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STUTTGART/Ballett: „BEGEGNUNGEN“ (Wiederaufnahme-Premieren) – Im Zeichen des Klaviers

14.01.2018 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „BEGEGNUNGEN“ 13.1.2018 (Wiederaufnahme-Premieren) – Im Zeichen des Klaviers

Mit dem gewählten Übertitel „Begegnungen“ lässt sich im Falle der beiden erstmals zusammen gespannten und nun in größtenteils neuer Besetzung wieder einstudierten Werke vielfältig spielen. Zum einen begegnen sich hier zwei in einer sich bereits angedeuteten Umbruchszeit sehnsüchtig zurück blickende, sogenannte konzertante neoklassische Ballette, sodann treffen wir hier zwei musikalisch wesentlich, im einen Fall sogar ganz vom Klavier bestimmte Choreographien, und nicht zuletzt finden innerhalb beider Stücke stimmungsvolle Begegnungen von Menschen statt. Und noch eine Gemeinsamkeit: beide nehmen einen Sonderplatz im Schaffen ihrer Choreographen ein.

DANCES AT A GATHERING Badenes, de Oliveira Foto 4 13.1.18
„Dances at a Gathering“: Elisa Badenes und Moacir de Oliveira. Copyright: Stuttgarter Ballett

Jerome Robbins hat 1969 als Stellvertreter des Meisters des neoklassischen Balletts George Balanchine nach vielen Jahren Abwesenheit vom New York City Ballet aufgrund seines erfolgreichen Wirkens am Broadway mit u.a. Choreographien zu „West Side Story“ und „Anatevka“, in beständiger Erweiterung eines einzelnen Duos zu Chopin-Musik das Juwel „DANCES AT A GATHERING“ geschaffen. So frisch wie es bei seiner Stuttgarter Erstaufführung im November 2002 auf der Bühne erschienen war, erstrahlte es auch jetzt mit einigen neuen Kräften in unverminderter Zeitlosigkeit. Die spezielle Stimmung, die diese  einstündige Schöpfung bestimmt, liegt in der scheinbaren Unvereinbarkeit der Spontaneität  momentaner Freude und Gelöstheit mit Wehmut und leichter Melancholie. Die Auswahl an 18 Mazurken, Walzer, Etüden, Scherzi und Nocturnes fungiert dabei als wesentlicher Verbindungsträger, ihre Poesie als Zusammenführung von hoffnungsvoller Bewegtheit und sehnsuchtsvollem Nachsinnen. Alexander Reitenbach gelingt es diesen Klavier-Marathon in ausgewogener Linie zu halten, dem natürlichen Ausdruck des Tanzes eine instrumental mitziehende Komponente zu geben.

Das Zusammentreffen von zehn Menschen, die nichts konkret miteinander verbindet, in einer Naturlandschaft vor leicht bewölktem Hintergrund-Prospekt  und in verschiedenfarbigen Kostümen von Joe Eula deutet vage Zuneigungen und Freundschaften an, auch wenn sie am Ende mit erhobenen Häuptern und sorgenvollen Blicken paarweise über die Bühne wandeln. Aus diesem nicht Konkreten entsteht das Spontane aller Bewegungen, die oft wie aus dem Moment heraus geboren und der Natur des Menschen zu entströmen scheinen. Dass bereits mit diesem Werk erfahrene Interpreten diesbezüglich eine größere Einheit erzielen, wird in der Kombination mit neu damit befassten Tänzern durchaus sichtbar. Die drei Kammertänzer Alicia Amatriain, Friedemann Vogel und Jason Reilly wissen ihre Einsätze zudem mit einer Wärme und Menschlichkeit zu füllen, die dann doch einen gewissen Abstand zu den etwas unbekümmerten jungen Kollegen spürbar macht. Elisa Badenes und Moacir de Oliveira bringen eine ansteckende Prise Humor vereint mit spritzigem Einsatz in die Begegnungen, Hyo Jung Kang und Marti Fernandez Paixa beweisen wie schon öfter viel Intuition für das richtige Rezept, und Adhonay Soares Da Silva kann mit exzeptioneller Technik (Beschleunigung und Verlangsamung im Tempo!)  noch mangelnde Gestaltungsreife gut ausgleichen. Für die Halbsolistin Veronika Verterich bedeutet diese Aufgabe großes Vertrauen in ihr gesamtheitliches Können, während Sinéad Brodd aus dem Corps de ballet trotz selbstbewusstem Auftreten verständlicherweise noch mit Abstrichen an kontinuierlicher Haltung zu kämpfen hat.

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Initialen: traumverloren bis in die Hebungen: Alicia Amatriain und Friedemann Vogel. Copyright: Stuttgarter Ballett

Crankos Vermächtniswerk für seine vier (fünf) zentralen Tanz-Persönlichkeiten „INITIALEN R.B.M.E.“ zu Brahms 2.Klavierkonzert verliert zwar mit zunehmendem Abstand zu deren Wirken ihre ursprüngliche Aussagekraft, bleibt aber in der Herausforderung ihrer technisch verschieden artig beleuchteten Sätze sowie der meisterhaften choreographischen Anlage aus teilweise kunstvoll miteinander verknüpften Soli und Ensemble-Einsätzen ein dauerhaftes Meisterwerk.

Die Liebe, mit der er generell an seinen Schöpfungen gearbeitet hat, leuchtet ungeachtet der jeweiligen qualitativen Umsetzung unverändert daraus hervor. Vor Jürgen Roses pastellfarbenen, chinesisch anmutenden Bühnenhintergrund-Aquarellen, deren Ornamente sich in den gleichfarbig dominierten Trikots wiederfinden, entfaltet sich dieses allerseits fordernde Stück zu einem lebendigen Gemälde, an dessen Ende die vier Solisten eng verbunden an der Rampe stehen und hoffnungsvoll in Richtung der linken Proszeniumsloge  blicken, dort wo Cranko damals seinen Platz hatte.

Für Richard Craguns sagenhafte Sprungtechnik wirft sich Adhonay Soares Da Silva mit einer verblüffenden Leichtigkeit in die anspruchsvollen Kombinationen aus ganzen Ketten von Sprüngen und Drehungen, vielleicht sogar noch präziser und formvollendeter (wohin sich die Technik bis heute generell immens weiter entwickelt hat), dafür etwas an der Oberfläche rein strahlender Präsentationsfreude bleibend. Altersbedingt kann sich da noch einiges vertiefen. Elisa Badenes schlüpft mit perfekter Balance der sprühenden Eleganz des Allegro appassionato entsprechendem musikalischem Funkeln in die Hommage an Birgit Keils berwundernswert ausgeglichene Körperlinien. Alicia Amatriain wandelt im romantisch trunkenen Andante wie weltverloren auf den Spuren von Marcia Haydées gepriesener Einfühlsamkeit, erzielt in den elegischen Linien der Arme und leichtem Schweben bis hin zu den vielen kleinen Trippelschritten ein unaufhörliches Fließen und Strömen. Bemerkenswert ist auch, dass sie in diese Abstraktion mehr Seele hinein zu legen vermag als in so manche Handlungs-Charaktere. Pas de deux-gerecht unterstützt wird sie vom gleichfalls musikalisch erfüllten, auch in den hohen Hebungen ideal ausbalancierten Einsatz von Friedemann Vogel (dem einstigen Part von Heinz Clauss). Im allegretto-Kehraus demonstriert Habsolist Moacir De Oliveira vor allem flinke Beinarbeit und gute Laune, die aus der hier mit leichter Hand rondo-artig entwickelten Musik hervorgeht. Eine spielerischere Verquickung des choreographischen Übermuts mit der Brillanz eines lyrischen Komödianten wie es der Widmungsträger Egon Madsen war, wird sich sicher in der Zukunft noch einstellen. An Ausstrahlung fehlt es dem Brasilianer jedenfalls nicht.

Weitere eingebundene Solisten des Ensembles wie Angelina Zuccarini, David Moore oder abermals Hyo Jung Kang, Jason Reilly und Marti Fernandez Paixa, aber auch die wiederum gute Figur machende Veronika Verterich und die liebreizende Jessica Fyfe knüpften an das Niveau der neuen Initialen an. Das Corps de ballet fiel dagegen nach seiner so guten Form in den „Schwanensees“ im Dezember zurück in eine z.T. unkoordiniert wirkende Verfassung, in der Gruppensequenzen deutliche Mängel an synchronen Einsätzen aufweisen. Dies wäre für die weiteren Vorstellungen noch erheblich zu optimieren, um das Gesamtbild niveaugleich zu runden.

Andrej Jussow spielte den Klavierpart mit sowohl großem wie auch sensiblem Ton, den das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle  klanglich in den Tuttis leider immer wieder grob umrankte anstatt miteinander zu verschmelzen. Aber wahrscheinlich lassen sich diesbezügliche Abmischungen und eine detailgenauere Einstudierung bei der Begleitung eines Balletts wohl kaum in Konzert-Qualität verwirklichen.

Udo Klebes  

 

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