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STUTTGART/Staatsoper/Stuttgarter Ballett: SCHWANENSEE – – mit Corps de ballet an der Spitze. Wiederaufnahme

08.12.2017 | Ballett/Tanz

Schwanensee 2 Corps de ballet, Amatriain,Vogel  6.12.2017
Star des Abends: das Schwanen-Corps (mit dem Hauptpaar im Hintergrund). Copyright: Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett: „SCHWANENSEE“ 6.12.2017  (WA-Premiere) –  mit Corps de ballet an der Spitze

Nach fast 6 Jahren Pause ist John Crankos Version des berühmtesten aller Ballett-Klassikers wieder auf die Stuttgarter Opernbühne zurück gekehrt und sorgt schon Wochen im voraus für eine ganze Serie schnell ausverkaufter Vorstellungen. Wo sonst die Solisten im Vordergrund bzw. am Beginn einer Würdigung stehen, gehören die ersten Sätze diesmal bewusst dem Corps de ballet, jenen TänzerInnen, die im Grunde genommen am häufigsten auf der Bühne stehen, fast im gesamten Repertoire in unterschiedlichen Gruppierungen vertreten sind und im Prinzip genauso für den Charakter und die Leistungskraft der Compagnie stehen. Und zwar für eine Leistung, die in ihrer Geschlossenheit, zumal in den Schwanenreigen, aber auch dem Divertissement auf Siegfrieds Geburtstagsfeier oder den Nationaltänzen vor der Hochzeit, besonders auffiel, damit sogar die Hauptakteure übertraf und am Ende den verdienten Jubel entgegen nehmen durfte. Da gelangen nicht nur die Reihen und Diagonalen in großer Übereinstimmung, auch der gesamte Ablauf glänzte durch Harmonie und eine Synchronität in den Arm- und Beinbewegungen. Auf frischen Glanz geputzt erschien gleich zu Beginn das fröhliche Treiben der Mädchen und Jungen mit David Moore als sauber und gleichmäßig drehendem Prinzen-Freund Benno. Zum Höhepunkt avancierte sodann das Schwanen-Corps im ganz gelöst wirkenden Spannen vieler (abknickender) Arabesquen, das ruheloses Leid atmende Leben im magischen Mondlicht am im Hintergrund projizierten See. Hyo-Jung Kang und Agnes Su führten sie als zwar körperlich nicht ganz ideale, aber technisch exakte Große Schwäne an, während die vier kleinen Schwäne mit ihrer filigranen Fußarbeit wie fast immer zum bestaunten Mittelpunkt der ganzen Szene avancierte.

Im dritten Akt ergänzte bzw. umrankte das Corps de ballet sodann die Abgesandten der verschiedenen Nationalitäten in ihren Beiträgen, wobei hier die Halbsolisten ebenso wie im Divertissement des 1. Aktes ein sehr gutes Zeugnis sowohl in technischer wie charakterlicher Hinsicht ablegten: Rocio Aleman, zuerst Bürgerin, dann Prinzessin von Spanien, Daniela Lanzetti als Prinzessin von Umgarn, auffallend sprungfreudig und in der Erscheinung mit Prinzen-Zukunft assistiert von Adrian Oldenburger, Jessica Fyfe als Prinzessin von Russland sowie Angelina Zuccarini zuerst als Bürgerin, dann als Prinzessin von Neapel mit Adhonay Soares Da Silva als herausragend effektiv springendem und drehendem Begleiter.

Mit einem kurzen, aber fein auf Spitze austarierten Pas de deux fielen auch Veronika Verterich und Fernanda De Souza Lopes als weitere Bürgerinnen auf. Louis Stiens setzte dagegen als neuer Prinzen-Erzieher einige markant komische Akzente.

Regiert wurden die zu ewigem nächtlichem Treiben verdammten Schwanen-(Mädchen) erstmals vom Ersten Solisten Roman Novitzky als nicht sonderlich Furcht erregendem, doch auf eine weichere Art geheimnisvollem Rotbart.

Schwanensee 4 Amatriain,Vogel 6.12.2017
Romantisches Leid:  Alicia Amatrian als Odette und Friedemann Vogel als Siegfried. Copyright: Stuttgarter Ballett

Das Hauptpaar ist mit Alicia Amatriain und Friedemann Vogel zweifellos am prominentesten und in der weiblichen Doppelrolle sowie als Prinz Siegfried erfahrungsreich besetzt, doch konnten beide nicht mit früheren Leistungen Schritt halten. Die Spanierin ist nach wie vor eine in der langsamen, über große Bögen gehaltenen Körperspannung, im Formen von Details erstklassige Ballerina, doch fehlt ihr für die Übertragung des Schwanenleids die Wärme, das berührende Etwas. Als schwarze, auf Berechnung setzende Variante gewinnt sie dann an Überzeugungskraft, vermag indes das choreographische Pendant virtuosen Hinzauberns von Endlos-Fouettes, das noch nie ihre Stärke war, leider mangels Tempo nicht so einzulösen, wie es speziell an dieser Stelle erwartet werden darf.

Schwanensee 9 Amatriain,Vogel (schwarzer Schwan) 6.12.2017
Die schwarze Variante des Schwanes: Alicia Amatriain und Friedemann Vogel. Copyright: Stuttgarter Ballett

Bei Friedemann Vogel erstaunte die Unausgeglichenheit der Darbietung, Auf ein lockeres, schön und rund abgefedertes Solo folgten Passagen mit auffallend eckigem Charakter, da standen hohe Sprünge neben etwas antriebslosen Pirouetten. Als Darsteller mit den Gegensätzen von jugendlichem Strahlen und von Reifheit geprägter ernster wie leidender Mine gibt er dem Prinzen über das übliche romantische Erscheinungsbild hinaus reichende Farbe und Charakterstärke.

Neu am Pult des klanglich nur durchschnittlichen Staatsorchesters Stuttgart stand der Amerikaner Kevin Rhodes (ein potentieller Anwärter für die musikalische Direktion unter der neuen Ballettleitung ab der kommenden Saison?) und ließ eine recht zügige, rhythmisch meist zündende, aber manchmal auch etwas flache Interpretation durchscheinen, die ihre Höhepunkte in den dramatischen Zuspitzungen erreichte.

Das Publikum sparte sich seine Begeisterung ganz für den Schluss auf und konzentrierte diese hauptsächlich auf das Corps de ballet und den Dirigenten mit Orchester. Ein nicht alltägliches Echo…..                                                                                              Udo Klebes

 

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