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THE DANISH GIRL

05.01.2016 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPoster  Danish Girl~1

Ab 7. Jänner 2015 in den österreichischen Kinos
THE DANISH GIRL
GB –  USA  /  2015
Regie: Tom Hooper
Mit: Eddie Redmayne, Alicia Vikander, Matthias Schoenaerts, Ben Whishaw, Sebastian Koch u.a.

Blenden wir rund hundert Jahre zurück. Wenn damals ein Mann das Bedürfnis empfand, Frauenkleider anzulegen, gab es schnelle Erklärungen – er ist schwul, er ist pervers, er ist krank. Und die bürgerliche Gesellschaft beutelte sich vor Entrüstung und Ekel. Die ganzen Erkenntnisse der (noch jungen) Psychoanalyse hatten nicht tief gegriffen. Erst heute erkennen wir Transgender als Problem, vielfach auch als Tragödie für die Betroffenen, und darum kann man heute das volle Verständnis für einen Film wie diesen voraussetzen.

Es beginnt ganz anders – wie eine eheliche Künstlergeschichte mit tragischen Elementen. Kopenhagen in den zwanziger Jahren. Einar Wegener ist ein über die Maßen erfolgreicher Landschaftsmaler, während die Porträts seiner ambitionierten Gattin Gerda keine Anerkennung, keine Galerie und keine Ausstellung finden. Dennoch sind der elegant-feminin wirkende Mann und die auffallend schöne Frau nicht nur ein in der Künstlerszene faszinierendes, sondern auch privat sehr glückliches Paar, dem man auch dem Sex zusehen darf. Alles in Ordnung?

Wer würde, wenn er das Thema des Filmes nicht kennt, die ersten Anzeichen überbewerten – etwa, dass Einar offenbar sinnliche Faszination aus der Seide des Nachthemdes der Gattin zieht? Freilich, als er es eines Tages anzieht, da macht Eddie Redmayne schon klar, dass hier etwas ganz Außerordentliches passiert – und seine schrittweise Transgression in eine Frau wird zum Erlebnis des Kinobesuchers. Es ist ganz sein Film, wie auch „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ (The Theory of Everything) sein Film war und die Verwandlung in die Verkrüppelungen des Stephen Hawking noch herausfordernder schien. Aber aus Einar Wegener die Seele einer Frau zu schälen, die sich Lili Elbe nennt und deren Wunsch, als Frau zu leben, so stark ist, dass sie ihr Leben riskiert… das sieht stark nach dem nächsten „Oscar“ aus.

Es ist wieder eine wahre Begebenheit, „Lili Elbe“ (tatsächlich der dänische Maler Einar Wegener) war der erste Mann in der Geschichte, der sich (zu Beginn der dreißiger Jahre und in Deutschland) einer Geschlechtsumwandlung unterzog. Der Film basiert auf dem Roman von David Ebershoff, der selbst zuzugeben hat, das tatsächliche Geschehen um der Wirkung willen zurecht gestutzt zu haben, aber das ist völlig egal: Was man sieht, stimmt in sich – und schlägt darüber hinaus unendlich viele Themen an.

Zuerst natürlich, wie Einar Lili wird – erst als mutwilliger Scherz, als die Gattin ihn, als Frau verkleidet, zu einem Ball mitnimmt und als Einars Cousine vorstellt. Die Erkenntnis, wie anders sich das Leben im Körper einer  Frau anfühlt –  wobei der Mann, der „Lili“ umschwärmt, der Künstler Henrik (Ben Whishaw), eigentlich ein Homosexueller ist, der Einar in der Verkleidung erkennt, aber das Spiel mitmacht…

Faszinierend die Jekyll & Hyde-Komponente, wie Einar nach seinen Verkleidungen den Weg nicht mehr zurückfindet und auch zuhause, unter vier Augen mit Gerda, die Frau weiterspielt. Und schließlich, als das Paar nach Paris geht, Einar nur noch Lili sein will und als Frau mit Gerda lebt. Im Bekenntnis seines Bedürfnisses stößt Einar / Lili auf die Verständnislosigkeit und Verachtung der Ärzteschaft – bis dann der deutsche Arzt Kurt Warnekros (Sebastian Koch als der gute Deutsche vom Dienst macht das vorzüglich) die Geschlechtsumwandlung wagt…

Daneben ist es aber auch Gerdas Geschichte, und da schafft Alicia Vikander nicht nur den tiefen Schreck, den sie erfährt, sondern auch das Verständnis, das sie dafür aufbringt, ihren Gatten zu verlieren, damit er sein Glück findet… Und, indem sie nun plötzlich immer „Einars Cousine“ malt, hat sie mit diesen Frauenbildnissen (sie erinnern im Film ein wenig an die Bilder von Tamara de Lempicka) plötzlich den großen Erfolg… Romane und Drehbücher sind auch großzügiger als das wirkliche Leben, da steht für den verlorenen Einar ein höchst sensibler, sympathischer Kunsthändler in Gestalt von Matthias Schoenaerts bereit, um sie vor ihrer Einsamkeit zu retten…

Regisseur Tom Hooper hat eine Menge interessanter Filme gedreht, die sich sowohl durch die Sensibilität auszeichnen, die ihre Themen verlangen (etwa „The King’s Speech“, wo er seinem „stotternden“ Hauptdarsteller Colin Firth zu einem „Oscar“ verhalf), wie auch durch die akribische Beschwörung des historischen Ambientes  – und „The Danish Girl“ schließt nahtlos an.

„Vorwürfe“ bekam der Regisseur von einem Teil der Kritik dafür, dass er seinen Film optisch und letztlich auch seelisch, bei allem Schmerz, den er quasi parfumiert verströmt, in so wunderbare Ästhetik kleidet. Man könnte das Thema natürlich auch weit härter und böser anpacken. Und Frauen von heute werden wenig Verständnis für das Frauenbild haben, dem Lili Elbe zustrebte, das von Seide, edlen Parfums und verführerischen Posen geprägt war, kurz von dem, was wir heute als Klischees empfinden. Doch das ändert nichts daran, dass hier ein echtes Problem von den Darstellern atemberaubend vermittelt wird. Wer sollte danach je noch Lust haben, über einen Transsexuellen zu lachen, wenn Eddie Redmayne die Tragödie vermittelt, die es bedeutet, in dem falschen Körper geboren zu sein?

Renate Wagner

 

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