die Regie das Ende ohnedies vergeigt, weil es natürlich nicht möglich war, aus den Nebendarstellern und Statisten des Abends einen „Chor“ zu bilden, der Dürrenmatts Anliegen auch wirklich hätte in den Raum schleudern können: Da musste dann ganz am Schluss Anne Bennent beim Verbeugen noch große Anstrengungen im „Arrangieren“ des Applauses auf sich nehmen, um die Stimmung ein wenig in die Höhe zu bringen.

Jenseits der Bennent hat der Abend auch nicht übermäßig viel zu vermelden, und wo es um Alfred Ill geht, bricht er ohnedies ein, weil Charly Rabanser absolut nicht auf Augenhöhe mit der Partnerin agieren kann, stellenweise nur hilflos wirkt, einfach auf sein Stichwort wartend. Ein paar überzeugendere Profis waren in einigen Nebenrollen unterwegs: Robert Reinagl als Bürgermeister, Klaus Huhle als Lehrer, Richard Maynau als gnadenlos aufmischender Reporter, der in seiner Darstellung einen ganzen Berufszweig vernichtet (und gut daran tut). Interessant die Besetzung des „kastriert & geblendeten“ Pärchens Koby und Loby mit zwei Frauen, Paola Aguilera und Rebecca Döltl, die in weißen Anzügen herumgeistern und tatsächlich gespenstisch wirken. Bei Pausengesprächen konnte man vernehmen, dass es das Publikum sehr schätzte, in der Besetzung „den Sohn vom Mundl“ (Klaus Rott) und den Weihnachtsmann aus „MA 2412“ (Karl Ferdinand Kratzl) zu erkennen. Es geht doch nichts übers Fernsehen…

Karl Ritter saß mit Gitarre am Bühnenrand und sorgte für die Musik, wenn Anne Bennent nicht gerade Lust hatte, selbst Saxophon zu spielen – wenn man ehrlich ist, drehte sich ohnedies nur alles um sie. Legitimerweise, ist sie doch die Titelheldin.

Renate Wagner  

 

 

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