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STUTTGART/ Wilhelma-Theater: VIVA LA MAMMA von G. Donizetti. Die Probe ufert aus

10.02.2018 | Oper

Wilhelma Theater - Viva_la_mamma (C. Kalscheuer) 2
Copyright: C. Kalscheuer

Gaetano Donizettis „Viva La Mamma!“ im Wilhelmatheater Stuttgart

DIE PROBE UFERT AUS

Donizettis komische Oper „Viva La Mamma!“ mit der Opernschule der Musikhochschule am 10.2.2018 im Wilhelmatheater/STUTTGART

Eine witzige Bearbeitung und Version von Donizettis satirischer Oper „Viva La Mamma!“ bietet die Opernschule der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart zusammen mit dem Stuttgarter Kammerorchester unter der temperamentvollen Leitung von Bernhard Epstein. Der Regisseur Hendrik Müller und der Dirigent Bernhard Epstein vermischen Kompositionsmaterial von Gaetano Donizetti geschickt mit den bekannten Ostinato- und Crescendo-Rhythmen von Gioacchino Rossini. Die Handlung lässt die Zuschauer hier teilhaben an der Probenarbeit zur fiktiven heroischen Oper „Romolo ed Ersilia“. Jeder Sänger, Komponist, Dichter und Agent verfolgt dabei natürlich eifrig seine eigenen Interessen. Die Ausstattung von Marc Weeger zeigt einen grün-schwarzen Bühnenraum. Und die Darsteller haben Mäuseschwänze, werden ständig von einer großen Katze verfolgt, deren Kopf aus dem Hintergrund mächtig hervorragt. Außerdem hört man wiederholt heftige Kampfgeräusche im Hintergrund. Und man sieht das Ehepaar beim Liebesspiel hinter Vorhängen, die rasch zugezogen werden. „Es lebe die Callas, Netrebko und Bartoli!“ kann man in Leuchtschrift lesen. Große Buchstaben auf der Bühne werden einfach zerlegt.

Der erste Teil dieses amüsanten Stücks zeigt ein frühes Probenstadium, in dem die Komposition nicht vollendet und das Stück nur sehr partiell einstudiert ist. Alle tragen ihre Ringkämpfe und Eifersüchteleien aus. Der zweite Teil spielt dann im Zentrum der Schlussproben, wo kräftig die Post abgeht. Der Künstler kämpft hier verzweifelt mit der Materie. Fazit: Es kommt letztendlich zu keiner Aufführung von „Romolo ed Ersilia“. Alle schreien: „Nichts wie weg!“ Man erschießt und ersticht sich, fällt einfach leblos um. Wie lange ist den Künstlern ihre Arbeit noch erlaubt? Diese Frage wird ganz automatisch gestellt. Und die Musik zitiert neben Ludwig van Beethovens „Pathetique“-Klaviersonate Rossinis berühmtes „Katzenduett“ mit Sequenzen aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“, Giacomo Puccinis „La Boheme“ und Richard Strauss‘ „Salome“. Außerdem erklingen Passagen aus Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Don Giovanni“. Man vernimmt auch Klänge von Giuseppe Verdi. Ein Fest für die Ohren.

Zwischen Glissando- und Staccato-Effekten erklingen immer wieder feine Pizzicato-Bewegungen der Streicher, die sich intensivieren. Lara Sophie Scheffler besticht als Primadonna Daria Garbinati mit explosiven Koloraturen, während Emanuel Fluck als ihr stets echauffierter Ehemann mit reizvollen Kantilenen ringt. Alles glüht in sprühender Buffolaune, die sich ständig steigert. Parodistische Belcanto-Arien würzen diese Darbietung in reichem Maße, wobei das Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung von Bernhard Epstein mit viel Verve und Grandezza musiziert. Hyperromantische Szenen werden mit reichem melodischem Zauber angereichert, den die anderen Sängerinnen und Sänger weiter beflügeln. Ho-Young Yang als Luigia Castragatti („seconda donna“), Timoleon Sirlantzis als bravouröse Mutter Agata, Koral Güvener als bestechender Tenor Guglielmo Hollemand und Anna-Katharina Hilpert als Kastrat und innere Stimme zeigen viel Seele und Herz für ihre alles andere als leichten Rollen. Gesangliche Wärme und Ausdruckskraft dominieren auch bei Mathias Tönges als Maestro Biscroma Strappaviscere, Arthur Cangucu als „Poeta“ Don Cesare Salsapariglia, Konstantin Krimmel als Impresario Scappavia und Robin Neck als Direttore del palco scenico.

Glutvolle Klangfarben vermehren sich im harmonischen Orchesterbett, das unter der Leitung von Bernhard Epstein aber auch seine Durchsichtigkeit bewahrt. Dennoch ist der Nervenzusammenbruch der „Primadonna assoluta“ nicht zu verhindern. Rhythmische Pikanterie reichert den Stil der französischen Opera comique hier reizvoll an. Das Ensemble gefällt mit durchsichtiger Diktion. Diese 1827 in Neapel uraufgeführte Oper wirft einen verschmitzten Blick hinter die intrigantenreichen Kulissen des vielschichtigen Theaterbetriebs. Für die Sängerriege, Dirigent und Orchester (mitsamt den Studierenden der Bläser- und Schlagzeugklassen der Musikhochschule Stuttgart) gab es tosenden Schlussapplaus.

Alexander Walther