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STUTTGART/Staatsoper: „LA CENERENTOLA“ – Mit des Basses Macht

12.02.2016 | Oper

Stuttgart(: „LA CENERENTOLA“ 12.2.2016 – Mit des Basses Macht

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Einfühlsamkeit contra Gehässigkeit – Diana Haller (Angelina) zwischen ihren Stiefschwestern Catriona Smith (Clorinda) links und Maria Theresa Ullrich (Tisbe) rechts. Copyright: A.T.Schaefer

Als lenkende Hand des Geschehens obliegt dem Hauslehrer, Berater, Magier oder wie auch immer man die Funktion Alidoros sehen und bezeichnen mag, die entscheidende und führende Rolle in der Geschichte vom Aschenputtel – auch wenn sie die von Rossini am kürzesten bedachte Partie in seiner Vertonung des berühmten Märchenstoffes ist. Seine einzige Arie jedoch hat es als virtuos angelegtes Paradestück für einen Koloraturbass geradezu in sich und entscheidet, ob der Interpret sich mehr oder weniger Aufmerksamkeit sichert. Bei Stuttgarts polnischem Anfang-Dreissiger Adam Palka besteht nicht einen Moment der Zweifel, dass er die Fäden zur Verbindung von Angelina mit dem Prinzen Don Ramiro sicher im Griff hat. Nach seinen Einsätzen als Prüfungen stellender Bettler und Verwirrung stiftender Forscher nach der dritten Tochter Don Magnificos verheißt er dem verzweifelten Aschenputtel den Wandel zum Glück in besagter Arie in einer so brillant flexiblen Verbindung von seriöser Bassgewalt mit majestätisch gebietender Höhensicherheit, zusätzlich bereichert durch eine mimisch bewegliche Überzeugungskraft, dass er damit das ganze Publikum zu bezaubern vermag und in die letzten Takte hineinjubeln lässt. Rundum beweist dieser hier fast durchgehend als Beobachter auf der Bühne anwesende Alidoro eine pfiffige und greifbare Präsenz, die er auch über die Tristesse seiner durchweg dunklen Gewandung eines eleganten schwarzen Anzugs mit Fliege behaupten kann. Dieser ist der Inszenierung von Andrea Moses geschuldet, wo Alidoro in einem Firmenkonzern von Ramiros Vater die Funktion eines klugen, zukunftsvisionären Beraters einnimmt. Bei der jetzigen Wiederbegegnung erweist sich diese moderne Interpretation des Märchens als überaus durchdacht und bis ins kleinste komische Detail ausgeschöpft, nur der genau präparierte Staatsopernchor muss als Versammlung der Führungskräfte mit zwei zweifellos gekonnten Transvestiten-Portraits den Klamauk teilweise bis ins Peinliche so überstrapazieren (Finale 1. Akt), dass die eigentlich im Mittelpunkt stehenden Solisten zur Nebensache werden.

Ein rundum bestens aufgelegtes und vokal seinen Aufgaben überaus gewachsenes Ensemble sorgte für eine gelöste Stimmung, wie sie von einem heiteren Rossini erwartet werden darf und auch im Boulevard-Theater nicht unbedingt mehr Lacher garantiert.

An der Spitze wieder wie bei schon bei der Premiere im Juni 2013 Diana Haller als Angelina, die als Aschenputtel genauso berührt wie sie später als Dame eine gewaltige Entwicklung zum Selbstbewusstsein demonstriert. Ihr über eine warme füllige Tiefe und viel Höhenleuchtkraft verfügender Mezzosopran wird zusehends größer und heller im Timbre, es wäre bedauerlich wenn wir sie ans generell üppiger bestückte Sopranfach verlieren würden. Mit großer Beweglichkeit zwischen ganz weichen Phrasierungen und unvermittelter Attacke sowie ihrer einfühlsamen und sympathischen Rollenzeichnung steht sie zusammen mit Alidoro verdientermaßen im Mittelpunkt der Schlussovationen.

Auch mit erkältungsbedingt eingeschränkter Leichtigkeit in den Verzierungen und im sonst genüsslich eingesetzten Spitzenregister sicherte sich Bogdan Mihai nicht zuletzt durch seine prinzlich attraktive Erscheinung und eine große Portion Charme die Gunst des Publikums. Enzo Capuano kann sein für einen Muttersprachler überraschend blass bleibendes Parlando-Geschnatter als Don Magnifico mit ansonsten großzügigem bassbaritonalem Profil, viel vis comica und dem Wissen eines erfahrenen Pointensetzers mehr als wettmachen.

Neu dazu gekommen ist Lionel Lhote als keineswegs zurück stehender Dandini mit kernigem, durchsetzungsfähigem und in den Koloraturen ausreichend gewandtem Bariton sowie nicht zu überkandideltem Spiel im Fall vom Blut geleckten Prinzen zum Diener. Catriona Smith (Clorinda) und Maria Theresa Ullrich (Tisbe) legten sich als sich gegenseitig übertrumpfen wollende Stiefschwestern voll ins Zeug und verschenkten auch vokal keinen Moment, ihren Partien Gewicht zu geben.

Erstmals am Pult bei dieser Vorstellungs-Serie stand der vor allem in seiner Heimat England tätige Stephen Barlow. Er fand mit dem munter mitmischenden Staatsorchester Stuttgart zu einer guten Balancierung von nachdenklich ausgehorchten Feinheiten und munter und dynamisch wirkungsvoll entwickelter Crescendo-Laune. Somit war das instrumentale Gerüst noch das i-Tüpfelchen auf diese trotz Modernisierung überwiegend stimmige und wie schon erwähnt entsprechend begeistert aufgenommene Aufführung.

 Udo Klebes

 

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