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STUTTGART/ Wilhelma-Theater: Schuberts WINTERREISE mit der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie

26.02.2022 | Konzert/Liederabende

Franz Schuberts „Winterreise“ mit der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie im Wilhelma-Theater am 25.2.2022/STUTTGART

Ein eigentümlicher Zauber

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Juliane Banse. Copyright: Susie Knoll

Juliane Banse (Sopran), Istvan Simon (Tanz) und Alexander Krichel (Klavier) gestalteten gemeinsam eine ungewöhnlich suggestive Version von Franz Schuberts berühmtem Liedzyklus „Die Winterreise“ in der ausdrucksvollen Choreografie von Andreas Heise. Die Thematik des Liebeskummers kam auch bei dieser Darbietung voll zum Vorschein. Die Texte Wilhelm Müllers sind auch heute noch in emotionaler Hinsicht sehr gut nachvollziehbar. Und die politische und gesellschaftliche Aktualität dieser Lieder zeigte sich bei der klangfarbenreichen Interpretation der versierten Sopranistin Juliane Banse immer wieder in großartiger Weise. Auch Schubert war zu seiner Zeit in Wien politisch aktiv. Das Motto „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh‘ ich wieder aus“ erhielt starke Wirkungskraft.

Schon die ersten Lieder „Gute Nacht“, „Die Wetterfahne“ und „Gefrorne Tränen“ beeindruckten aufgrund der romantischen Unendlichkeit der Klangwelt, die in reichen Melodien zum Vorschein kam. Juliane Banse gelang es vorzüglich, die harmonischen Schönheiten auch bei den weiteren Liedern „Erstarrung“, „Der Lindenbaum“, „Wasserflut“, „Auf dem Flusse“, „Rückblick“ und „Irrlicht“ eindrucksvoll zu Gehör zu bringen. Der Wille, die Erinnerung an eine ehemalige Geliebte zu vergessen, trat bei „Erstarrung“ grell hervor. Und auch die tiefe Verzweiflung von „Die Nebensonnen“ war sehr berührend. Istvan Simon gelang es mit seiner magischen tänzerischen Darbietung ausgezeichnet, die rhythmischen Besonderheiten dieses Liedzyklus‘ nachzuzeichnen.  Die dunkle Seite der Seele wurde hier auch körperlich über eine Stunde lang erforscht. Das Abtauchen in eine düstere Welt brachte aber auch hoffnungsvolle Momente mit ins Spiel, wenn Juliane Banse und Istvan Simon in einem figurativen Paartanz den geheimnisvollen Medianten und Parallelen in Schuberts Musik ganz auf den Grund gingen. Da gewann „Der Leiermann“ plötzlich ganz neue Dimensionen. Weitere Lieder wie „Einsamkeit“, „Die Post“, „Der greise Kopf“, „Die Krähe“ oder „Letzte Hoffnung“ eröffneten dabei auch metaphysische Dimensionen. 

Die Sopranistin Juliane Banse zeigte dabei immer wieder starken gesanglichen Klangfarbenreichtum mit sonorer, ausdrucksvoller Tiefe. Samtweich strömten die Kantilenen heran, es störte nirgends ungebührliche Schärfe. Die Terzverwandtschaften gaben den einzelnen Nummern etwas Schwebendes und Schweifendes. Und dem einfühlsamen  Pianisten Alexander Krichel glückten wiederholt eindringliche Momente des Innehaltens und des Verweilens an poetischen Sequenzen. Davon profitierten dann auch die letzten Lieder „Der stürmische Morgen“, „Täuschung“, „Der Wegweiser“, „Das Wirtshaus“ oder „Mut“. Die erweiterte Epilog deckte Einsamkeit und Verzweiflung im eindringlichen Zusammenspiel von Tanz, Rhythmik und Musik immer wieder neu auf. Und Juliane Banse schwankte dabei zwischen einzelnen Gefühlsmomenten  hin und her, wahrte aber stets die Balance. Und so blieb auch das harmonische Geschehen stets im Gleichgewicht. Der eigentümliche und geheimnisvolle Zauber von Schuberts Musik konnte sich voll entfalten.

Alexander Walther

 

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