STUTTGART: „Philoktet“ beim Festival „Eclat“ im Theaterhaus Stuttgart am 2.2.2023
Dramatische Verdichtung

Samir Odeh-Tamini. Copyright: Festival Eclat
Dieses Musiktheater von Samir Odeh-Tamimi (geboren 1970 bei Tel-Aviv) nach Dramen von Sophokles, Heiner Müller und Andre Gide (Ko-Regie: Rosabel Huguet) bringt die Handlung dieses Dramas auf den Punkt. Bei Andre Gide ist Philoktet im Gegensatz zur Version des Sophokles eher ein ruhiger Dulder. Philoktet, ein angesehener Krieger im Gefolge des Odysseus, wird auf dem Weg zur Eroberung Trojas durch einen Schlangenbiss zum Problem im Heer. Deswegen setzen ihn seine Kameraden auf der einsamen Insel Lemnos aus. Nach zehn erfolglosen Jahren im Kampf um Troja erinnern sich die griechischen Krieger wieder an Philoktet und seine von Herakles geerbte „Wunderwaffe“, einen Bogen mit Pfeil. Weil Philoktet aufgrund seiner Verbannung tief verletzt ist, hat er sich geschworen, nie wieder für die Griechen zu kämpfen. Da erreichen Odysseus und Neoptolemos erneut die Insel Lemnos und wollen Philoktet wieder für den Krieg gegen Troja gewinnen. Die Situation spitzt sich immer mehr zu. Durch Lügen erschleicht sich Neoptolemos das Vertrauen von Philoktet. Arglos lädt Philoktet diesen in seine Höhle ein und überlässt ihm seine Waffe. Neoptolemos möchte Philoktet nun die Wahrheit sagen und gesteht Philoktet den geplanten Betrug. Odysseus erscheint und verlangt die Waffe – der zutiefst enttäuschte Philoktet bleibt verbittert zurück. Als er schließlich mit dem Bogen auf seine Feinde zielen will, wird er erdolcht.

Philoktet. Foto: Wikipedia
Müllers radikale DDR-Version hat hier gesiegt. Er schrieb das Stück zur Zeit des Mauerbaus. Das Erscheinen des Herakles als „deus ex machina“ fehlt. Philoktet kann von der Insel seiner Schmerzen nicht im positiven Sinne Abschied nehmen. Man kann darüber streiten, ob eine andere Version nicht sinnvoller gewesen wäre. Das Stück wird von Samir Odeh-Tamimi und Rosabel Huguet als Tableau Vivant inszeniert. Unterschiedliche menschliche Zustände werden so plastisch verdeutlicht. Die Insekten spielen dabei eine große Rolle – man vernimmt immer wieder geheimnisvolles Grillenzirpen. Mit raffinierter Elektronik und Videoprojektion taucht der Zuschauer immer tiefer in die faszinierende griechische Welt ein. Oft herrscht unheimliche Dunkelheit. Momente der Gefahr werden dabei mit Donnergrollen assoziiert, Harfenklänge schaffen eine sphärenhafte Aura. Man denkt an die Sirenen in den Sagen des Odysseus. In den griechischen Text des Sophokles sind Passagen aus den Dramen von Andre Gide und Heiner Müller eingewoben, die eine unterschiedliche Sichtweise auf das Geschehen haben. Die psychologische Betrachtung sowie die Momente der Verletzung und Zurückweisung stehen im Vordergrund. Eine Gesellschaft wird im Grunde genommen scharf kritisiert, die immer nur Pflichterfüllung fordert.
Die Musiker des Zafraan Ensembles stehen hier auch auf der Bühne. Sie sind das Alter Ego der Protagonisten. Tremolo-Passagen der Streicher und die Staccato-Attacken des Schlagzeugs beherrschen die Szene. Daniel Gloger überzeugt in der Rolle des Philoktet als expressiv deklamierender Countertenor. Auch Martin Nagy (Tenor) kann der Figur des Neoptolemos scharfes Profil geben. Chromatische Linien beherrschen hier sehr stark den Kompositionsprozess. Sie unterstreichen das eigene Elend, den Gestank, das Ausgestoßensein, die Verletzung und Zurückweisung. Andreas Fischer agiert als Odysseus mit markantem Bass. Guillermo Anzorena (Bariton) fesselt als Eindringling. Der Griechische Chor mit Johanna Vargas (Sopran), Susanne Leitz-Lorey (Sopran) und Truike van der Poel (Mezzosopran) lässt das harmonische Geschehen in feinen dynamischen Abstufungen Revue passieren. Daniel Eichholz (Schlagzeug), Anna Viechtl (Harfe), Clemens Hund-Göschel (Klavier), Emmanuelle Bernard (Violine), Josa Gerhard (Viola), Zoe Cartier (Violoncello) sowie Beltane Ruiz Molina (Kontrabass) erzeugen unter der Klangregie von Andrei Cucu (Elektronik) eine reizvolle Collage unterschiedlichster Tonflächen und Stilrichtungen. Suggestive Glissando-Sequenzen ergänzen diesen mit wenig Instrumenten erzeugten machtvollen Klangapparat (Libretto: Claudia Perez Inesta).
Starker Schlussapplaus und „Bravo“-Rufe.
Alexander Walther

