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THE IMITATION GAME

19.01.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Imitation Game~1

Ab 22. Jänner 2015 in den österreichischen Kinos
THE IMITATION GAME
GB  /  2014
Regie: Morten Tyldum
Mit: Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Matthew Goode, Mark Strong, Charles Dance u.a.

Geschichten, die das Leben schrieb… Wieder ein „Bio-Pic“ (zu Deutsch: ein biographischer Film nach einem wahren Schicksal), und diesmal ein aus vielen Gründen besonders spannendes. Wäre Alan Turing (1912-1954) „nur“ ein hervorragender Mathematiker und Informatiker gewesen, auf dessen Grundlagenforschung die Computer aufbauen – das wäre schon großartig. Hätte er daneben das tragische Schicksal erlitten, zu einer Zeit homosexuell zu sein, wo die britischen Gesetze das noch unter schwere Strafen stellte, wäre die Nachwelt zurecht betroffen (zumal diese Gesetze wohl auf Umwegen zu seinem allzu frühen Tod geführt haben).

Aber Turing, ein im zwischenmenschlichen Bereich logischerweise „gestörter“ Mensch, unkommunikativ bis zum Autismus, hat für die Briten „Enigma“ geknackt, jenen – wie man sagt – genial Code der Deutschen, mit dessen Hilfe sie viele ihrer Erfolge im Zweiten Weltkrieg möglich machten…

Filme darüber, was in Bletchley Park geschah, sind zahlreich – jenes Camp, in dem die Briten ihre brillantesten Wissenschaftler auf „Enigma“ ansetzten. Fast hätten sie Alan Turing beim „Bewerbungsgespräch“ nicht genommen, ungeachtet des außerordentlichen Rufs, der ihm aus Cambridge vorauseilte, denn er zeigte überhaupt keine Lust, sich zu „bewerben“ oder irgendjemanden zu überzeugen, wie gut er war – er stellte es einfach fest.

Von diesem Augenblick an ist es der Film des Benedict Cumberbatch, der ungeachtet seines „billig“ erscheinenden Fernsehruhms als Sherlock Holmes einer der besten Schauspieler ist, die es derzeit in Großbritannien gibt, auch vom Typ her so unvergleichlich „englisch“, wie es seine größten Vorgänger – John Gielgud, Dirk Bogarde, Derek Jacobi, denen er sich anreiht – waren. Ihn umweht ein Hauch von abgehobenem Snobismus, der doch eigentlich nur zeigt, dass hier ein Mensch in seiner eigenen Welt lebt und für die „Normalen“ (und vor allem für deren Unzulänglichkeiten) wenig Verständnis hat.

Cumbenbatch Imitation Game x

Der Film heißt nicht von ungefähr „The Imitation Game“: Von frühester Jugend an war der besonders begabte Junge naturgemäße Zielscheibe der kräftigen, rücksichtslosen Mittelmäßigen. Da lernt man auch, sich verstellen – zumal wenn man eine zu tiefe Neigung zu dem einen Schulfreund hegt, der einen als einziger versteht (und schon in frühen Jahren ein Buch über Kryptographie schenkt, weil er weiß, dass das für jemanden wie Alan das genau Richtige ist…). Und wenn dieser Schulfreund stirbt, dann darf man seinen Kummer nicht zeigen, um nicht wieder einen Angriffspunkt zu bieten: Verstellung. All das erlebt man in Rückblenden, die immer wieder in das laufende Geschehen hineinschneiden, oft als allzu schmerzliche Erinnerung…

Verstellung ist auch das Prinzip eines Geheimcodes wie „Enigma“, und dann, in Bletchley Park, arbeitet Turing an seiner „Gegen-Maschine“ (die er interessanterweise erst dann richtig einsetzen kann, wenn der menschliche Faktor dazu kommt – nämlich eine winzige Information darüber, dass es in den Nachrichten der Deutschen einen „Fixpunkt“ [Heil Hitler] gab, an dem man sich anhängen konnte…). Dass der Deutschschnittsmensch im Kinosaal, selbst, wenn er in Mathematik gut war, überhaupt keine Chance hat zu verstehen, was Turing und seine Mitarbeiter damals überlegten, ist klar. Darum verlegt sich der Film auch auf die menschliche Ebene.

Turing ist nämlich keinesfalls, was heute so geschätzt wird, ein „Teamplayer“, er ist ein einsamer Wolf, der sich höchstens zuarbeiten lässt, aber nie für nötig hält, seine Überlegungen zu kommunizieren. Darum würde sein Team wegen der gleichgültigen Kühle, die er ausstrahlt, auch glatt abspringen, hätte es Joan Clarke nicht gegeben. Auftritt der wunderbaren „englischen Rose“ Keira Knightley, die man in ihrer Funktion auch für eine Erfindung eines Drehbuchautors halten möchte, aber es gab sie wirklich. Sie war tatsächlich die einzige Frau im Team der Code-Brecher, ihr gelang es auch, den Eispanzer um Turing zu knacken, sie waren wirklich gute Freunde, ja, er erwog sogar, sie zu heiraten, gestand ihr aber dann seine Homosexualität und zog sich zurück.

Im Film ist es Joan, die Turing menschlicher macht, ihm nicht nur zeigt, wie man mit anderen Lebewesen umgeht, damit sie zu einem stehen, sondern auch in dem Mann Gefühle weckt, die er immer verborgen und geleugnet und hinter seiner Arbeit versteckt hat. Das Zusammenspiel von Cumberbatch und Knightley hat etwas Magisches und Schönes. Dabei wird an ihrem Beispiel auch noch  gezeigt, wie untergeordnet die Rolle einer Frau im damaligen Großbritannien (und wohl nicht nur dort) war. Sie durfte quasi nur unter dem Vorwand, eine Hilfskraft zu sein, mit den Männern am großen Projekt mitarbeiten, für das ihr Anteil so wichtig war…

„Enigma“ wurde geknackt, und der Film reißt auch kurz die Probleme auf, die sich den Briten damit stellten – nicht an der schrecklichen Coventry-Katastrophe, wo Churchill seine Mitbürger opferte, um das Geheimnis zu wahren, dass man nun alles über die Deutschen und ihre Pläne wusste, sondern an einer ganz „nahen“ Geschichte: Ein Schiff in die sichere Zerstörung durch die Deutschen fahren zu lassen, auf dem sich der Bruder eines von Turings Mitarbeitern befand…

Dazu gibt es noch interessante, glaubhafte Details – als Turing tatsächlich unter seinen Kollegen einen russischen Spion entlarvt (dass es einen solchen in Bletchley Park gäbe, führte zu Gerüchten und Unruhe) und er es schweren Herzens seinen Vorgesetzten mitteilt, zucken diese die Achseln: Sie haben es nicht nur gewusst, sie haben ihn sogar selbst dort positioniert. Spionage, Gegenspionage, Imitation Game, was ist Wirklichkeit?

Man sollte nicht glauben, wie innerlich spannend eine Geschichte ist, die im Grunde nichts weiter erzählt, als dass ein Mann eine Maschine baut (später nannte man dergleichen „Computer“) und die Umwelt auf ein Ergebnis wartet. Und es ist ein norwegischer Regisseur, Morten Tyldum, der diese Ereignisse so unglaublich dicht auf die Leinwand bringt. Acht „Oscar“-Nominierungen – jede verdient.

Das Nachspiel des glorreichen, weil von Erfolg gekrönten Geschehens ist nur noch tragisch: Man erlebt den Nachkriegs-Turing, den man vor die Wahl gestellt hat, entweder als Homosexueller ins Gefängnis zu gehen oder sich einer Hormon-Behandlung zu unterziehen, die diese „schändlichen Gelüste“ angeblich abstellen würden. Ein zerstörter Turing (ein Meisterstück von Cumberbatch) begegnet noch einmal Joan Clarke, von der er sich nicht retten lässt.

Nie wurde der Verdacht ausgeräumt, dass Turings früher Tod Selbstmord war. Im Nachspann erfährt man, dass die Queen  Turing posthum (2013!) „begnadigt“ hat. Auch das muss man sich einmal geben… begnadigt? Für das, was er für die Beendigung des Zweiten Weltkriegs geleistet hat? Theorien besagen, dass der Krieg durch die Entschlüsselung von „Enigma“ um zwei Jahre verkürzt wurde…

Renate Wagner

 

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