Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Marc Rohde

BERLIN/ Staatsballett: GISELLE

Staatsballett Berlin: „Giselle“
111. Vorstellung am 4.12.2024

giselle
Ensemble des Berliner Staatsballetts (Foto: Mariia Kulchytska)

Giselle ist einer der Ballettklassiker schlechthin und umso erfreulicher ist es, dass das begeisterte Publikum des Staatsballetts Berlin diesen auch in einer klassischen Interpretation erleben darf. Patrice Bart zeigt sich für Choreographie und Inszenierung verantwortlich und überzeugt mit seiner romantischen Sicht auf das Werk. An diesem Mittwochabend erleben wir in einer langem restlos ausverkauften Vorstellung bereits die 111. Aufführung der seit dem Jahr 2000 auf dem Spielplan stehenden Produktion. 

Im Bühnenbild und den Kostümen von Peter Farmer und dem subtil eingesetzten Lichtdesign von Franz Peter David zaubern die Tänzerinnen und Tänzer dem internationalen Publikum ein Lächeln ins Gesicht und werden schließlich mit langanhaltendem Beifall und Standing Ovations belohnt. 

Riho Sakamoto gibt Giselle im ersten Akt als „Everybody’s Darling“ und verzaubert mit ihren zart fließenden Bewegungen und ihrer künstlerischen Raffinesse nicht zuletzt die Dorfbewohner, den Wildhüter Hilarion (Alexei Orlenco), sowie Albrecht (Martin ten Kortenaar).


Dorfgesellschaft im 1. Akt (Foto: Mariia Kulchytska)

Gleichsam esotherisch wie ernsthaft gibt Eloïse Sacilotto im zweiten Akt ein ebenso überzeugendes Portrait der Königin der Willis ab. Auch Sakamoto versprüht im Reich der Willis eine luftig schwebende, geisthafte Zartheit und beweist ihre Wandlungsfähigkeit bei gleichbleibend herausragender tänzerischer Brillanz. Albrecht wird ja von den Willis zum Tanzen bis zur Erschöpfung verurteilt, aber ten Kortenaar scheint in seiner dynamischen Interpretation weit vom Ermüdungszustand entfernt zu sein.


Im Reich der Willis (Foto: Mariia Kulchytska)

In weiteren solistischen Partien sind Lewis Turner als Wilfried, Dominik White Slavkovský als Prinz von Kurland, Julia Golitsina als Bathilde, Maria Boumpouli als Berthe und schließlich Meiri Maeda und Giovanni Princic im Bauern-Pas-de-Deux zu sehen. 

Musikalisch wird die Leistung auf der Bühne von der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Marius Stravinsky konzentriert und schwungvoll unterstützt. Dafür werden Dirigent und Orchester in den Jubel während des Schlussapplauses ebenfalls mit vielen Bravorufen belohnt. 

Dieser Abend ist einer von unzähligen Beweisen dafür, dass Berlin kulturell weltweit in der ersten Liga spielt. Umso unverständlicher ist es, dass der Kulturetat dieser Stadt für 2025 um 130 Mio. Euro gekürzt werden soll. Ein Einschnitt dieser Dimension kann katastrophale Folgen haben und nur mit Start-Ups, Pop-Ups und der stets besten Bundesregierung aller Zeiten verliert die deutsche Hauptstadt deutlich an Profil und Attraktivität. Ein Abend wie dieser in der Staatsoper Unter den Linden sei stellvertretend als praktischer Beweis der völkerverständigen Wirkung von Kultur genannt. Nicht nur im Ensemble, sondern auch im Publikum sind unzählige Nationen, darunter sowohl Russen als auch Ukrainer, friedlich vereint. Eine Katastrophe, wenn uns diese Basis für ein friedliches und Verständnis-schaffendes Miteinander genommen wird. 

Marc Rohde

PERLA GALLO – Tänzerin am Schleswig-Holsteinischen Landestheater

Der erste Schnee ist gefallen und die malerische Stadt Flensburg ist seit zwei Tagen mit weißem Puder bedeckt. Umso voller sind die gemütlichen Cafés an diesem Samstagvormittag. Im Café Isa in der Norderstraße treffe ich die Tänzerin Perla Gallo, die mich zuvor schon mehrmals auf der Bühne begeisterte. 


Tänzerin Perla Gallo am jordanischen Felsentempel Petra (Foto: privat)

Wie eine kleine Familie empfindet die charmante Italienerin ihre Flensburger Company und fühlt sich sowohl am hiesigen Theater als auch in der Stadt an der dänischen Grenze sehr wohl. Großstadt-Stress muss hier niemand befürchten, ist die Stadt doch allgemein für ihre dänische Gelassenheit bekannt. Perla hat immer davon geträumt, die Zeit anhalten zu können, vielleicht um einen besonderen Moment zu genießen oder einfach, um nie alt zu werden. Dabei ist es ihr nie gelungen, die Zeiger anzuhalten, aber es gibt einen Weg oder vielmehr einen Ort, an dem die Zeit „angehalten“ wird und die Uhr nicht mehr tickt: den Strand. Deshalb schätzt sie hier an der Küste besonders die Nähe zum Strand, um dort ein paar Stunden am Ufer zu verbringen und neue Kraft tanken zu können.  

„Ich wurde in Pforzheim geboren und bin mit meiner Familie zusammen nach Italien gezogen, als ich sieben Jahre alt war.“ erzählt sie. In ihrer Kindheit war sie sehr lebhaft und immer irgendwie in Bewegung und so kam ihrer Mutter die Idee, Perla zum Ballettunterricht anzumelden. „Auf diese Weise habe ich festgestellt, dass Ballet eine Sache ist, die ich wirklich machen möchte. In einem Workshop wurde schließlich die Direktorin der Accademia Nazionale di Danza in Rom auf mich aufmerksam und so zog ich im Alter von 13 Jahren in die Hauptstadt und begann meine Tanzausbildung. Diese Zeit war für mich sehr wichtig, denn in den Jahren an der Akademie entdeckte ich, wer ich künstlerisch und auch als Person überhaupt bin. Hier habe ich gelernt, an mich selbst zu glauben.

Vor ihrem ersten festen Engagement hier im Norden arbeitete sie bereits freischaffend in Italien, im Oman, in China, in Algerien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten und war in unterschiedlichsten Produktionen zu erleben. In Deutschland konnte man sie ab 2019 in Halberstadt in Schwanensee und Die Schöne und das Biest auf der Bühne sehen. 

„Als während der Lockdowns viele Theater geschlossen blieben und ich nicht auftreten und arbeiten durfte, war ich sehr demotiviert und wusste nicht, was ich tun sollte. Per Zufall hatte ich die Ausschreibung für die Stelle in Flensburg gesehen und mir gesagt: Wenn es klappt, dann mache ich weiter, ansonsten gebe ich das Tanzen auf.“ Schön, dass sie jetzt hier ist!

Nun ist Perla schon die dritte Spielzeit im Ensemble des Landestheaters und sie kann sich sehr gut vorstellen noch länger zu bleiben, schließlich fühlt sie sich hier pudelwohl. In wenigen Tagen wird sie in Emil Wedervang Brulands Version von Tschaikowskis Dornröschen als Aurora debütieren. „Ich war erst ein Mal als Pamina eine Prinzessin auf der Bühne“ erzählt sie mir. Wie sie so vor mir sitzt, versprüht sie im selben Moment eine fast aristokratisch anmutende Eleganz, so dass ich keinen Zweifel daran habe, dass sie auch diese Rolle perfekt verkörpern wird. In dieser Produktion ist sie als rote Fee eingestiegen und die Proben für die Umbesetzung laufen gerade. 


Auf Reisen, wie hier in Vietnam, begibt sich die Künstlerin nicht zuletzt, um persönlich daran zu wachsen (Foto: privat)

Sie sei eigentlich ein introvertierter und schüchterner Mensch sagt sie über sich. Nur tanzend könne sie so richtig aus sich herausgehen und überwindet auf diese Weise ihre Scheu davor, im Mittelpunkt zu stehen. Sobald sie die Bühne betritt, fühlt sie sich wie ein anderer Mensch und kann ihr Publikum vom ersten Moment an begeistern. Bei diesen Worten wirkt die junge Frau auf mich sehr reflektiert und tiefgründig und auch im Gespräch keineswegs schüchtern. Auf der Bühne in einer Sprechrolle eine tragende Rolle zu spielen, sei für Perla aber undenkbar. Sehr gerne würde sie auch mal eine wirklich bösartige Persönlichkeit auf der Bühne verkörpern, um mal eine ganz andere Seite zu zeigen. Die Italienerin ist nicht zuletzt ihren Eltern sehr dankbar dafür, dass sie diesen Beruf ausüben darf und so in einer ihr angenehmen Weise einen Teil ihrer Persönlichkeit zeigen kann, der im Alltag manchmal eher im Verborgenen bleibt. 

Bei der Zusammenarbeit mit dem Choreographen gibt dieser natürlich den Rahmen vor, aber wie sie eine Rolle letztendlich künstlerisch interpretiert entscheidet sie und im Laufe einer Aufführungsserie verändert sie auch immer wieder Details und entwickelt ihre Interpretation eines Charakters von Mal zu Mal weiter.

Wie sieht denn eigentlich die tägliche Routine einer Tänzerin aus? „Für mich ist das Frühstück der schönste Teil des Tages. Ich liebe es, den Tag mit einem guten Frühstück und einem guten Kaffee zu beginnen. Dann gehe ich ins Theater, wo ich mich normalerweise vor dem Training ein wenig aufwärme und dann mit den Proben für die Vorstellungen weitermache. In der Pause gehe ich gerne ins Fitnessstudio, um Muskelaufbauübungen zu machen, aber ich entspanne mich auch mal mit einem guten Buch und einem Kaffee am Hafen, wenn das Wetter es zulässt. Danach gehe ich wieder zur Arbeit und beende schließlich den Tag, indem ich etwas koche und mich mit einem heißen Kräutertee verwöhne.“

Sehr spannend findet sie auch Tanzabende in der sogenannten Kleinen Bühne, in der die Tänzerinnen und Tänzer ihrem Publikum so nah sind, dass sie den Zuschauern in die Augen blicken können. Das empfindet die Künstlerin als sehr spannend und spürt dabei eine ganz eigene Energie. Darüber hinaus steht im kommenden Jahr eine besondere Wiederaufnahme an: in einer speziell für Klassenzimmer eingerichteten mobilen Aufführung mit dem Titel Adna ist neu geht es um den Moment, wenn man neu in eine Gruppe kommt, die ‚Neue‘ im Klassenzimmer ist.  Dabei hat Perla in ihrer Kindheit durchaus Gemeinsamkeiten mit diesem Charakter gehabt: „Als Kind wünschte ich mir, ich hätte Superkräfte und könnte unter bestimmten Umständen unsichtbar sein. Ich fühlte mich fast immer unwohl, litt unter Minderwertigkeitskomplexen und fühlte mich tatsächlich wie Adna; stets beobachtet, bewertet und voller Angst, keine eigene authentische Identität zu haben.“ Die Arbeit mit Kindern bedeutet ihr viel: „Ich liebe Kinder, es macht mir Freude, mit ihnen zu arbeiten, ihnen etwas beizubringen, sie zu stimulieren und ihre Fragen zu beantworten. Ich arbeite gern in Projekten, die Bildung und Kunst unterstützen, und die soziale Inklusion fördern. Deshalb habe ich mich auch schon ehrenamtlich engagiert und werde dies auch weiterhin tun.

Die Tänzerin malt abstrakte Bilder, in denen sie ihre jeweiligen Empfindungen und aktuelle Eindrücke zum Ausdruck bringt. Dabei denkt sie nicht viel nach, sondern malt intuitiv drauf los. Einige ihrer Bilder verewigt sie in einem persönlichen Tagebuch, andere sind eigenständige Kunstwerke, die sich auch als Wandschmuck eignen.

Eine weitere Passion von Perla Gallo ist das Reisen. Neulich erst ist sie direkt nach einer Premierenfeier in den Bus zum Hamburger Flughafen gestiegen, um von dort sehr früh am nächsten Morgen zu einem Kurztrip nach Finnland aufzubrechen. Im vergangenen Sommer hat sie eine ausgedehnte Reise durch Asien und Afrika unternommen und liebt es bei solchen Gelegenheiten sehr, sich mit den Einheimischen zu unterhalten und so deutlich mehr über die Eigenheiten und Persönlichkeiten zu erfahren, als es in einem Pauschalurlaub möglich wäre. Afrika gefällt ihr dabei besonders, denn dort ist sie häufig auf Menschen gestoßen, die ohne großen materiellen Besitz sehr zufrieden und ausgeglichen sind. „Ich reise, um die Welt zu erkunden, neue Orte und Kulturen zu entdecken und um zu sehen, was sich außerhalb meines Alltags abspielt. Ich reise auch, um persönlich daran zu wachsen. Ich verlasse dabei meine Komfortzone. Reisen inspiriert mich, weil ich meine Perspektive dadurch verändere. Durch das Reisen fühle ich mich lebendig. Ich sammle Erinnerungen und keine Gegenstände.“


Nach Afrika möchte Perla Gallo unbedingt zurückkehren. Dieses Bild zeigt sie in Kenia. (Foto: privat)

Für Ihre Zukunft hat sie keine konkreten Pläne. „Es geht immer irgendwie weiter. Vielleicht wäre eine Aufgabe in Afrika irgendwann etwas für mich. Ich möchte auf jeden Fall dorthin wiederkommen und meine Kontakte ausbauen.“ 

Ich freue mich sehr, dass Perla auch bei diesem Interview in englischer Sprache ihre Komfortzone für mich verlassen hat. Danke für das Vertrauen und die offenen Worte.

Marc Rohde, November 2024

FLENSBURG/ Landestheater: DORNRÖSCHEN

dornroesschen 8847
Yi-Han Hsiao als Prinzessin Aurora und Chu-En Chiu als Prinz Désiré und Ensemble (Foto: Henrik Matzen) 

FLENSBURG/ Schleswig Holsteinisches Landestheater: DORNRÖSCHEN

Premiere am 2. November 2024

 

Der überraschende Star des Abends dieser Premiere des neuesten Musiktheaterstücks von Choreograph Emil Wedervang Bruland ist das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester unter der souveränen Leitung des katalanischen Dirigenten Sergi Roca Bru. Musikalisch wird alles aufgefahren, was Tschaikowskis durch lyrische Melodik und reiche Harmonien geprägte Partitur benötigt, um zu begeistern. Von melodischer Schönheit über farbenprächtige Opulenz bis hin zu den charakteristischen Tanzsätzen dieses 1890 im St. Petersburger Mariinski-Theater uraufgeführten Meisterwerkes lotet der 1. Kapellmeister des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters jede Nuance aus und die Musiker im Graben folgen ihm konzentriert.

Am Landestheater ist das Stück auf 130 Minuten inklusive Pause gekürzt worden und natürlich kann das recht kleine Tanztheater-Ensemble der akustischen Opulenz nicht durch eine große Menge an Menschen auf der Bühne entgegentreten. Stattdessen setzt Bruland auf eine eigene Interpretation des klassischen Märchenstoffes, der im Wesentlichen dennoch der bekannten Vorlage folgt. Musikalisch sind dabei auch die bekanntesten der unzähligen Variationen und Charaktertänze erhalten geblieben, aber wurden in die Handlung integriert und die Darstellung den Protagonisten auf den Leib choreografiert. Bruland und die Dramaturgin Susanne von Tobien erzählen die Geschichte als Suche nach selbstbestimmter Freiheit und Identität, aber auch als Finden der eigenen Kraft und Liebe, verrät ein Blick in den Programmzettel. Dabei gibt es schon beim Tauffest so viele Details zu sehen, dass man gar nicht alle Aktionen auf einmal wahrnehmen kann und sich idealerweise ein zweites Mal die Zeit nimmt, eine der Aufführungen zu besuchen. Wie dem Baby Aurora im Kinderwagen die Windel gewechselt wird und angewidert von einem Gast zum nächsten weitergereicht wird, sorgt nicht nur für Lacher im Publikum sondern stellt auch die unmittelbare Verbindung vom phantastischen Märchen mit dem heutigen Alltag der Menschen her. Statt der traditionellen Verletzung an der Spindel, sticht Aurora sich später an einer Spritze, mit der Carabosse sie überwältigt und schließlich in eine Art Trance versetzt. Projektionen in einer Art Bilderrahmen auf der hinteren Begrenzung der Szenenfläche visualisieren dabei die durch die Spritze hervorgerufene Blutung (oder den Eintritt der Droge in den Blutkreislauf der Prinzessin?) und die psychedelische Wirkung der verabreichten Substanz. In dieser von Carabosse gelenkten Traumsequenz reflektiert Aurora Gewesenes, begreift Geschehenes und durchlebt ihre Sehnsüchte. Schließlich begreift die Protagonistin, dass nur sie selbst sich befreien kann und entreisst ihrem Peiniger die Spritze, um ihn schließlich damit zu eliminieren und doch noch mit Prinz Desiré das gemeinsame Glück zu finden. Bruland gelingt es, eine ästhetische eigene Körpersprache für seine Company zu kreieren, aber begegnet auch der originalen, für eine Besetzung von 155 Tänzerinnen und Tänzern geschaffenen Choreografie von Marius Petipa durch vereinzelten Zitate mit Respekt. Herausgekommen ist eine wirklich gelungene Symbiose aus Tradition und modernem Tanztheater, welches am Landestheater ganz ohne Tutus und Spitzenschuhe auskommt. Die farbenfrohen zeitgenössischen Kostüme und die Bühne, die im Wesentlichen an filigrane Scherenschnittmuster erinnert, stammen von Stephan Anton Testi.

dornroesschen 7267
Yun-Cheng Lin als Carabosse manipuliert Prinzessin Aurora (Foto: Henrik Matzen)

Tänzerisch glänzen in der Premiere vor allem die wandlungsfähige Yi-Han Hsiao als Prinzessin Aurora und Yun-Cheng Lin als deutlich aufgewerteter und teils sadistisch wirkender Bösewicht Carabosse. Chu-En Chiu vermag durch seine sensible Gestaltung dem Prinzen Désiré Profil zu geben. Risa Tero gibt als elegante Fliederfee die Gegenspielerin Carabosses. Das Gespann der guten Feen vervollständigen der charismatische Ben Silas Beppler als Blaue Fee, die bezaubernde Perla Gallo als Rote Fee und William Gustavo De Barros mit seiner schelmischen Art als Grüne Fee. Die drei letztgenannten werden im Dezember als Carabosse, Aurora und Désiré zu sehen sein, was erneut zu spannenden Momenten und gänzlich anderen Eindrücken auf der Bühne führen dürfte. Komplettiert wird das frisch und präzise tanzende, mit reichlich Ausdruckskraft agierende Flensburger Ensemble durch Gijs Machiel Stenger als Böse Fee, Laura Elizalde Garcia als Bösere Fee, Meng-Ting Wu als Böseste Fee und Lou Thabart als König, sowie Carolina Martins de Oliveira als Königin. 

Am Ende gibt es tosenden Applaus und Standing Ovations für alle Beteiligten. 

Marc Rohde

KIEL/ Theater Kiel: DER FREISCHÜTZ

freischuetz kiel bild 3
In der Wolfsschlucht (Foto: Olaf Struck)

 

KIEL/ Theater Kiel: Der Freischütz
27. Oktober 2024

Schon zum Ende der vergangenen Spielzeit hatte diese Produktion in Kiel Premiere und ist in der laufenden Spielzeit als Wiederaufnahme zu sehen. Inszenierung und Bühne stammen vom französischen Regisseur Jean-Romain Vesperini, der mit diesem Werk sein Deutschland-Debüt gibt. Das Phantastische an diesem Stoff reizt den Franzosen sehr und entsprechend bietet er dem Publikum ein ständiges Wechselbad zwischen Realität und einem gruseligen Albtraum. Zu Beginn sieht man Max auf einem Tisch (dies könnte genau so gut eine Liege in der Psychiatrie oder sein Bett, in dem er seine Visionen durchlebt, sein). Gerade in der Zeit um Halloween passt diese Interpretation hervorragend und insgesamt habe ich eine Aufführung erlebt, in der traditionelle Sehgewohnheiten ebenso bedient werden, wie der Anspruch, mitreißendes zeitgemäßes Musiktheater zu erleben.

Statt auf ausgeprägten Aktionismus setzt Vesperini in Kiel auf stilisierte Bewegungen und große Gesten, die die plakativen und surreal überzeichneten Charaktere zum Besten geben. Dabei wird uns Zuschauern eine Gruselgeschichte in bester Horror-Manier erzählt, die durch die meist dunklen und optisch stets ansprechenden Videoinstallationen von Étienne Guiol und Wilfrid Haberey, und die sensible Lichtgestaltung von Christophe Chaupin hervorragend untermalt wird. So kommt das Regie-Team auf der Bühne mit nur drei Baumstämmen und wenigen Requisiten aus und muss dennoch keine Abstriche in puncto Opulenz machen. Die Kostüme von Alain Blanchot sind hingegen sehr aufwändig gestaltet und äußerst phantasievoll. Die Maske hat in dieser Produktion auch sehr viel zu tun, denn die die meisten Akteure auf der Bühne erwecken den Eindruck, sie seien gerade aus dem Zombie-Land oder der Geisterbahn entsprungen. 

freischuetz kiel bild 1
Michael Müller-Kastelan zu Beginn des 1. Aktes (Foto: Olaf Struck)

Gesanglich überzeugen mich in dieser sehr gut besuchten und stark beklatschten Nachmittagsaufführung vor allem die hohen Stimmen. Allen voran Michael Müller-Kasztelan als Max, dessen jugendlicher Heldentenor stets präsent und nie forciert klingt. Dabei trumpft er nicht durch eine übertriebene Lautstärke auf, sondern überzeugt souverän durch klugen Einsatz seines vokalen Materials, mit dem er auch in großen Ensembleszenen stets präsent bleibt. Als Agathe sprang kurzfristig Adréana Kraschewski in die Produktion ein. Sie begeistert mit ihrem sehr schönen warm klingenden Sopran. Trotz ihres angenehm samtigen Klangs kann sie sich auch in dramatischen Momenten mühelos behaupten. Ebenfalls ein absoluter Pluspunkt dieser Besetzung ist Bryndís Guðjónsdóttir als Ännchen. Wie die zuvor genannten Protagonisten auch, überzeugt sie durch unforcierten Gesang, der stets über das Orchester strahlt. Darüber hinaus darf sie schauspielerisch etwas lebhafter agieren als Agathe, der eine recht statische Interpretation auferlegt wird. 

freischuetz kiel bild 4
Agathe (im Bild die erkrankte Agnieszka Hauzer) und Ännchen (Bryndís Guðjónsdóttir) mit den Brautjungfern (Foto: Olaf Struck)

Die übrigen Solisten haben es manchmal schwer, sich gegen die Musiker im Graben zu behaupten. Kaspar ist bei Matteo Maria Ferretti in guten Händen, jedoch wäre es manchmal schön, wenn das Dämonische in seiner Stimme noch mehr Durchschlagkraft hätte. Dies würde auch den vom Schnürboden herab erscheinenden Eremiten (Oleksandr Khralamov) aufwerten, dem schauspielerisch keinerlei Möglichkeiten gegeben sind, zu punkten. Den Ottokar gibt Samuel Chan, Kilian wird von Konrad Furian gesungen. Junggeun Choi erleben wir als Kuno und Schauspieler Achim Buch spielt den Samiel. 

Homogen und optisch erfrischend singen und spielen Sophia Bamberg, Carolina Glander, Karlotta Godenir, Hilke Lohmann, Marie Florine Rickers, Lisann Rickert, Beke Schnack und Julie Thode die Brautjungfern. Der Opern- und Extrachor des Theaters Kiel in der Einstudierung von Gerald Krammer trägt signifikant zum vokalen Erfolg bei und das Philharmonische Orchester Kiel spielt konzentriert und mit einer gesunden, nicht ins Kitschige abgleitenden Portion Waldromantik unter der Leitung von Daniel Carlberg.

Unbedingt sehenswert.

Marc Rohde

NINO MACHAIDZE: Die doppelte Desdemona. Nino Machaidze verkörpert innerhalb weniger Tage auf der selben Bühne die „Desdemona“ in Rossinis und in Verdis „Otello“

Das dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit noch keine Sängerin auf der Welt vor ihr getan haben: Die georgische Star-Sopranistin Nino Machaidze verkörpert innerhalb weniger Tage auf der selben Bühne Desdemona in Rossinis und in Verdis Otello. In beiden Opern ist Desdemona ein lyrischer Sopran mit ähnlichen, aber leicht unterschiedlichen Stimmcharakteristiken. Bei Rossini zeigt sie eine größere Beweglichkeit, während bei Verdi eine ausgeprägtere dramatische Seite gefragt ist. Der innigste Moment in beiden Opern ist das Weidenlied. Überraschenderweise haben sowohl Rossini als auch Verdi einen archaischen Stil gewählt, um die Verwirrung, Sehnsucht, Einsamkeit und Schwäche zu vermitteln, die Desdemona allein in ihrem Zimmer empfindet, bevor sie getötet wird.

Unmittelbar vor ihrer ersten musikalischen Probe zu Verdis Otello traf ich die Sängerin in Frankfurt zu einem Gespräch.

nino machaidze

Nino, wie kam es dazu, dass sie diese beiden Rollen in diesem Sommer singen? 

Ich habe Rossinis Desdemona erstmals im Jahr 2016 gesungen und mochte das Stück damals schon sehr. Gleichzeitig hatte ich den Wunsch auch Verdis Version zu singen. Insbesondere in den letzten zehn Jahren bewegte ich mich nach einer Phase im reinen Belcanto-Fach zwischen Rossini und Verdi hin und her. 

Ich habe bereits im Alter von 16 Jahren an der Oper in Tiflis debütiert und genieße es nach 25 Jahren meiner Karriere, immer wieder neue Herausforderungen zu meistern. Es handelt sich hierbei aber nicht um irgendwelche Verrücktheiten, sondern um Aufgaben, die ich vollständig kontrollieren kann. 

Vor fünf Jahren hatte ich als Rossinis Desdemona mein Hausdebüt an der Oper Frankfurt und der Intendant Bernd Loebe hatte mir damals schon angeboten, beide Rollen später in diesem wunderbaren Opernhaus zu singen. 

Was gefällt Ihnen an der Frankfurter Oper besonders? 

Die Akustik in Frankfurt ist sehr, sehr sängerfreundlich und das Singen ist hier weniger anstrengend als in anderen Häusern. Bei einer trockeneren Akustik hören sich die Sänger selbst kaum und fangen oft an zu pushen, was sehr ermüdend ist. Hier am Main nimmt einem das Haus die halbe Arbeit ab. 

Haben Sie die Wiederaufnahme in diesem Jahr anders erlebt, als die Serie vor fünf Jahren? 

2016 habe ich diese Inszenierung im Theater an der Wien einstudiert und musste mich erst mal damit arrangieren, dass zwischen dem zweiten und dem dritten Akt keine Pause vorgesehen war. Nach meiner anspruchsollen großen Arie am Ende des zweiten Akts hätte ich in der Pause genügend Zeit, um zu entspannen und im dritten Akt die Arie „Assisa a piè d’un salice“ zart anstimmen zu können. Damals musste ich mich entsprechend zurücknehmen, um im Finale Secondo nicht zu viel zu geben. Das funktionierte gut, aber ich musste mich stets unter Kontrolle haben. Bei der aktuellen Wiederaufnahme realisierte ich, dass ich an dieser Stelle heute überhaupt nicht mehr aufpassen muss. Das ist eine äußerst befriedigende Erfahrung, weil meine Stimme inzwischen so weit gereift ist, dass die einstige Herausforderung nun gar keine mehr ist.

Ich verändere niemals meine Stimme und singe immer mit derselben Technik, egal um welchen Komponisten oder welchen Stil es sich handelt. Für mich ist es deshalb nicht wirklich schwierig zwischen Verdi und Rossini hin und her zu wechseln. Es handelt sich nur um andere Musik und einen anderen Stil. Die Technik bleibt für mich dabei immer die selbe.

Verdi ist für Sie ja kein Unbekannter mehr.

Ich habe schon viele großartige Verdi-Rollen gesungen. Vor einigen Monaten habe ich Elisabetta in Don Carlos verkörpert. Davor habe ich schon Luisa Miller, Giovanna d’Arco, etwa 70 Mal Traviata und 185 Mal Gilda gesungen. Damit ist es nun aber Schluß, denn mittlerweile liegen mir die etwas dramatischeren Rollen mehr. Jetzt scheint mir die Zeit für mein Verdi Desdemona Debüt perfekt zu sein. Ich habe bislang keine wirklich dramatischen Partien wie Tosca oder Madama Butterfly gesungen, weil ich die Flexibilität meiner Stimme erhalten möchte. Ich möchte auch weiterhin Rossini singen können. Rossinis Desdemona verlangt ganz im Stile des Belcanto nach einer wirklich schönen und zu zartesten Piani fähigen Stimme.  

Die beiden Otello-Opern basieren auf unterschiedlichen literarischen Vorlagen und die Handlung ist nur bedingt dieselbe. Wie unterscheiden sich die beiden von Ihnen dargestellten Charaktere? 

Rossinis Desdemona ist für mich viel stärker, insbesondere im Finale. Sie bittet nicht darum, nicht getötet zu werden, sondern akzeptiert ihr Schicksal und fordert Otello regelrecht auf, sie zu töten. Bei Verdi fleht sie ihn hingegen an, sie am Leben zu lassen. Rossinis Desdemona ist so stark und wenn ich nun in den nächsten Tagen Verdis Version singe, muss ich wirklich darauf achten, nicht so selbstbewusst und charakterstark zu sein. Mein Naturell entspricht der Desdemona von Rossini, aber ich werde überzeugend schauspielern.

In Monte Carlo werden Sie in der kommenden Saison innerhalb weniger Tage sowohl Mimi als auch Musetta singen.

Das wird für mich ebenfalls eine ganz neue Herausforderung werden. Ich hoffe, ich komme auf der Bühne dann nicht durcheinander (lacht). Mimi habe ich wirklich oft gesungen, aber ich war erst in zwei Produktionen Musetta. Dies war 2007 an der Mailänder Scala und 2012 bei den Salzburger Festspielen. In den ersten beiden Vorstellungen in Monaco werde ich also Musetta singen und dann habe ich fünf Tage Zeit, um voll und ganz in Mimi-Stimmung zu kommen. Das sollte ein großer Spaß werden. 

Kommen bald auch schwerere Partien?

Bevor ich eine neue Rolle annehme, singe ich sie zunächst ein Mal für mich durch, um zu sehen, ob sie meiner Stimme liegt. Ich lehne auch heute noch immer wieder Rollen ab, die mir noch nicht richtig erscheinen, denn ich will auch in zehn, fünfzehn Jahren noch bei Stimme sein. Ich entwickle mich Stück für Stück und mache keine großen und waghalsigen Sprünge. Man kann nicht direkt von Lucia di Lammermoor zu Madama Butterfly gehen, sondern muss sich das schwerere Repertoire häppchenweise erarbeiten. Auch Norma und Suor Angelica möchte ich eines Tages singen, aber im Moment liegt der Schwerpunkt auf Verdi.

Neben dem Singen haben Sie auch Freude und Erfolg im Unterrichten.

Ich habe mehr als 85 Gesangsschüler, die ich in Mailand privat unterrichte. Singen muss immer natürlich sein. Nach dem Singen muss die Stimme frisch und klar sein und man sollte das Gefühl haben, dass man das Gesungene problemlos ein zweites Mal singen könnte. Wenn man dies erlebt, hat man alles richtig gemacht, nicht gepusht und genau so laut gesungen, wie es für den individuellen Sänger richtig und gesund ist. Die richtige Technik ist die Grundlage für Alles. Unterrichten macht mir großen Spaß und meine Schüler erreichen in kurzer Zeit sehr gute Resultate.

Wie reagieren Sie auf Störungen aus dem Publikum? 

Geräusche aus dem Publikum nehmen wir auf der Bühne wahr, aber durch so etwas verlieren wir den Fokus nicht. Niemand hustet oder schlägt mit einer Tür, um uns zu stören, sondern dies sind einfach die Geräusche, die zu einem Live-Erlebnis dazu gehören.

Für uns Sänger ist Applaus immer wahnsinnig wichtig. Insbesondere in meinem Repertoire gibt es keine unpassenden Stellen, um zu applaudieren. Jeder Moment ist der richtige, um Beifall zu spenden und uns Sänger macht er einfach glücklich. 

Sie sind verheiratet und haben zwei Kinder. Wie bekommen Sie Karriere und Familie unter einen Hut? 

Ich habe einen zehn Jahre alten Jungen, Alessandro, und ein drei Jahre altes Mädchen, Elena. Das Familienleben halten wir dadurch aufrecht, dass wir Eltern wirklich viel reisen. Ich konnte die letzten Tage zu Hause in Mailand verbringen und bei einigen sportlichen Erfolgen meines Sohnes, der Basketball spielt und auf hohem Niveau Fechtsport ausübt, dabei sein. Er hatte in diesen Tagen auch die Abschlussfeier in seiner Grundschule und ich hatte das große Glück, dass ich daran teilnehmen und Mutter sein konnte. Mein Mann ist ebenfalls als freischaffender Opernsänger tätig und wir versuchen unsere Engagements so zu legen, dass möglichst immer einer von uns zu Hause ist. Es ist alles eine Frage der Organisation und ich würde niemals meine Familie für die Karriere opfern. Meine Familie gibt mir so viel Energie!

 

Marc Rohde im Juni 2024

FLENSBURG/ Stereo: DER SPELUNKENWIRT

FLENSBURG/ North German Performing Arts Youth Company: 
DER SPELUNKENWIRT
Ein getanzter Krimi nach einer Idee von Benjamin Kühn und Denison Pereira da Silva
3. Mai 2024

 

Schwülwarm ist es im Club Stereo am Flensburger Hafen. Nebenan hat erst am vergangenen Wochenende eine der letzten Spelunken der Stadt für immer geschlossen und soll nach einer aufwändigen Sanierung des historischen Gebäudes in ein Café umgewandelt werden. Doch die North German Performing Arts Youth Company lässt in ihrem neuesten Projekt authentisches südamerikanisches Spelunkenfeeling aufkommen. 

Aktuell zwölf Teilnehmende im Alter von zehn bis zwanzig Jahren aus fünf Nationen (Deutschland, Rumänien, England, Italien und Brasilien) werden in der NYC auf professionellem Niveau ausgebildet und erhalten so die Grundlage für eine berufliche Karriere in der Welt des Tanzes. Denison Pereira da Silva, Choreograph und künstlerischer Leiter, ist von der Motivation seiner jungen Kompagnie begeistert und findet es beeindruckend, mit welcher Hingabe und Freude die Jugendlichen trainieren und wie schnell sie sich weiterentwickeln. Sie alle haben einen ganz individuellen Background und harmonieren trotz der großen Altersunterschiede perfekt miteinander.

Ziel der als eingetragener Verein agierenden Organisation ist es, Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichsten sozialen und nationalen Hintergründen in ihrer persönlichen und künstlerischen Entwicklung zu fördern. Letztendlich geht es auch darum, den künstlerischen Nachwuchs in Schleswig-Holstein zu unterstützen. 

Die Veranstaltung ist bis auf den letzen Platz ausverkauft, denn die optisch schön gestalteten und mit ungewöhnlich wenig konkreten Informationen aufwartenden Plakate, die in der Stadt ausgehängt waren, machten neugierig. Mich ja auch. 

spelunkenwirt1
Sänger Marius Rothe (links) mit dem begeisternden Ensemble (Foto: Grauton)

Immer öfter berichtet die Zeitung in einer Kleinstadt über mysteriöse Todesfälle (hinreißend: Louise Sitzwohl als kindlicher Zeitungsträger). Juwel Margot (Thea Nissen), eine attraktive argentinische Frau und ehemalige Tangotänzerin, zog vor Jahren in diese Stadt und eröffnete eine Bar mit dem Traum von finanzieller und persönlicher Unabhängigkeit. Doch nun ist ihr Geschäft zu einer Spelunke verkommen, zu deren Stammkundschaft auch der elegante, aber alkoholabhängige Typ (Allan Monti) gehört, der dort wiederholt seine streng religiöse Frau betrügt. Oder der Kellner Otto, höflich, zuvorkommend und seiner angebeteten Margot treu ergeben. Dass die Mordfälle auch immer wieder im Umfeld der Spelunke geschehen, ist wohl auch keine gute Werbung für das Lokal. Mit einer Cabaret-Show will Otto die Spelunke vor dem Bankrott retten: Sein Gesang, Margots Tanzdarbietungen und junge, hübsche Damen, die das Risiko dieses Arbeitsplatzes nicht scheuen, sollen Geld und neue Kundschaft bringen. Es wird eine turbulente Nacht, in der der Typ nicht nur der Bar-Chefin Margot Avancen macht, sondern auch der Tänzerin Ninette (Mette-Maria Jensen). Dies entfacht doppelte Konkurrenzgefühle: Zwischen den beiden Frauen, aber auch zwischen Margots Verehrer Otto und ihm selbst. Der Auftritt der eifersüchtigen Gattin des Typen, Hannelore (Majra Andresen, die auch mit einer Gesangsnummer aufwartet), sowie das Mädchen Löckchen (Alice Campelo), aufreizend, aber naiv, schaukeln das Geschehen zusätzlich hoch.

Nur gut, dass sich Kommissar Dudelsack (Alexandru Moldovan), auf der Suche nach dem psychopathischen Mörder, selbst unter die illustre Gesellschaft gemischt hat.

Doch auch er lässt sich von der charmanten Blumenverkäuferin Hanna (Ludovica Fano) von seiner Arbeit ablenken. Es wandern die Frauen, aber auch die Trinkgläser reihum und durcheinander. Als dann ausgerechnet die sogenannte „Diva der Nacht“ Juwel Margot selbst zum Opfer eines vergifteten Drinks wird, klicken endlich die Handschellen.

spelunkenwirt3
Schlussapplaus (Foto: Marc Rohde)

Die Tänzerinnen und Tänzer begeistern in rasanten Ensembleszenen und glänzen immer wieder solistisch mit ihrer individuellen Klasse. Neben diesem bemerkenswert professionell auftretendem Ensemble begeistert insbesondere der Bariton Marius Rothe in seiner Rolle als Spelunkenwirt Otto mit seinen zahlreichen Gesangseinlagen. „Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ aus dem Musical Cabaret zu Beginn der Tanzrevue weckt das Verlangen, auch dieses Bühnenwerk einmal mit so guten Sängern wie ihn erleben zu dürfen. Begleitet wird er am Klavier vom Korrepetitor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters Peter Geilich.

Die Show entstand nach einer Idee von Benjamin Kühn und Denison Pereira da Silva und wurde von Julia Gollner und Daniela-Alexandra Pascu-Bruhn arrangiert. 

Das begeisterte Publikum feiert schließlich alle Akteure frenetisch und bezeugt, dass die North German Performing Arts Youth Company eine wertvolle Bereicherung des kulturellen Lebens für die Region darstellt. 

spelunkenwirt2
Ungewöhnliche Location: Der Club Stereo in Flensburg (Foto: Marc Rohde)

Auch kann ich mir weitere kulturelle Veranstaltungen in dieser sonst zu später Stunde als Disco beliebten Location vorstellen. Ähnlich wie das hr-Sinfonieorchester in Frankfurt Kammerkonzerte in Bars und Clubs veranstaltet und auf diese Weise erfolgreich neue Publikumsschichten für seine Konzerte gewinnt, könnte ich mir auch in Flensburg und insbesondere in diesem Club in prominenter Hafenlage ähnliche Formate vorstellen. Die Organisatoren des Spelunkenwirts zeigen sich von der großartigen Unterstützung des Stereos in jedem Fall begeistert. 

Marc Rohde

FLENSBURG/ Landestheater: CABARET

FLENSBURG/ Schleswig-Holsteinisches Landestheater:
CABARET von Fred Ebb und John Kander
24. April 2024

Großartige Unterhaltung trifft auf tiefsinnigen und brandaktuellen Inhalt: so einfach ließe sich der Besuch im Flensburger Stadttheater zusammenfassen.

Der Inhalt dieses 1966 uraufgeführten Werkes nach dem Stück Ich bin eine Kamera von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood gehört fast schon zur Allgemeinbildung: Der junge amerikanische Schriftsteller Cliff Bradshaw reist in den frühen 1930er Jahren nach Berlin, um dort an einem Roman zu arbeiten. Durch eine Empfehlung seines Mitreisenden Ernst Ludwig landet er in der Pension von Fräulein Schneider. Durch Ludwig lernt er auch den berühmt-berüchtigten Kit Kat Club kennen, in dem er auf die englische Sängerin Sally Bowles trifft. Nachdem diese ihren Job verliert, findet sie Unterschlupf bei Cliff und aus den beiden wird ein Paar. Auch für zwei andere Bewohner der Pension kehrt das Glück ein. Herr Schultz erobert das Herz von Fräulein Schneider. Doch spätestens bei der Verlobungsfeier wird deutlich, dass Schultz Jude ist und Ludwig ein Nationalsozialist. Bei der Verlobten kommen Zweifel auf und sie möchte Abstand von der geplanten Hochzeit nehmen. Cliff plant, Deutschland zu verlassen, während Sally weiter von ihrer Karriere in Berlin träumt. Als sie sich entscheidet, das gemeinsame Kind abzutreiben, hält ihn nichts mehr in der Stadt. Die Zurückgebliebenen erwartet unterdessen eine ungewisse Zukunft.

cabaret ama 6034
Im Kit Kat Club geht es hoch her (Foto: Thore Nilsson)

Für das Buch zeichnet sich Joe Masteroff verantwortlich, die Gesangstexte stammen von Fred Ebb. Die Musik wurde von John Kander komponiert und wird am Schleswig-Holsteinischen Landestheater unter der musikalischen Leitung von Fridtjof Bundel in der reduzierten Orchesterfassung von Chris Walker gespielt. Ragtime und Jazz klingen in diesem revueartigen Stück durch und auch die beiden erst später für die Verfilmung komponierten Stücke Maybe this Time, Mein Herr und Money, Money fehlen in dieser Inszenierung von Milena Paulovics nicht. Die Regisseurin stellt dem hervorragend agierenden und achtbar singenden Schauspielensemble des Landestheaters drei hervorragend tanzende und vokal bestens aufgelegte Musicaldarstellerinnen zur Seite. Hannah Lucie Schlewitt (Lulu), Lavinia-Romana Reinke (Brünnhilde) und Salome Wälti (Rosie) bringen den nötigen Schwung und eine Prise Erotik in den sonst recht nüchtern gestalteten Kit Kat Club. Dieser wird lediglich durch eine mit der Kit Kat Band besetzten Bühne auf der Bühne, einer Discokugel und einem silbernen Glitzervorhang angedeutet. Das Bühnenportal ist seitlich mit silberfarbenem Art Deco Muster verziert. Auf jeder Seite stehen darüber hinaus je ein Stuhl und ein Tisch mit Telefon zum analogen Tindern. Im Bühnenbild von Pascale Arndtz werden darüber hinaus durch einfache aber mit liebevollen Details ausgestattete Elemente ein Zugabteil, der Obst- und Gemüseladen von Herrn Schultz und der Flur der Pension von Fräulein Schneider visualisiert. Im Wesentlichen konzentriert sich Paulovics in ihrer schlüssigen Interpretation auf die Zeichnung der einzelnen Charaktere und deren Beziehungen zueinander. So ist es auffällig, dass Sally Bowles in Dialogen mit Clifford Bradshaw mehrmals scheinbar unbeteiligt ins Publikum schaut, anstatt ihm in die Augen zu sehen. Dieses Wechselspiel aus bewegenden schauspielerischen Momenten und stimmungsvollen Showeinlagen (Choreografie: Simona Semeraro) macht die Inszenierung sehr sehenswert.

cabaret ama 6852
Sally Bowles und Clifford Bradshaw (Foto: Thore Nilsson)

Dabei begeistern insbesondere die stimmlich stets präsente Neele Frederike Maak als verletzliche und androgyn erscheinende Nachtklub-Ikone Sally Bowles, Tom Wild als charismatischer und doch schmieriger Conférencier und Gregor Imkamp als scheinbar versehentlich in den falschen Film geratener und naive Schriftsteller Clifford Bradshaw. Das zwischen Moral und eigenen Bedürfnissen hin- und hergerissene und schon deutlich in die Jahre gekommene Fräulein Schneider wird überzeugend von Karin Winkler gegeben und im Zusammenspiel mit dem liebenswerten und gutgläubigen Herrn Schultz (René Rollin) ergeben sich sehr komische, aber auch äußerst tragische Momente. Felix Ströbel gibt glaubhaft den linientreuen Ernst Ludwig, Friederike Pasch verkörpert Fräulein Kost und in gleich mehreren kleineren Rollen tragen Dennis Habermehl und Tomás Ignacio Heise zum rundum gelungenen Abend bei. 

Das Publikum dankt für diese ausverkaufte Repertoirevorstellung mit langanhaltendem Applaus und stehenden Ovationen. 

Marc Rohde

Magischer Mikrokosmos an Montenegros Mittelmeerküste

Die atemberaubende Bucht von Kotor erstreckt sich über fast 30 Kilometer und wird von majestätischen, steilen Bergflanken umrahmt. Ihre verschlungenen Formen und fjordähnliche Schönheit machen sie zu einem wahren Juwel an Montenegros Adriaküste. Diese Region gehört zweifelsohne zu den schönsten Landschaften Europas und begeistert mit ihren zahlreichen kulinarischen und kulturellen Highlights.

 

Willkommen am Fjord, der keiner ist

lovcenview
Blick auf einen Teil der Boka Kotorska und die Adria (links) | © Marc Rohde

Scheinbar lautlos gleitet die MS Viking Saturn um das Kap Oštra auf der kroatischen Halbinsel Prevlaka, um vor der montegrinischen Insel Mamula in die Boka Kotorska (Bucht von Kotor), einzubiegen und Kurs auf Herceg Novi zu nehmen. Die Gemeinde besteht aus mehreren Ortsteilen und hat insgesamt etwa 31.500 Einwohner. Davon entfallen nach aktuellen Zahlen 5.897 auf Igalo und 10.259 auf Herceg Novi (Stadt). Beide Orte sind inzwischen so weit zusammengewachsen, dass sie wie eine einzige Stadt wirken.

romantik
Auch Romantiker finden in Herceg Novi ihr Glück | © Marc Rohde

Doch folgen wir der Route der Kreuzfahrtschiffe, die zunächst Herceg Novi links und später Tivat mit dem mondänen Ressort Porto Montenegro rechts liegen lassen, um durch die 2,3 Kilometer lange Meerenge Verige schließlich in die zum UNSESCO-Welterbe gehörenden inneren Buchten von Risan und Kotor zu gelangen. Schon lange haben die Gäste an Bord den Eindruck, einen norwegischen Fjord zu befahren, weil sich die majestätischen Berge vom Meeresspiegel rasant auf bis zu 1.749 Meter Höhe erheben. Vorbei am malerischen Seefahrerort Perast mit seinen imposanten Villen und den davor liegenden beiden Kircheninseln in den Hafen der von den Römern gegründeten und mittelalterlich geprägten Perle Kotor, die auf keiner Adria-Kreuzfahrt als Highlight fehlen darf. Und genau deshalb halte ich diese Stadt zwar grundsätzlich für wunderschön und unbedingt sehenswert, aber bei mehr als 490 Anläufen im Jahr 2024 und in der Hochsaison oft drei oder manchmal sogar vier Schiffen gleichzeitig, ist der Besuch eben nicht selten eine Tortur. Dennoch ist die Stadt touristisch eine echte Alternative zu Dubrovnik. Besucher müssen sich nur darüber im Klaren sein, dass montenegrinische Produkte im Delikatessenladen in der Altstadt bis zu drei Mal teurer sind als im Supermarkt außerhalb des historischen Stadtkerns und dass die echt montenegrinischen handgeschnitzten Weihnachtsfiguren nicht rein zufällig an russische Volkskunst erinnern. Budva, etwas südlich der Bucht von Kotor, ist auch eine touristisch gut erschlossene Stadt, aber in erster Linie für feierwütiges Partyvolk zu empfehlen, denn hier wimmelt es nur so vor überdimensionierten Hotelanlagen und Clubs.

bokaeingang
Übergang von der Bucht in die Adria. Welches Schiff wohl als nächstes einläuft? | © Marc Rohde

Ich empfehle eine Anreise in diese malerische Region mit dem Flugzeug. Hier bieten sich Tivat oder Dubrovnik als Zielflughafen an. Vom letzterem Flughafen, der etwa in der Mitte zwischen den Städten Dubrovnik und Herceg Novi liegt, kann im Juli und August der Grenzübertritt von Kroatien jedoch eine Geduldsprobe werden. Wir reisen in der Regel über Dubrovnik an und lassen uns von einem Transfer-Dienst aus Montenegro abholen. Die Fahrer wissen welcher der beiden Grenzübergänge weniger Wartezeit aufweist und bringen uns bequem vor die Haustür. Außerdem bieten sie ihre Dienste viel preisgünstiger an als die kroatischen Kollegen es tun. 

 

Unterkünfte für jedes Budget

portonovi
In Portonovi reihen sich zahlreiche Boutiquen und Restaurants um die Marina | © Marc Rohde

Vom einfachen Zimmer bis hin zur ultimativen Luxusherberge hat die Gemeinde Herceg Novi die ganze Palette zu bieten. Günstige und saubere Zimmer finden sich unter anderem auf den Plattformen Airbnb und booking.com schon für unter EUR 15- pro Nacht. Im One&Only in Portonovi kann man bei der Wahl der exklusivsten Unterkunft hingegen bis zu EUR 21.000,- für eine einzige Übernachtung hinblättern. Das tolle dabei: Frühstück ist in diesem Preis bereits enthalten! Helene Fischer wurde im Herbst 2022 von einem BUNTE Redakteur in diesem Hotel beim Urlauben gesehen. Novak Djokovic trainiert regelmäßig in der Nachbarschaft und soll ein eigenes Apartment in unmittelbarer Nähe besitzen. 

Da Herceg Novi viele Besucher aus dem Ausland beherbergt, kommt man mit Englisch gut durch, obwohl Serbisch und Russisch insbesondere bei der älteren Generation deutlich verbreiteter sind. In diesem Ort hat man einerseits das behütete Gefühl, das die Boka ihren Gästen seit Jahrhunderten bietet, und man kann andererseits doch durch den zwei Kilometer breiten Einlass aus der Bucht heraus auf die freie Adria schauen. Ein Manko stellt für Strandliebhaber höchstens die felsige Küste dar.

 

Faszinierende Stadt der 100.000 Stufen

uhrenturm
Durch das Tor unterhalb des Uhrenturms gelangt man in die malerische Altstadt | © Marc Rohde

Bleiben wir also in Herceg Novi, der Stadt der 100.000 Stufen, der Stadt der Blumen, oder der Stadt der Maler und Künstler. 2024 trägt sie sogar noch ganz offiziell den Titel „European City of Sport“ dazu. Die Altstadt ist nur etwa 150 Meter breit und erstreckt sich auf einer Länge von 300 Metern den Berg hinauf. Im oberen Teil befindet sich die Festung Kanli Kula (Blutiger Turm), die in ihrer bewegten Geschichte einst als Gefängnis und auch als Hinrichtungsstätte gedient hat. Heute wird sie als Amphitheater genutzt und ist Veranstaltungsort der Filmfestspiele, verschiedener Konzerte und eines Opernfestivals. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass es in ganz Montenegro kein Opernhaus gibt. Westlich der Altstadt befindet sich ein schöner, großer Platz mit Restaurants und Cafés, Banken und Geschäften. Von dort aus können Spaziergänger die Straße Njogoševa gemütlich bis an den für sein Strand- und Nachtleben berühmten Ort Igalo entlang schlendern. Oder man geht die vielen Treppen herab zum Stadthafen Skver und flaniert am Meer entlang über die Promenade. Auf dieser verkehrte einst die Dalmatienbahn, die in den damaligen habsburgischen Ländern Bosnien und Herzegowina und dem Königreich Dalmatien verlief und in Zelenika ihren südlichen Endbahnhof hatte. Hier zeugt noch heute ein ausrangierter Eisenbahnwaggon von der einstigen Nutzung. In ihm befindet sich nun ein beliebtes Restaurant mit angeschlossenem Biergarten. 

vagon
Vagon in Zelenika: im einstigen Eisenbahnwaggon befindet sich ein Restaurant | © Marc Rohde

Für meine deutschen Sehgewohnheiten wirken die zahlreichen touristischen Highlights der Stadt zunächst einmal sehr unscheinbar. Eine überdimensionierte Villa des einstigen jugoslawischen Machthabers Josip Broz Tito steht Touristen für Besichtigungen offen. Man muss aber schon genau wissen, wo sich der Treffpunkt für die Touren befindet und wann diese überhaupt stattfinden. Da dieses Relikt aus der jugoslawischen Ära zum Institut Dr. Simo Milošević gehört, kann man auch dort nähere Informationen erfragen, aber das muss man erst mal rausfinden.

villagaleb
Titos Villa Galeb in Igalo kann besichtigt werden | © Marc Rohde 

Die Museen sind hingegen ganz gut ausgeschildert. Auch das Kloster in Savina ist einerseits nicht richtig gut versteckt, aber andererseits bin ich hier schon mehrmals dran vorbeigelaufen, ohne es wirklich zu sehen. Die Orientierungstafeln an der am Kloster vorbeiführenden Straße Braće Grakalić sind dabei auch nicht zwangsläufig eine große Hilfe, denn als ich mich im vergangenen Jahr an dem darauf markierten „You are here“ orientierte, musste ich im Nachhinein feststellen, dass damit das andere hier gemeint war, bzw. das die beiden Schilder vertauscht und somit für Ortsunkundige irreführend waren. Das Kloster ist bei weitem nicht so eindrucksvoll wie das Kloster Ostrog (zu dem von Herceg Novi aus Ausflugsfahrten angeboten werden), aber der Wein, der hier wächst, ist vorzüglich.

savina
Das Kloster Savina verfügt über einen Weinberg, der privat bewirtschaftet wird | © Marc Rohde

Diesen kann man für wenige Euro mehr auch ganz bequem im Weinladen gegenüber der Lovćen Bank in der Innenstadt kaufen. Sollten Sie aber doch den Weg zum Kloster auf sich nehmen wollen, schauen Sie auch mal im nahegelegenen Lazure Hotel in Meljine vorbei. Cocktails und Essen heben sich von den vielen landestypischen Lokalen ab und die Marina mit ihren kleinen und größeren Booten strahlt eine gewisse Ruhe aus.

 

Mobil mit Bussen und Booten

noa
Kulinarische Highlights im Restaurant NOA  – mit dem Linienbus leicht erreichbar | © Marc Rohde

Einfach ist es, die zahlreichen in der Saison angebotenen Ausflüge per Boot oder Bus wahrzunehmen, denn es hängen viele Plakate aus und mehrere Agenturen vertreiben diese Angebote aktiv. So weit ich das beurteilen kann, sind diese in der Regel kein Nepp und eine echte Alternative zur nervigen Parkplatzsuche bei der Fahrt mit dem eigenen PKW oder einem Mietwagen. Zwischen der westlichen Endhaltestelle an der Novi Shopping Mall Igalo und Kamenari (der Ort, den eine Autofähre mit der gegenüberliegenden Seite der Bucht verbindet) fährt ein Linienbus für EUR 1,- pro Fahrt. Machmal ist es hier drin sehr voll, aber die Verbindungen sind zuverlässig und unschlagbar günstig. Mit dieser 19 Kilometer langen Buslinie gelangen Sie auch zum anfangs erwähnten und an mondäne Orte in Südfrankreich erinnernden Ressort Portonovi mit seinen zahlreichen hochpreisigen, aber keinesfalls überteuerten Restaurants. Die Yachten sind hier nicht so protzig wie in Porto Montenegro (Tivat), aber dafür bekommen Sie in chilliger Atmosphäre gute Qualität und guten Service. Grüßen Sie unbedingt den Kellner Balša im Restaurant NOA von mir, falls Sie dort einkehren sollten und er gerade Dienst hat.

Für einige Strecken ist, je nach Budget, auch ein Taxi-Boot eine empfehlenswerte Alternative zum Stau auf den Straßen entlang der Bucht. Ein ganz besonderes haben Iris Anna und Mischa, die aus Berlin hierher gezogen sind: ein venezianisches Riva für bis zu zwölf Personen.

 

Spa, Kur und Kultur

Das Institut für physikalische Medizin, Rehabilitation und Rheumatologie Dr. Simo Milošević in Igalo zählt zu den größten und bekanntesten Institutionen für multidisziplinäre Kurbehandlungen im Mittelmeerraum. Zusätzlich zu seinen Präventions- und Rehabilitationsprogrammen sind auch Wellness- und Erholungsbehandlungen im Angebot. Viele privat arbeitende Therapeuten haben am Institut eine hervorragende Ausbildung genossen und bieten ihre Dienstleistungen günstiger an, als das Institut es kann. Für eine persönliche Empfehlung kontaktieren Sie mich gerne. 

cvjetajmimozomala
Aufführung eines Mimosenmusicals in der Dvorana Park | © Marc Rohde

Anfangs hatte ich bereits erwähnt, dass es in Montenegro kein Opernhaus gibt. Dennoch ist das kulturelle Angebot im ganzen Land groß und breit gefächert. In unzähligen Bars und Restaurants wird Livemusik von teilweise sehr bekannten Sängern geboten. In der Regel zahlen Besucher nur die Getränke bzw, die Speisen und diese Art der Unterhaltung kostet keinen Eintritt. Ein kleines Theater mit gut 400 Sitzplätzen ist die 1987 eröffnete Dvorana Park (= Parkhalle). Ein eigenes professionelles Ensemble gibt es leider nicht. Im Beach Club La Bamba finden den ganzen Sommer über spätabends Popkonzerte mit insbesondere bei der jungen Generation beliebten Chartstürmern vom Balkan statt. Sogar zum Jahreswechsel und zum Mimosenfestival im Februar / März gibt es In Igalo und Portonovi größere Open Air Konzerte, die meistens ebenfalls für jedermann frei zugänglich sind.

prljavo kazalište
Konzert der kroatischen Rockband Prljavo kazalište in Igalo | © Marc Rohde

Nicht umsonst listet eine große norwegische Reederei die Stadt unter den Top 10 der weltweit besten Küstenstädte auf. Baden kann man hier auch, aber es gibt so viel mehr zu entdecken!

 

Marc Rohde im April 2024

Links: 
(alle Empfehlungen basieren auf meinen privaten Erfahrungen und meinem persönlichen Geschmack.)

 

Verkehr

Transfer: (Airport Dubrovnik oder Tivat): Connect Travel, Njegoševa 64, Telefon:+382 (0) 69185701

Lokale Linienbusse: https://blueline-mne.com/index.php/gradski-prevoz/gradski-prevoz-herceg-novi 

Überregionale Buslinien: busticket4.me 

Busbahnhof Herceg Novi: https://www.autobuskahercegnovi.com/en/odlasci-hercegnovi/

Ausflüge: https://trendtravelmontenegro.com/ausfluege/?lang=de 

Bootsfahrten: https://petar.boats

Taxi-Boot: Venetian Riva Taxi – E-Mail: rockit.montenegro@gmail.com, Tel: +382 67365613 (WhatsApp & Viber)

Eisenbahn: (Podgorica, bzw. Belgrad – Bar / Nikšić) : http://www.zcg-prevoz.me/

 

Essen und Trinken

Restaurant Kastel, Igalo: https://kastel.me/?page_id=11609&lang=en

Restaurant Bel Paese, Igalo: https://www.instagram.com/belpaeseristorantepizzeria/

Restaurant Kantina65, Herceg Novi: https://www.instagram.com/kantina65/

Do-Do, Herceg-Novi: https://do-do-skver.business.site/

Augusto Terrace (Lazure Hotel), Meljine: https://www.lazure.me/augusto-terrace?lng=en

Vagon Zelenika: https://www.vagonzelenika.me/ 

Restaurant NOA Portonovi: https://noaportonovi.me/ 

 

Opernfestival

Operosa: https://www.operosa.org

 

Therapien und Massagen

Institut Igalo: https://igalospa.com/de/

Private Relax- oder therapeutische Massage Nähe Sportski Centar Igalo: auf Anfrage beim Autor

HAMBURG/ Neue Flora: HERCULES

HAMBURG / Neue Flora: 
Disney’s HERCULES von Alan Menken
30. März 2024 (nachmittags)

Ich bin jemand, der zu Ostern gerne zwei, drei Parsifal Aufführungen besucht. In diesem Jahr stand das totale Kontrastprogramm auf meiner Agenda: Disney’s HERCULES. Diese Produktion hatte wenige Tage zuvor in Hamburg ihre Weltpremiere, was auch für die Theaterstadt Hamburg ein einmaliges Ereignis darstellte. 

herculeshh
Verdienter Jubel nach einer grandiosen Show (Foto: Marc Rohde)

Das mitreißende Musical basiert auf dem gleichnamigen Animationsfilm der Walt Disney Studios aus dem Jahr 1997. Es erzählt die Geschichte von Hercules, einem Halbgott, der als Baby entführt und unter Menschen aufgezogen wurde. Seine bloße Anwesenheit lässt den Marktplatz erzittern und verursacht wegen seiner unbändigen Kräfte Zerstörung. Auf der Erde fühlt er sich fremd und unangepasst. Nachdem er seine wahre Identität entdeckt hat (und nun damit nun auch versteht, warum er so gerne Götterspeise isst), strebt er danach, zum Olymp zurückzukehren. Dafür muss er jedoch zuerst ein wahrer Held werden. Natürlich kommt dabei die Liebe nicht zu kurz und letztendlich möchte er doch lieber mit seiner Traumfrau gemeinsam als Mensch auf der Erde leben. 

Die Musik von Alan Menken ist schmissig und sorgt für den richtigen Groove im Soul- und Gospel-Sound. Ein ganz großer Hit, den man auch Tage nach dem Musicalbesuch noch im Ohr hat, fehlt. Für eine perfekte und kurzweilige Show, die man mit guter Laune wieder verlässt, ist aber alles da, was man sich wünschen kann. Die Regie und Choreographie von Casey Nicholaw setzt dabei auf große Effekte und optisch stimmige Eindrücke. Bemerkenswert ist die Unterstützung der Co-Choerografin Tanisha Scott, die auch schon mit Beyoncé und Rihanna zusammengearbeitet hat. Die Kostüme sind opulent und das Bühnenbild ist trotz seiner Aufgeräumtheit mit seinen eindrucksvollen beweglichen Säulen nicht weniger spektakulär. Auch die 20 x 20 Meter große LED-Wand, die zu unzähligen grandiosen Effekten beiträgt, ist extrem beeindruckend. Bei einigen Special Effekts im Laufe der etwa 2 1/2 stündigen Show kann ich mir bei einer Wiederaufnahme am Westend oder Broadway eine technisch noch perfektere Umsetzung vorstellen.

Die plakativen und manchmal Comic-artig überzeichneten Charaktere werden in Hamburg von hervorragenden Musical-Darstellern interpretiert. Allen voran Benét Monteiro, der den jungen Halbgott Hercules frisch und unbedarft spielt und dabei auch ganz hervorragend mit an Bernstein erinnernder Stimme singt. Mae Ann Jorolan gibt die selbstbewusste und sich später doch in Hercules verliebende Meg ebenfalls vokal und darstellerisch überzeugend. Detlef Leistenschneider als Hades vermag es als einer der wenigen Mitwirkenden, seiner Rolle auch sprachlich Charakter zu verleihen und kann so im Zusammenspiel mit seiner ebenfalls prägnanten Singstimme besonders beeindrucken. In kleineren Rollen brillieren mit ihren humoristischen Einlagen Mario Saccoccio als Karl und André Haedicke als Heinz. Kristofer Weinstein-Storey agiert als Heldentrainer Phil(octetes) und bekommt für seine erfolgreiche Leistung von Hera (Marta Di Giulio) und Zeus (Stefano Francabandiera) schließlich sogar einen Sternenhaufen, der seinen Namen trägt (frei nach DJ Ötzi) am LED-Himmel geschenkt. 

Den stimmlich hervorragend aufgelegten Musen, die die Handlung beeinflussen, aber diese auch für die Zuschauer kommentieren, kann man leider eine bestenfalls mäßige Textverständlichkeit attestieren. Dennoch vermögen die fünf Damen Leslie Beehan, Chasity Crisp, Venolia Manale, UZOH und Shekinah McFarlane das Publikum zu begeistern. Ihr Song „Von Zero auf Hero“ am Ende des ersten Akts ist schließlich eine der wenigen musikalischen Nummern, die mir etwas länger im Ohr bleiben. Indy Luna Correa als Despina und Julia van Kouwen als Medusa komplettieren die Riege der Solisten. Unter der musikalischen Leitung von Giorgio Radoja spielen die Musiker im Orchestergraben beschwingt auf. 

HERCULES in Hamburg ist eine absolut sehenswerte und nahezu perfekt realisierte Show, die nur wenige Wünsche offen lässt. Empfehlenswert.

Marc Rohde

JULIA MUZYCHENKO – schon ihr Name ist Musik

Für viele Sängerinnen bleibt die Rolle der Violetta in La Traviata lange Zeit ein Traum. Für diese junge Sopranistin war sie hingegen der Beginn ihrer internationalen Karriere. Für welche Traumrolle sie sich nun berufen fühlt und wie sie die Arbeit an der Oper Frankfurt erlebt hat, verrät die ukrainisch-russische Sängerin dem Merker im Gespräch.

 

Draußen jagen unzählige Menschen nach den letzten Weihnachtsgeschenken, während in der Autorenbar, im Innern eines Frankfurter Hotels, ein Pianist zum entspannten Nachmittagstee spielt. Ich bin mit Julia Muzychenko verabredet, die ich zwei Tage vorher auf der Bühne erleben durfte. „Musik ist wortwörtlich ein Bestandteil meines Namens“ erläutert die zierliche St. Petersburgerin, die eine russische Mutter und einen ukrainischen Vater hat, die Bedeutung ihres ukrainischen Nachnamens.

Schon zu Beginn unseres Gesprächs stellt sich eine vertraute Atmosphäre ein, denn wenn Julia etwas tut, dann konzentriert sie sich voll und ganz auf die Situation. Diese Eigenschaft trug sicher auch dazu bei, dass sie nach einem ersten Engagement im Jungen Ensemble der Semperoper Dresden nun freischaffend tätig ist. So kann sie sich bestmöglich auf Rollen und deren Interpretation vorbereiten und muss nicht den sich doch manchmal widersprechenden Anforderungen des Ensemblebetriebs durch Kompromisse gerecht werden. 

Julia Muzychenko an der Oper Frankfurt (c) Monika Rittershaus
Julia Muzychenko als Oksana in „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Oper Frankfurt – © Monika Rittershaus

An der Oper Frankfurt präsentiert sich die lyrische Koloratursopranistin zum Jahresende in der viel gelobten und bejubelten Produktion von Rimski-Korsakows Die Nacht vor Weihnachten, die vor zwei Jahren Premiere feierte. Wieder sind alle Vorstellungen ausverkauft. „Wir bekommen jetzt sehr viel vom Publikum zurück. Jede Emotion wird von den Zuschauern reflektiert und es ist für uns ein ganz anderes Erleben als in den Aufführungen vor zwei Jahren, als wir teilweise wegen Corona-Auflagen nur vor 300 Zuschauern spielen durften“ schildert Julia die Unterschiede. 

Die Vorlage zur Oper stammt von Nikolai Gogol und bereits als 5-jähriges Mädchen  hat meine Gesprächspartnerin die Verfilmung dieser Handlung gesehen und verinnerlicht. In Russland und den Nachbarstaaten kennt jeder diese Geschichte, jedoch wird selbst dort die Oper nicht sehr oft aufgeführt. „Als ich die Rolle in Frankfurt angeboten bekam, war ich sehr überrascht. Damals war ich hauptsächlich mit französischen und italienischen Rollen auf der Bühne aktiv und tatsächlich ist diese Produktion meine erste russische Oper, die ich überhaupt in Europa gesungen habe.“ 

Neben einer kürzlich erschienenen Version auf CD ist die Frankfurter Inszenierung auch auf DVD erhältlich. „Ich habe von vielen Menschen, die die DVD gekauft haben, Post bekommen und werde so auch von Leuten um Autogramme gebeten, die mich noch nie live auf der Bühne gesehen haben.“ Julias größtes Anliegen dabei ist es, diese wunderschöne Oper populärer zu machen.

 

Eine wundervolle Zusammenarbeit

Schon jetzt wird Christof Loys Inszenierung als legendär bezeichnet. Unbestritten handelt es sich um eine zeitlose Interpretation die genau so auch noch in 30 Jahren begeistern würde. „Absolut. Schon bei der ersten Begegnung mit dem Regisseur war dieser zu 200% vorbereitet. Mir hat sehr gefallen, dass wir in den knapp zwei Monaten Proben jedes einzelne Detail ausgiebig einstudiert haben und Loy jeden Schritt und jede Geste, die wir auf der Bühne ausführen sollen, plausibel erklären konnte. Er verstand es hervorragend, die komplexen Beziehungen, die Gogol in seinem Originaltext ausgearbeitet hat, auf der Bühne umzusetzen. Zu Beginn ähnelt Oksana einem Charakter aus ‚La La Land‘. Sie ist die Attraktion des Dorfes und liebt Wakula schon zu diesem Zeitpunkt, lässt ihn aber abblitzen und ist gemein zu ihm. Als sie später fürchtet, ihn verloren zu haben und ihn nie wiederzusehen, hat sie die schönste Arie, die Rimski-Korsakow je komponiert hat. Nun verwandelt sich Oksana in eine komplett andere Person und bedauert, nicht schon früher eine Beziehung mit Wakula eingegangen zu sein. Sie ist sehr berührt, will ihm schließlich Liebe geben und ist dankbar für alles, was er für sie getan hat. Es geht im Wesentlichen um einfache Leute auf der Suche nach ihrem Glück, das Ihnen schließlich sogar zuteil wird. Meine Sicht dieser Rolle deckt sich absolut mit der von Christof Loy und wir hatten eine wirklich wundervolle Zusammenarbeit.“

Die Sängerin wohnt seit fünf Jahren in Deutschland und hat Verwandte sowohl in Russland als auch in der Ukraine. Dabei sieht sie sich weder als Russin noch als Ukrainerin, sondern als Sängerin mit slawischem Herzen. „Die aktuelle Situation ist sehr belastend, aber ich bin ein musikalischer Mensch und kein politischer. Wir sollten uns alle öfter umarmen und wollen in Frieden leben.

 

La Traviata als Karrierebeginn

Während viele Sängerinnen die Violetta lange Zeit als ihre Traumrolle bezeichnen, begann Julias Opernlaufbahn just mit La Traviata. Als Teenager habe ich mir in Mailand eine alte Schallplatte mit Maria Callas gekauft und hätte mir damals nie träumen lassen, diese Partie einmal selbst zu singen. Tatsächlich wurde diese Rolle mein Einstieg in meine Opernkarriere. Ich habe über den 1. Preis beim Wettbewerb Concorso Internazionale Voci Verdiane in Busseto 2017 das Engagement als Violetta in Busetto und beim Festival Verdi in Parma erhalten und werde sie auch in der kommenden Saison in Straßburg, Avignon und Florenz singen. Aktuell ist meine Traumrolle Lucia di Lammermoor, da ich Donizetti sehr liebe. Ich fühle mich inzwischen sehr gut vorbereitet und hoffe, dass ich Lucia bald auf der Bühne verkörpern darf.“ 

Julia lebt in Essen, was für eine Opernsängerin relativ exotisch ist, da Berlin ja als Künstler-Hotspot gilt. „Mein Ehemann ist im Ensemble des Aalto-Theaters und als freischaffende Künstlerin ist für mich die Nähe zu einem internationalen Flughafen wichtig, was hier ja gegeben ist. Ich habe mein Masterstudium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin absolviert und auch in Berlin gewohnt. Entsprechend glücklich war ich im November ’23 über mein Hausdebüt an der Deutschen Oper als Gilda, bin aber privat in Essen sehr zufrieden. Ich hatte nie erwartet, dass ich eines Tages nach Deutschland ziehen würde. 2018 habe ich in Nürnberg beim Meistersinger-Gesangswettbewerb mehrere Preise gewonnen. Kurz darauf habe ich die Einladung nach Dresden erhalten und umgehend zugesagt, obwohl ich bis dato mein gesamtes Leben in St. Petersburg verbracht hatte und weder Englisch noch Deutsch sprach. Dieser Schritt erleichterte mir eine Karriere in Europa.“

Lampenfieber kennt sie heute übrigens nicht: „In meiner ersten Zeit als Opernsängerin war ich gelegentlich leicht nervös, aber dieses Gefühl habe ich heute gar nicht mehr. Ich habe die volle Kontrolle über meine Stimme und meinen Körper. Ich fühle mich auf der Bühne absolut sicher und kann so auch über die reine vokale Strahlkraft hinaus gut spielen und die Menschen berühren.“

Zum Entspannen und um ihre innere Batterie wieder aufzutanken verbringt Julia gerne Zeit in der Natur. Auch ein Spaziergang am Main in Frankfurt zeigt schon positive Wirkung, aber ausgedehnte Spaziergänge am Essener Baldeneysee oder im Wald wirken natürlich nachhaltiger. Ebenso wichtig ist es für sie, Freunde zu treffen und auf diesem Wege Emotionen auszutauschen. Beides braucht sie, um auf der Bühne Energie und Leidenschaft abgeben zu können. „In Kombination ergibt das einen gesunden Kreislauf.“

Julia
Jugendliche Erscheinung gepaart mit künstlerischer Reife: Julia Muzychenko – © Daniil Rabovsky

 

Vielseite künstlerische Interessen

Wie kam die junge St. Petersburgerin überhaupt auf den Gedanken, Sängerin zu werden? „Ich wollte immer tanzen und habe früh über eine Karriere als Balletttänzerin nachgedacht. Meine Mutter bestand darauf, dass ich dennoch ein Instrument lerne. Als ich dann soweit war, in Spitzenschuhen tanzen zu können, durfte ich die damit verbundenen Schmerzen kennenlernen. Der Fokus auf das Klavierspielen schien mir fortan deutlich vorteilhafter zu sein. Als ich etwa 16 Jahre alt war, habe ich mit Komponieren begonnen. Einige Chorwerke von mir sind auch veröffentlicht worden. So kam ich schließlich zum Gesang und nahm Unterricht. Meine Professorin schlug mir vor, an einem Gesangswettbewerb teilzunehmen und mein Auftritt vor prominenten Künstlern wie Sergei Leiferkus in der Jury weckte den Wunsch in mir, zukünftig auf der Bühne zu stehen. Bei der Abschlussprüfung am Sankt Petersburger Konservatorium erhielt ich die höchste Punktzahl und man bescheinigte mir nicht nur eine schöne Stimme, sondern nahm auch wahr, dass ich sehr viele Emotionen in die Interpretation steckte. Später trat ich als Olympia in Dresden sogar als Ballerina in Spitzenschuhen auf und auch als Oksana in Frankfurt darf ich mich tänzerisch betätigen.“

Eines Tages würde Julia auch sehr gerne wieder komponieren, doch dafür fehlt momentan die Zeit. Sie brenne darauf, eine kleine Oper zu komponieren, verrät sie mir. Auch malen würde sie gerne mal wieder, aber auf Reisen ließe sich das schwer realisieren. Meinen Vorschlag, auf dem Tablet-Computer zu malen, weist sie lachend von sich. Künstlerisch macht sie keine Kompromisse.  

Unser kurzweiliges Gespräch neigt sich langsam dem Ende, denn gleich muss die Sängerin in die Maske ins benachbarte Opernhaus. Heute, am Abend vor Heilig Abend, ist wieder Die Nacht vor Weihnachten. Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit der charmanten Sängerin!

 

Marc Rohde im Januar 2024