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THADDEUS STRASSBERGER /Regisseur

Wagner IST schon Musiktheater, das braucht man nicht machen

Interview mit Thaddeus Strassberger, Regisseur der Oper „The Greek Passion“ von B. Martinu am Ekaterinburg Opera and Ballet Theatre, am 20. April 2018


 Th. Strassberger (mit Dolmetscherin). Copyright: Olga Kereluk

 

Anlässlich der Neuinszenierung der Oper „The Greek Passion“ von Bohuslav Martinu an der Uraloper Ekaterinburg konnte ich den US-amerikanischen Regisseur Thaddeus Strassberger interviewen, der auch für das Bühnenbild und die Lichtregie verantwortlich zeichnet. Eine eingehende Besprechung dieser Produktion finden Sie auf dieser Website.

Thaddeus Strassberger ist in Ekaterinburg seit langem kein Unbekannter mehr. Er inszenierte hier 2014 „Satyagraha“ von Philip Glass, das seither bereits 60 Mal aufgeführt wurde. Im Jahre 2016 inszenierte er „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg und nun „The Greek Passion“ von Bohuslav Martinu, womit die Uraloper diese Trilogie nun vollständig im Repertoire hat.

 

Wie kam es dazu, dass Sie in Ekaterinburg die Trilogie komplett inszeniert haben?

 

Er machte 2013 die „Oresteia“ beim Bard Summer Scape Festival in New York und traf einen russischen Agenten. Über ihn erfuhr er, dass der Generalintendant Andrey Shishkin der Uraloper vor hatte, „Satyagraha“ zu bringen, und er wollte einen US-amerikanischen Regisseur. Alex Grigorev, Künstlerischer Manager von TACT International Art Management, brachte ihn dann nach Ekaterinburg, und sie machten 2014 „Satyagraha“. Als diese Oper lief, fragte Shishkin Strassberger, ob er auch „Die Passagierin“ machen wolle, und so ergab sich diese. Dann folgte „The Greek Passion“ fast von selbst. Es interessierte den Generalintendanten, was aus Gesellschaften wird, die mit ideologischen Schwierigkeiten leben – was kommt dabei heraus? „Satyagraha“ war in diesem Kontext mehr eine poetischere und eher abstraktere Produktion als die anderen beiden.


Probengespräch mit GMD Oliver von Dohnányi. Copyright: Olga Kereluk

Was sind Ihre künstlerischen Ursprünge, und wie kamen Sie zur Opernregie?

 

Thaddeus Strassberger stammt aus Tulsa, Oklahoma, und lernte in den ersten 18 Jahren seines Lebens viele Theater kennen. Mit 10 Jahren erlebte er zum ersten Mal eine Oper, „Le Nozze di Figaro“. „And I wanted to do it happen!“ Seine erste Oper machte er 2005. Er gewann den European Opera Prize for Young Directors und hatte Konzepte gemacht. Der damalige Künstlerische Direktor der Opera Ireland in Dublin, Dieter Kaegi, lud den jungen Strassberger zu einer Produktion von „Cenerentola“ nach Dublin ein. Diese Inszenierung wurde sehr erfolgreich und ging anschließend nach Wiesbaden. In Bad Wildbad inszenierte er dann „La Gazzetta“

Thaddeus Strassberger hat keine Ausbildung in Opernregie. Er graduierte in einem unspezifizierten Studiengang als Ingenieur an einer speziellen Universität in New York City. Dort gab es einen Lehrgang, der parallel drei Sparten anbot: Ingenieurwissenschaften, Architektur und die Schönen Künste, also ein integrales Spezialprogramm dieser drei Fakultäten. Deshalb macht er zusätzlich zur Regie auch das Bühnenbild und die Lichtregie.

Die ersten Anfänge waren mit Arbeiten back stage. 2000/01 arbeitete er an der Mailänder Scala in einem Programm namens „Academia“ von einem Jahr für junge Designer. Danach war er Dolmetscher für Italienisch und Englisch. Anschließend wurde er Assistent am La Fenice in Venedig, in Cagliari und am Teatro San Carlo di Napoli. Strassberger hält sich vor diesem Hintergrund für einen „praktischen Autodidakten“, für den es in der Opernregie vor allem um zwei Dinge geht: Kunst und Handwerk.

 

Wie sehen Sie die Kunst der Opernregie?

 

Es gibt für ihn „no brand“, also kein Markenzeichen. Jede Situation ist unterschiedlich und verlangt andere Herangehensweisen. So hat er eine „Carmen“ in Dänemark sehr zeitgenössisch inszeniert, in einer Interaktion zwischen Zigeunern und Flüchtlingen. Sein „Don Giovanni“ in Norwegen war sehr abstrakt (auf DVD). Manchmal ist aber auch eine eher konservative Regiekonzeption angezeigt, wie etwa bei der „Passagierin“ oder der „Greek Passion“. „I like honest ways, seriously!“ sagt er mit dem Brustton der Überzeugung. So sollen die Sänger am besten von allein und damit authentischer herausfinden, was er von ihnen will. Einmal machte er eine Produktion von „Hamlet“, die mit fünf verschiedenen Besetzungen aufgeführt wurde. „I let the singers do their Regie and want to plant the seeds, water the seeds, explain what is the purpose of each action and so on.” So machte er ihnen eher Vorschläge als dass er ihnen orders gibt. Eine typische Frage könnte sein: „Von welcher Seite würden Sie die Bühne betreten? Was wäre dann anders?!“

Wenn er eine Oper inszeniert, ist für ihn ein intensives Studium der Partitur und der das Werk betreffenden Informationen unabdingbar. Ich konnte das bei den beiden Produktionen, die ich in Ekaterinburg erleben durfte, unzweifelhaft feststellen.

 

Was waren Ihre Arbeiten bisher, und in welchen Ländern haben Sie als Opernregisseur gearbeitet?

 

Seine Arbeiten: „The Greek Passion“„The Passenger“, „Les Contes d’Hoffmann“, „JFK“, „Un ballo in maschera“, „Satyagraha“, „I due Foscari“, „Don Giovanni“, „Rigoletto“, „The Wreckers“, „Oresteia“, „La fanciulla del West“, „Le nozze di Figaro“, „The Rape of Lucretia“, „Glare“, „Pique Dame“, „Andrea Chenier“, „The Voyage of Edgar Allan Poe“, „Hamlet“, „Nabucco“, and „Turandot“. Seine Highlights waren „Nabucco“ und „I due Foscari“ mit Placido Domingo. Danach folgen Valencia und das Theater an der Wien 2014.

Er hat bisher in etwa 10 Ländern gearbeitet, in Dänemark, Deutschland, Kanada, Österreich, Norwegen, Russland, Spanien, im United Kingdom und in den USA. Außer Englisch spricht Strassberger Italienisch und Spanisch und arbeitet auch in Französisch.

 

Wie stehen Sie zum Oeuvre Richard Wagners?

 

Thaddeus Strassberger hat, wie die obige Aufzählung zeigt, bisher keinen Wagner inszeniert. Das ist doch interessant! Dabei war er immer interessiert an Wagners Ideen zum Gesamtkunstwerk. „I see everything as a Gesamtkunstwerk – set designer, videos, Regie, Requisite, all together…“ und „Wagner’s plot is not so complicated, and how he explored it.” Die Sprache ist wichtig, und es gibt viele Möglichkeiten zur Interpretation. Er glaubt nicht, dass man bei Wagner „Regietheater“ machen müsse, er IST schon „Regietheater“! Auch die orchestrale Seite – eine Art „Erforschung emotionaler Landschaften“. Puccini hält Strassberger für viel schwieriger. „Every bar is exactly what to come.“ Wagner hingegen lässt einen enormen Freiraum. Für ihn wären besonders „Parsifal”, „Lohengrin” und “Tannhäuser” interessant, die zum Teil nahe bei der “Greek Passion” liegen und viel mit dem Christentum zu tun haben. „The story of Jesus Christ is a value pattern.“


Bei Proben mit Kevin Knight, dem Kostümbildner und der Dolmetscherin. Copyright: Olga Kereluk

 

Was erwarten Sie von gutem Musiktheater?

 

„I hope that the arts we create in the theatre will replace politics at least for some hours. Many people only think in political terms. Only in the theatre we can think of relationships between people. All this is offered by the trilogy in Ekaterinburg. We can think in emotions, in a metaphysical way not based on money and commercialization…”

Damit wäre eigentlich alles gesagt!

 

Welches sind Ihre nächsten Projekte?

 

Das nächste Projekt wird die Oper „Demon“ von Anton Rubinstein beim Bard Summer Festival in New York sein. Dann folgt eine „Carmen“ an der Danisch National Opera, die eine touring company ist und über 20 dänische Städte bereist. Schließlich „La Clemenza di Tito“ an der Los Angeles Opera unter der Stabführung von James Conlon. Und last but not least, er würde gern einmal die drei oben genannten Wagner-Werke inszenieren, „Parsifal“, „Lohengrin“ und „Tannhäuser“. Das wäre sicher „spannend“, wie Katharina Wagner jetzt sagen würde…             

Dass Strassberger auch gut Deutsch spricht, ist sicher ein Vorteil für Wagner-Inszenierungen. Ich sehe für ihn mit seinem facettenreichen und fantasievollen Inszenierungsstil eine große Zukunft voraus.

Klaus Billand

 

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