„Mario und der Zauberer“ nach Thomas Mann mit dem Theater Atelier am 15. Februar 2026/STUTTGART
Betrachtung aus neuer Perspektive

Foto: Darya Piatrova
Diese Neufassung von Nadja Frolowa nach der Novelle „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann hat es in sich, denn sie bietet ungewöhnliche Sichtweisen. Der Autor hat dabei Erlebnisse aus seinem eigenen Italienurlaub im Jahre 1930 verarbeitet. Es geht hier um einen italienischen Badeort in den 1920er Jahren. Eine deutsche Familie ist im Urlaub. Da erscheint plötzlich ein mysteriöser Hypnotiseur namens Cipolla, der die Grenzen zwischen Unterhaltung und Manipulation in raffinierter Weise vermischt, was die subtile Inszenierung von Vladislav Grakovski im weiß gehaltenen Kostümbild von Lara Kamysina gut verarbeitet. Bei Thomas Mann geht es um eine düstere Parabel über die Verführungskraft autoritärer und faschistischer Macht. Vladislav Grakovski hat nun sein Regiekonzept erweitert. Bei ihm handelt es um eine erschreckend aktuelle Studie über den Alltag der Intoleranz. Die sich allmählich ausbreitende nationalistische Stimmung unter Benito Mussolini tritt plötzlich grell hervor. Aber in der interessanten Neufassung von Nadja Frolowa steht nicht nur der charismatische Demagoge Cipolla im Zentrum, der auch an E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ erinnert. Vielmehr werden hier auch die Menschen um ihn herum beleuchtet.
Mario ist als junger Student auf der Suche nach seiner Identität. Stefan Vitelariu vermag die Seelenprozesse dieses jungen Studenten plastisch darzustellen, der Dante Alighieri liest. Der Ich-Erzähler macht Urlaub im Grandhotel im Badeort Torre di Venere. Hier werden die Italiener bevorzugt behandelt, die selbst am Strand auf Sittenstrenge achten. Die groß angekündigte Schau des Hypnotiseurs Cipolla verspricht tatsächlich Neues, Sensationelles und propagiert Abwechslungsreichtum. Er bricht den Willen seines Publikums, weil er manchen Zuschauer dazu zwingt, Unmögliches zu tun. Als der junge Kellner und Student Mario das nächste Opfer von Cipollas bösartiger Manipulation wird, nimmt der Abend eine dramatische Wendung. Denn im Hintergrund zieht Mario plötzlich eine Pistole und erschießt den Zauberer. Das geschieht in Gestalt von Silhouetten. Der wandlungsfähige Schauspieler Jannis Sky liefert in dieser sehenswerten Inszenierung ein glaubwürdiges Porträt dieses unheimlichen und irgendwie dämonischen Magnetiseurs, der seine Umgebung immer wieder meisterhaft manipuliert. Selbst die vermeintlich tödlichen Pistolenschüsse können ihm nichts anhaben, er kehrt wieder ins Leben zurück. Ein erschreckender Wandlungsprozess, der von Grakovski gut inszeniert ist.

Foto: Darya Piatrova
Überhaupt spielen die zwischenmenschlichen Beziehungen in dieser Inszenierung eine große Rolle. So gerät auch die von Nadia Dellagiacoma facettenreich dargestellte Cafebesitzerin Silvestra stärker in den Fokus. Der Drang nach Unabhängigkeit und starker gesellschaftlicher Druck machen ihr das Leben schwer. Die kunstvolle Sprache Thomas Manns wird von Nadja Frolowa vereinfacht, geht aber nicht verloren. Die bei Mann nur skizzierten Figuren entwickeln lebendige Charaktere. Mystische Unausweichlichkeit weicht älltäglichen Mechanismen. Diskriminierung und autoritäres Denken beherrscht schließlich das Leben der Menschen. In weiteren Rollen überzeugen Jonas Vetter, Femi Morina, Julia Mary, Victoria Skopp, Ewa Ber, Polina Schindler, Iren Nagel, Anton Hofmann, Olga Kuschnirak, Maria Volkovski und Solomita Dudaryeva. Grakovski hat diesen Text in der Technik des stilisierten Theaters inszeniert, was durchaus ein Vorteil ist. Manches erinnert deswegen auch an die 1920er Jahre.
Im Anschluss an die Aufführung gab es noch ein Podiumsgespräch mit Dr. Claudio Steiger von der Thomas-Mann-Gesellschaft. Er betonte, dass Frolowa und Grakovski Thomas Manns berühmter Novelle neue Seiten abgewinnen. Dies geschehe vor allem aufgrund einer geschickten Überblendung von Figurenpersonal und der realen „Amazing Family“ der Manns sowie durch eine behutsam modernisierte Sprache. Geist und Atmosphäre des Originals werde jedoch keine Gewalt angetan. Der originelle Fokus auf Nebenfiguren schaffe eine bestechende Aktualisierung von Manns Weimarer Klassiker. Im Gespräch ging es auch um die Entstehung der Erzählung im faschistischen Italien. Die Symbolik (Ansteckung, Peitsche, Buckel, Namen) wurde ausdrücklich erwähnt. Zur Sprache kamen ebenso Thomas Manns Selbstreflexion als Künstler und sein ambivalentes Verhältnis zum Theater.
Viel Schlussapplus und „Bravo“-Rufe.
Alexander Walther

