Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

THEATERFEST NÖ / Schwechat: DIE BEIDEN HERRN SÖHNE

29.06.2013 | Theater

 

  
Fotos: ©Herbert_Neubauer

THEATERFEST NÖ /
41. Nestroy-Spiele Schwechat:
DIE BEIDEN HERRN SÖHNE von Johann Nestroy
Premiere: 22. Juni 2013,
besucht wurde die Vorstellung am  28. Juni 2013 

Nestroy bleibt immer spannend, nicht zuletzt deshalb, weil der Garten seines Schaffens noch immer nicht ausgeschritten ist. Das ist zwar nicht allgemein bekannt, weil etwa ein Dutzend seiner Stücke immer wieder die Bühne bevölkert und dies allgemein als ein reiches Angebot erscheint. Aber bei über 70 Werken (einiges über 70, und interessanterweise rechten die Wissenschaftler über Zuschreibungen noch immer!) gibt es einen wahrhaft unentdeckten und höchst entdeckenswerten Nestroy-Dschungel. Was machte der große Mann, wenn es Peter Gruber und seine Nestroy-Spiele in Schwechat nicht gäbe – heuer in ihrem 41. Jahr, unverändert unter derselben Leitung, mit derselben Ambition, mit fast immer demselben stupenden Ergebnis!?!

Man findet tatsächlich immer wieder Stücke, die zwar in den Biographien stehen, die aber nie jemand gesehen hat. Durchgefallen und vergessen wie „Die beiden Herrn Söhne“, die es nach ihrer Premiere am 16. Jänner 1845 im Theater an der Wien auf 6 Aufführungen brachten und auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Dafür gibt es ein paar gute Gründe, vor allem, dass die Geschichte des schlimmen und des braven Vetters so simpel gestrickt ist (das französische Vorbild gab nicht viel her) und dass die Nebenrollen, zwar quantitativ reichlich, qualitativ ein wenig schmal ausgefallen sind – mit Ausnahme der Figur des treuen und vollmundigen Faktotums Balg, den Nestroy seinem Kollegen Wenzel Scholz auf den fülligen Leib schrieb.

Zum Misserfolg der Premiere trug sicher auch die so wenig „moralische“ Schlusswendung des Stücks bei. Zwar war die Zeit Raimunds lange vorbei, wo sich die Menschen am Ende „erkannt“ und damit gebessert haben, aber dass Nestroy einen wirklich unverschämten Taugenichts auf die Bühne stellte und eigentlich nur die Unveränderlichkeit von dessen Wesen und Charakter behauptete, sah man wohl nicht so gern. Wobei gerade darin großer Reiz liegt.

Wie viel in dem Stück steckt, das macht Peter Gruber heuer in Schwechat, wo man es wirklich und wahrhaftig neu entdeckt, klar. Es ist ein Stück, dessen Couplets ( „Drum sag ich, ’s Studirn is a unnöth’ge Plag!“ , „Man is rein nur dem Schicksal sei Narr“  und „Das sind die Geheimnisse von Wien“) sich auf der Höhe seiner Denk- und Formulierungskunst bewegen, ein Stück, von dem manch eine Formulierung sich in den Nestroy’schen „Sprüche“-Sammlungen finden – und ein Stück, dessen grundlegendes Thema von der „Bildbarkeit“ des Menschen so aktuell ist wie eh und je.

Vincenz, der Sohn der reichen und als Mutter besinnungslos dummen Kunigunde Helmbach, hätte die allerbeste Erziehung erhalten sollen – und wollte sie nicht, weil er weiß, dass ein reicher Mann dergleichen nicht braucht. Der andere „Herr Sohn“ Moritz, der Vetter von Vincenz (sein Vater, Herr von Eckheim, ist der Bruder der Frau Helmbach), ist genau so gut erzogen – und so „brav“, wie Vincenz „schlimm“ ist. Und Nestroy zeigt nun, dass die beiden nicht anders können: Wie immer das Schicksal mit ihnen umspringt, der eine wird der Tunichtgut bleiben, der andere ist, wie er ist, muss sich also anständig verhalten: Der eine weiß immer, was richtig ist, der andere nie. Erbgut vor Erziehung – wenn  man es zu Nestroys Zeiten auch noch nicht so genau gesehen haben mag wie heute.

Peter Grubers Inszenierung bewegt sich im bewährten, pawlatschenhaften Schwechat-Stil: Nora Scheidl bringt ein paar Möbelstücke und ein paar Versenkungen auf die im Hintergrund mit Treppen zu einem Oberstock führende Bühne, und man hat alles, was man braucht  – und Okki Zykan sorgt für Alltagskostüme, teils wild-skurril, teils schäbig, jedenfalls lustig und heutig. Nirgends gehen Nestroy’sche Verhältnisse so fugenlos ins Heute über wie in Schwechat unter Grubers souveräner Hand.

Wenn Vincenz in der Stadt ein Lotterleben führt und dabei das Vermögen der Mutter vernichtet, tut er es mit jenen „Freunderln“, die sich um die Reichen herum immer finden und denen Gruber den Stil einer Jeunesse gar nicht dorée gibt, bei der sich Gier und geheuchelte Lässigkeit mischen. Pflichten- und verantwortungslos weiß man eigentlich gar nicht, was man mit dem Leben anfangen soll – von einer Party zur nächsten, von einem Mädel zum nächsten, was gibt es sonst zu tun? Es bleibt einem tatsächlich der Mund offen, wie wenig sich da geändert hat – bzw. wie gültig Nestroy offenbar ewiges Verhalten (vermutlich war es bei den alten Römern nicht anders…) in den Griff bekommen hat.

Aber nicht nur das: Wenn auf den Luxus-Jux der unvermeidliche Absturz folgt, dann begleitet Nestroy seine Helden in die schäbigste Dachkammer und führt ihnen und dem Publikum vor, wie bittere Armut schmeckt – in einer Szene von solch sozialer Kompetenz, dass das Weiterwurschteln jener, die nichts mehr haben, gleichfalls unschwer wieder zu erkennen ist. Fabelhaft, was in einem so vergessenen Stück steckt und herauszuholen ist.

Das gelingt auch, weil man in Schwechat Nestroy wirklich zu spielen versteht, nicht nur das wundersame Ensemble, das mit Laien begonnen hat und heute (bis auf minimale Ausnahmen) Nestroy mit der größten Selbstverständlichkeit von bis in die Fingerspitzen kompetenten Profis umsetzt. Dabei erneuert sich das Personal selbstverständlich, und heuer hat man zwei junge Männer für die Titelrollen gefunden, die sich trotz ihrer Jugend auf der Höhe Nestroy’scher Sprachbehandlung und Personengestaltung bewegen: Wenn die beiden keine Karriere machen, geht es nicht mit rechten Dingen zu.

Dabei hat Valentin Frantsits mit dem Vincenz, der Nestroy-Rolle, die vordergründig bessere Rolle – einer, der nicht gut tut, wie man in Wien sagt, und das aus voller Lust an der Sache auch gar nicht will (es gibt eine lange Reihe von „Lumpen“ in der Geschichte der Nestroy-Figuren, wobei sich der Vincenz nicht zu verstecken braucht). Frantsits spielt ein Früchterl mit lustvollem Prolo-Ton und selbstherrlichem Zynismus, versteht es aber dabei, nicht vollends widerlich zu sein, sondern im Gegenteil mit seiner Frechheit und Unverfrorenheit zu amüsieren. Eine wirklich starke Leistung.

Da hat es Rafael Wieser als „braver“ Moritz viel schwerer, denn wer mag die Musterschüler schon? Aber einen zu spielen, der ernsthaft und anständig ist, enttäuscht wird, vom Leben gebeutelt und dennoch nicht alles hinschmeißt, nicht weinerlich wird, nicht die Welt beschuldigt – dass dieser nicht zum leblosen, faden Tugendbold wird, das ist ein wahres Kunststück. Auf seine Art ist Moritz auf die stille Art so nachdrücklich und lebendig wie Vincenz auf die laute.

Der Jakob Balg, die Bedientenseele, hat viel von einer komödiantischen Kunstfigur, aber nicht, wenn Bruno Reichert ihn spielt: Da sucht nämlich einer nur seinen Platz im Leben, buckelt und schmeichelt sich durch, um überall unterschlüpfen zu können, und ist doch trotz des Verhaltens-Pragmatismus kein übler, sondern ein guter Kerl. Der dritte im Bund der darstellerischen Meisterstückeln des Abends.

Aber auch Lili Hilde Lerner als verbohrte Mutter und Franz Steiner als der zwar liebende, aber aus Klugheit strenge Vater sind keine Theaterklischees, sondern runde, echte Figuren, ebenso Bella Rössler, die eine sich lächerlich machende Alte spielen muss, die Nestroy immer wieder gnadenlos aufs Korn nahm.

Ein tobender Wirt (Vater einer Entführten) ist bei Peter Kuno Plöchl, eine genau ums Finanzielle Bescheid wissende Proletarierin (Tante einer Entführten) bei Maria Sedlaczek in besten Händen. Ein jüdischer Tandler (Andreas Herbsthofer-Grecht) wird ohne einen Hauch von Antisemitismus gespielt, während ein Bankmensch, der bei Nestroy Ruppich heißt und hier in „Raiffeisl“ umbenannt wurde (gewandt: Helmut Frauenlob) vortänzeln darf, wie aus geliehenem Geld für die Bank gleich ein Drittel mehr dessen wird, was der Schuldner tatsächlich erhält… Und ein jagender Graf (Harald Schuh) darf hier noch, heutig aufgeputzt, nebenbei mit Waffen und Immobilien handeln: Solche Figuren sind uns ja nicht unbekannt, und wenn es einen Autor gibt, der immer auf die Aktualität der jeweiligen Zeit zielt, ist es Nestroy – und dessen Geist lebt ja heute in Gruber und Schwechat weiter…

Zu modernisierender, aber nicht „vergrauslichender“ Musik (Rainer Binder-Krieglstein) – da hat man in Nestroy-Aufführungen wahrlich schon Schlimmes gehört -, ist das ein Abend, wie man ihn sich für den Dichter und das Publikum nur wünschen kann: Nestroy pur. Bei aller Komödiantik klar und scharf ins Schwarze gezielt. Auf nach Schwechat!

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken