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TALIA OR: Vor allem Freude an der Arbeit

16.06.2013 | Sänger

 

TALIA OR 

Vor allem Freude an der Arbeit

Ein Schwarm wilder roter Locken, den sie auch in Klosterneuburg als Frau Fluth zeigen wird – das ist gewissermaßen das Markenzeichen der attraktiven Talia Or, die sich damit erstmals zumindest in der Nähe von Wien vorstellt. International unterwegs, mit „fünf, sechs Sprachen“ gewappnet, wie sie selbst sagt, lebt die in Jerusalem Geborene aber seit ihrer Jugend in Deutschland. Ihre Forderung an den Beruf, „Freude an der Arbeit“ zu haben, erfüllt sie sich in Klosterneuburg ebenso wie ihren Wunsch, dass es auf der Bühne nicht zu konventionell zugehen möge…

Von Renate Wagner

Frau Or, Sie werden diesen Sommer in Klosterneuburg die Frau Fluth in den „Lustigen Weibern von Windsor“ singen. Sie leben in München, haben dort jahrelang an der Staatsoper und am Gärtnerplatztheater gesungen. Wie kommt es, dass es Sie noch nie nach Wien verschlagen hat?

Seltsamerweise hat es sich nicht ergeben. Ganz am Anfang, wenn man noch überall vorsingt, habe ich das in der Volksoper getan, aber daraus wurde nichts. Leider hatte ich noch keine Chance, mich angemessen an der Staatsoper vorzustellen – aber vielleicht kommt das noch? Nun hat meine Agentin, Samantha Farber, gewusst, dass Klosterneuburg eine Frau Fluth sucht, hat mich zu Intendant Garschall zum Vorsingen geschickt – und so habe ich die Rolle auf die normalste Art der Welt bekommen.

Hatten Sie die Frau Fluth in Ihrem Repertoire?

Ich habe am Gärtnerplatztheater oft die Anna Reich gesungen, ich kannte sie also gewissermaßen aus zweiter Hand. Aber ich lerne sehr schnell, mit Klavierauszug, Pianisten und meinem Gesangslehrer. Um leere Zeit beim Reisen zu nützen, stöpsle ich mir gerne Aufnahmen ins Ohr: Ich habe dabei zwei ganz verschiedene Auffassungen der Frau Fluth gehört, einerseits Edith Mathis, die ganz genau phrasiert, andererseits Juliane Banse, die die Rolle ganz weich und elegant auffasst. Man kann ja selbst nie jemand anderen „nachmachen“, man muss sich seine eigene Interpretation suchen, die Figur durch die eigene Persönlichkeit filtern, aber man bekommt natürlich Anregungen. Und da ich mich als lyrischen Sopran mit Koloratur begreife, ist das eine sehr schöne Rolle für mich – zumal die Musik von Otto Nicolai einfach wunderschön ist.

Und wie finden Sie Klosterneuburg?

Wir proben ja schon einige Zeit, aber natürlich vor allem in der Babenberger-Halle, wobei man ja nur auf gutes Wetter und Freilicht-Aufführungen hoffen kann, zumal das Bühnenbild draußen sehr schön ist. Die Arbeit mit dem Regisseur Andy Hallwaxx ist sehr witzig, er hat ganz genaue Vorstellungen, wenn er so herumfegt, und ich denke, wir werden dann eine Menge Slapstick auf die Bühne stellen, das gefällt mir sehr gut.

Frau Or, in Ihrem Lebenslauf steht: „Geboren in Jerusalem“. Da fragt man sich, wie man in Israel auf die Idee kommt, Opernsängerin zu werden.

Israel ist sehr wichtig für mich, aber ich habe fast mein ganzes Leben in Deutschland verbracht. Ich war vier Jahre alt, als meine Eltern mit mir und meiner Schwester nach Aachen gingen. Mein Vater lehrte an der dortigen Synagoge, meine Mutter, die Sängerin ist, sang im Chor des Stadttheaters. Der Aufenthalt war eigentlich nur für kurze Zeit gedacht – und wir sind geblieben. Bei uns zu Hause wurde immer musiziert, durch Mutters Beruf waren wir von klein auf mit der Bühne vertraut. Netta und ich sind seit unserer Kinderzeit in Aachen auf der Bühne gestanden, wir sind richtige kleine Nerds gewesen, dauernd nur Musik im Kopf. Es hat mir Riesenspaß gemacht zu singen, und meine Begabung dafür hat sich bald herausgestellt. Und so sind wir, anfangs von der Mutter unterrichtet,  beide Sängerinnen geworden – und letzten September, bei der Premiere der „Fledermaus“ am Salzburger Landestheater, waren wir beide alternierend als Rosalinde eingesetzt, das war wirklich ein Spaß. Im übrigen begegnen wir einander nur privat, künstlerisch war es das einzige Zusammentreffen in unserem Erwachsenenleben.

Sie haben in Hamburg studiert, aber München ist dann das Zentrum Ihres Lebens und Arbeitens geworden?

Lange Zeit ja, ich lebe noch immer dort, aber meinen Vertrag mit dem Gärtnerplatztheater habe ich gelöst, weil doch viele Angebote kommen, die man nicht annehmen kann, wenn man an einem Ort festsitzt. Ich habe ja in München gleichzeitig an beiden Häusern gesungen, und das war zu meiner Zeit noch gar nicht so einfach, weil die Spannungen oder der Konkurrenzdruck zwischen den Institutionen zeitweise sehr groß waren. Ich habe nach dem Studium und ersten Auftritten in Hamburg, wo ich sogar in der Staatsoper schon die Papagena singen durfte, viel vorgesungen, wie man das als junger Sänger so macht, und im Gärtnerplatztheater sagte man mir: „Wie schade, wir hätten Sie gerne genommen, aber Ihre Stelle ist gerade vergeben worden!“ Also bewarb ich mich an der Bayerischen Staatsoper und wurde ins Junge Ensemble aufgenommen. Ein paar Wochen später läutet das Telefon, die Kollegin am Gärtnerplatztheater hätte die Stelle nicht angetreten, ob ich kommen wollte. Das ging dann nur mit Gastverträgen, ich habe an beiden Häusern gesungen, und ich kann sagen, dass ich in meinen Anfängen doppelt gefordert wurde.

Die großen Rollen gab es aber am Gärtnerplatz?

Ja, und das war eine Chance, die ich sehr genossen habe, als ich dann fünf Jahre lang Ensemblemitglied war: Vor allem Mozart – also die Pamina – und Belcanto – Rossinis Rosina und Donizettis Adina – zu singen, dazu Spieloper wie die Anna Reich und Operette wie die Valencienne. Und in den letzten Jahren habe ich dann internationale Engagements angenommen, wobei natürlich klar ist, dass es in den kleinen Häusern die großen Rollen sind – und in den großen noch  die kleineren Rollen. An der Scala habe ich in der neuen „Frau ohne Schatten“ unter Claus Guth die Stimme des Falken, mit einer riesigen Maske am Kopf, gesungen. In Rom war es denn die Woglinde unter Kirill Petrenko, in Turin immerhin die Marzelline.

Wagner steht aber nicht auf ihrem Plan für die Zukunft?

Ich glaube, meine Stimme ist umfangreicher, als viele denken – ich könnte nicht nur Sophie oder Susanne singen, sondern auch Oktavian und Cherubin, die Tiefe ist da, ich habe die Rossini-Rosina auch in der Mezzofassung gesungen. Trotzdem habe ich auch die „Koloraturen“, und wenn Mozart auch für meine Stimme das Beste ist und ich mich nach vielen seiner Rollen sehne, träume ich doch beispielsweise auch von einer Melisande. Aber ich habe auch in Valencia unter Maazel und später in Turin ein Blumenmädchen in „Parsifal“ gesungen: So lange es nicht zu dramatisch wird, geht das schon. Bisher sind es auch nur  kleine Rollen von Verdi gewesen, vor dem ich einen Heidenrespekt habe, aber ich denke, da kann noch einiges kommen, weil sich die Stimme ja entwickelt.

Sie waren bei den Bregenzer Festspielen auch in „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg dabei, lassen Sie sich gerne auf Ungewöhnliches ein?

Ja, sehr. Ich war 2009 bei den Bregenzer Festspielen beim Spiel auf dem See die Priesterin in der „Aida“, und David Pountney hat mich gleich für das folgende Jahr für „Die Passagierin“ verpflichtet und auch noch für Weinbergs „Das Porträt“. Außerdem durfte ich da auch in einem Konzert Lieder von Weinberg singen, was ich besonders gerne getan habe – Lieder zu singen, war das Erste, was unsere Mutter uns beigebracht hat, und das spielt eine sehr große Rolle in meinem Leben.

Sie bieten auch auf Ihrer Website ein ungewöhnlich großes Repertoire an Konzertrollen an, von Bach bis Bernstein, von Händel bis Mahler, von Mozart und Haydn bis Ravel und Debussy. Wie kommt das?

Auch daher, dass mir das besondere Freude macht, und dass man hier auch oft Chancen bekommt und an die interessantesten Orte reist. Es war für mich sehr schön, mit Bach-Kantaten unter Zubin Mehta eine große Israel-Tournee machen konnte, denn obwohl ich das Land mit vier Jahren verlassen habe, reise ich doch jährlich zu Verwandtenbesuchen dorthin, habe auch ein Schuljahr dort verbracht und fühle mich Israel sehr verbunden. 

Wo würden Sie, wenn Sie an Ihre Zukunft denken, sich in ein paar Jahren sehen wollen?

Ich fürchte, ich gehöre nicht zu den Sängern, die um jeden Preis von bestimmten Rollen träumen, ich möchte einfach nur mit guten Leuten in guten Produktionen sein dürfen und die Arbeit genießen. Es war schön, an der Scala zu singen, aber es geht mir nicht darum, in jedem großen Opernhaus zu sein. Oft kommen auch die schönsten Dinge ganz spontan und unerwartet – so bin ich in Tokio in einer Inszenierung von Damiano Michieletto als Despina in „Cosi fan tutte“ eingesprungen, nachdem ich die Rolle in Hamburg in der schönen, aber etwas konventionelleren Inszenierung von Marco Arturo Marelli gesungen hatte. Bei Michielotto spielte das Ganze auf einem Campingplatz namens „Alfonso“ und ich betreute quasi als „Barrista“ die Würstelbude. Ich wirke gerne in solchen Inszenierungen mit, wenn sie der Musik nicht widersprechen.

Ist das Leben als frei schaffende junge Sängerin nicht sehr schwer, hätte man nicht lieber im Schoße eines Ensembles bleiben sollen?

Das ist natürlich die Frage, und wahrscheinlich weiß man immer erst danach, was richtig gewesen wäre. Ich hatte zum Beispiel mit der Marzelline neben Ricarda Merbeth im „Fidelio“ großen Erfolg in Turin, wir sprechen über ein neues Engagement, aber ich merke, dass immer kurzfristiger disponiert wird, man hängt oft lange in der Luft. Außerdem hat mit der „Schlankheitsoperation“ von Deborah Voigt auch dieses gnadenlose Umdenken begonnen, dass man als Sängerin schlank wie ein Model und schön wie ein Filmstar sein muss. Und wenn man dann wie ich – obzwar schlank, und das mühelos – vom Schönheitsideal abweicht, und sei es nur mit einem roten Lockenkopf, dann passt man nicht ganz ins Schema. Allerdings kann und will ich mich nicht verbiegen, weil ich denke, gerade auf der Bühne kommt es nur auf die individuelle Persönlichkeit an – durch mich hindurch erreicht eine Figur und ihre Musik den Bauch, den Kopf und bestenfalls das Herz des Publikums, und dafür will ich mich nicht verstellen. Zumal ich so strukturiert bin, dass mich die vom Schema abweichenden Dinge am meisten interessieren – je komplizierter, desto lieber. Auch wenn man sich das Leben durch Unangepasstheit nicht unbedingt leichter macht.

 

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