Die internationale Kulturplattform

THE SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS

11.02.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover  Shape of water~1

Filmstart: 16. Februar 2018
THE SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS
The Shape Of Water / USA / 2017
Drehbuch, Produktion, Regie: Guillermo del Toro
Mit: Sally Hawkins, Doug Jones, Michael Shannon, Octavia Spencer, Richard Jenkins u.a.

Man hat es auch als Kritiker nicht leicht. Da sieht man einen Film, der scheinbar harte Realität und Fantasy so mischt, dass er auf Gefühls- und Argumentationsebene etwa Kindergarten-Niveau erreicht. Und dann liest man, dass dieser Film ein Maximum an Preis-Nominierungen – 13 (!!!) für den „Oscar“ – auf sich vereinen kann und allgemeine Begeisterung erregt? Da kommt man ins Grübeln. Natürlich über das eigene Urteil. Aber auch, warum dieses so vom „Zeitgeist“ – denn von diesem wird ja die „Preiswürdigkeit“ bestimmt – abweicht…

Der Film von Guillermo del Toro wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen, schlicht, klischiert, mit klaren Rollenverteilungen in „gut“ und „böse“. Da gibt es als den zentralen Schauplatz eines jener streng geheimen US-CIA-Hochsicherheitslabore, das Occam Aerospace Research Center (in so etwas Ähnlichem, meinen Verschwörungstheoretiker, hielten die Amerikaner wohl die Roswell-Aliens gefangen…) – „böse“. Dieses wird von dem wirklich fiesen, wenn auch im entscheidenden Fall nicht allzu gescheiten Sicherheitschef Strickland geführt (Michael Shannon sieht schon a priori so richtig eklig aus). Glücklicherweise kapiert er nicht alles, was um ihn herum vorgeht, und resolute Frauen können ihn schon auf die Schaufel nehmen. Aber trotzdem: Die „Mächtigen“ sind die „Bösen“, das ist klar.

Auf der anderen Seite haben wir es mit den einfachen Leuten zu tun. Elisa (ausgerechnet besetzt mit der Britin Sally Hawkins, die allerdings so richtig das arme, kleine, edle Wesen ausstrahlt) ist eine mexikanische Putzkraft, außerdem noch stumm, aber eine Seele von einem Menschen. Als Bezugspersonen gibt es ihren schwulen, liebenswerten Wohnungsnachbarn Giles (Richard Jenkins, prächtig wie immer) und die resolute afroamerikanische Putzkollegin Zelda, eine Frau, die sich auch von Vorgesetzten nichts gefallen lässt (mit wem wird man das schon besetzen? Natürlich mit der großartigen Octavia Spencer). Die „Guten“ sind in Position.

Und dann bekommt das Center Zuwachs. Schwer, diese Mischung aus Mensch und Echse zu definieren, ein „Amphibien-Mann“ aus dem Amazonas (und dort von seinen Leuten als Gott verehrt), den man hier gerne für Forschungszwecke anzapfen will (Doug Jones ist als Wesen geschuppt und undefinierbar genug): Vielleicht hat er Gene und Eigenschaften, die für die Raumfahrt zu verwenden sind? (Wir befinden uns nämlich in den sechziger Jahren.) Dass Strickland, sehr zum Entsetzen des Wissenschaftlers Hoffstetler (Michael Stuhlbarg, in Verwirrung zwischen Macht und Gewissen und seinem Geheimnis), mit der Kreatur äußerst brutal umgeht, ist zu erwarten.

Ebenso kommt, wie es kommen muss, dass nämlich die arme Kreatur, der „fremde Außenseiter“ schlechthin, in seinem Wassertank das Interesse, Mitleid und schließlich die Zuneigung von Elisa erwirbt, mit der er seltsamerweise in der Sprache der Stummen kommunizieren kann. Und wenn bis dahin die Alltagsszenen mehr oder minder zwischen betulich und semi-realistisch gependelt sind, kommt nun das Fantasy-Märchen zum Tragen: Die Kreatur soll als nutzlos getötet werden, Elisa und ihre Freunde entführen ihn, verbergen ihn in ihrer Wohnung in der Badewanne. Es kommt auch (wir durften Elisa ja schon früh beim Onanieren in der Badewanne zusehen) zu Sex zwischen „Menschin“ und „Kreatur“… und nach ein paar noch verrückteren Wendungen (auf einmal spielt das KGB mit, und es gibt auch eine Action-Jagd…) findet das Happyend wohl irgendwo unter Wasser statt. In der Fantasy-Welt kann man ja auch glatt Kiemen bekommen.

Das ist die Geschichte des bewunderten Filmes, die vielleicht nicht jedermann einsichtig ist. Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro, dessen letzte Filme („Pacific Rim“ und der Romantik-Horror „Crimson Park“) nicht sonderlich überzeugend waren, hatte 2006 mit einem Genremix dieser Art, „Pans Labyrinth“, viel Aufsehen erregt, aber wohl auch nur bei einem Teil der Kinobesucher Bewunderung erweckt. Nun arbeitet er mit allen Mitteln zwischen Brutalität und Rührung, vor allem aber mit der politisch korrekten Anteilnahme für die Außenseiter, um die Möglichkeit des Guten gegen das Böse zu postulieren. Das ehrt ihn, aber wann war „gut gemeint“ denn je gleich bedeutend mit „gut“?

Man hat die Poesie der Bilder gelobt, die angebliche Sensibilität der Geschichte, man lobte die Phantastik, das Flair einer „Alien-Burleske“ – aber was, wenn man all das für eine ziemlich abgeschmackte Spekulation hält? Wie dem auch sei, sie ist aufgegangen. Und die Lobeshymnen werden die Zuschauer in Scharen in den Film treiben – möglich, dass manche, dass viele sich verzaubern lassen. Aber wem das nicht gelingt, der versteht die Kinowelt nicht mehr. Das ist hoch dekoriertes heutiges Kino?

Renate Wagner