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STUTTGART/Theaterhaus: PERSONNE ODER FRÄULEIN IRGENDWER. Cineastische Tanzinstallation von Eva Baumann

23.09.2021 | Ballett/Tanz

Stuttgart „Personne oder Fräulein Irgendwer“ im Theaterhaus am 22. 9. 2021/STUTTGART 

Ein tiefer Blick in den Spiegel

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Eva Baumann. Copyright: Daniela Wolf

Eva Baumann erkundet bei ihrer Social-Media-Performance „Personne oder Fräulein Irgendwer“ den komplizierten Prozess der Selbstbeobachtung. Behilflich sind ihr hier zahlreiche Spiegel, die im Raum stehen und in unterschiedlichster Weise in diesen konzentrierten Blickwinkel eingebunden werden. Momente der Selbstbestätigung und Selbstentfremdung sind ihr dabei ebenfalls behilflich. Der gefilmte Blick in die Kamera spielt hier eine große Rolle, wenn Eva Baumann in den verschiedenartigen Positionen den Raum erkundet. Dabei werden die Möglichkeiten der choreografischen Montage in facettenreicher Weise beleuchtet. Im Lichtkegel ist die Tänzerin zudem deutlich sichtbar – und das Publikum kann sich auf Kartons und Stühlen zum Sitzen niederlassen. Eva Baumann balanciert in virtuoser Weise mit diesen Spiegeln, die die Wirklichkeit zu reflektieren scheinen. Die gespiegelten Räume zeigen so Illusion und Realität, Privates, Öffentliches. Das Publikum in diesem Raum wird dabei Teil dieser Durational Performance. Der tiefe Blick in den Spiegel macht die Zuschauer aber teilweise  auch zu voyeuristischen Beobachtern. In der Kamera erkennt man ebenso Häuserfassaden und ein Wohnzimmerambiente sowie eine Küche. Wie in einem riesigen Mosaik wachsen die Bewegungen hier zu einer komplexen Einheit zusammen, so entsteht ein entwaffnendes Rollenspiel mit elektrisierender Wirkungskraft. 

Ein wichtiges Element ist bei dieser ungewöhnlichen Tanzinstallation aber auch die elektronische Musik von Roderik Vanderstraeten, deren Synthsizer-Effekte eine starke Sogwirkung besitzen, die die Tänzerin bei ihrem suggestiven Bewegungsmarathon beeinflussen. Man kann so das Geschehen als aufmerksamer Zuschauer aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten. Es bleibt auch Platz für Träume oder aufregende visuelle Vermutungen. Langweilig wird es dem Betrachter hier glücklicherweise nie. Die Videosequenzen werden auf einen doppelseitigen Bildschirm in der Raummitte projiziert. So entsteht auch eine Differenz zwischen Ich und Wunschbild mit multiplen Perspektiven. Diese cineastische Tanzinstallation bringt das Innere des Seelenlebens als Wahrheit zum Ausdruck. 

Alexander Walther

 

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