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STUTTGART/ Theaterhaus: Gauthier Dance NIJINSKI – ein dunkles Etwas namens Wahnsinn

23.06.2016 | Ballett/Tanz

Theaterhaus Stuttgart: Gauthier Dance

„NIJINSKI“ 22.6.2016 (Uraufführung 17.6.) – Ein dunkles Etwas namens Wahnsinn

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Erwachen sexueller Begierden:  Rosario Guerra (Nijinski) und Luke Prunty (Isajef). Copyright: Regina Brocke

Da soll noch einer sagen, Stuttgarts erfolgreiche alternative Tanz-Compagnie stehe vor allem für die Unterhaltung, um ein anderes, neues Publikum für den Bühnentanz zu gewinnen. Immer wieder gab es nachdenklichere tiefgründigere Programmpunkte, aber mit dem jetzt erfolgten abendfüllenden Einzug von Stuttgarts Hauschoreograph Marco Goecke im Theaterhaus am Pragsattel ist erst einmal Schluss mit lustig. Wer jedoch befürchtet hatte, dass Eric Gauthier seinem Publikum mit diesem Auftragswerk ein Zuviel an erforderlicher Konzentration für pausenlose knappe 90 Minuten zumuten würde, sah sich angenehm überrascht über die minutenlangen von Trampeln begleiteten Bravo-Chöre, die dem Ensemble auch nach dieser Folgevorstellung entgegenschlugen. Angesichts so mancher im Vergleich weniger offensiv gezeigter Begeisterung bei Aufführungen des Stuttgarter Balletts, stellt sich doch die Frage, ob das feierlichere Staatsopern-Ambiente für so manchen Besucher nicht auch Schranken der Zurückhaltung auferlegt.

Nun, es zeigt ganz klar, dass Goeckes spezielle und unverkennbare Tanzsprache in Stuttgart soweit etabliert ist und diese Auseinandersetzung mit der Tanz- und Choreographie-Legende Waslaw Nijinsky als künstlerische Leistung angekommen ist und überzeugt hat. Dabei macht er es den Zuschauern nicht so leicht wie der große Kollege John Neumeier mit seiner weitgreifenderen, realistisch konkreteren Dramaturgie. Eine Gliederung in drei Teile mit jeweils drei Szenen hilft jedoch die einzelnen Details zuzuordnen, auch die ausgewählten, das Stück dominierenden beiden Klavierkonzerte von Chopin erleichtern in ihrer poetischen Grundhaltung die vielen dunkel lastigen Aspekte der Choreographie, ohne ihr deshalb die Tiefe zu nehmen. Bevor Nijinski selbst ins Spiel kommt, wird das Entstehen einer künstlerischen Kraft, die Erahnung einer Erneuerung in der Kunstwelt gezeigt, danach deren Wachküssung durch Terpsichore, die Muse des Tanzes, in dem sie ihr den göttlichen Atem einhaucht und eine gegenseitige Inspiration durch zitternden Körperkontakt erfolgt. Der nächste Schritt ist die Einführung des bedeutenden Impresario Sergej Diaghilew, der ebenfalls den Funken von Terpsichore erhält und dadurch zu seiner hohen Intuition gelangt, mehrere Kunstformen befruchtend zusammen zu führen.

Nijinski tritt zunächst mit seiner umsorgenden und fördernden Mutter in Erscheinung, ehe er zur Ausbildung in St. Petersburg Abschied von ihr nehmen muss. Dort offenbart sich sein besonderes Talent und erwachen seine sexuellen Gefühle. Die nächste Station ist das Entstehen der berühmten Ballets Russes, eine Affäre mit Freund Isajef sowie die gegenseitige Hin- und Abneigung zwischen ihm und Diaghilew. Alles kulminiert in Nijinskis berühmtem Faun zu Debussys Meisterwerk, das etwa zur Hälfte vom Band zugeschaltet wird.

Die Jahre seiner Höhepunkte bedeuten neben Ruhm auch hohe Abhängigkeit von Diaghilew. Seine Heirat mit Romola führt zum Bruch mit dem mächtigen Impresario. Zusehends wird Nijinski von dunklen Mächten gefangen, er zieht sich in sein Inneres zurück. Dem Aufsuchen eines Arztes folgen Zeichen des Wahnsinns und unbeherrschte Wutausbrüche. Als letzte Aktivität zeichnet er überall unzählige Kreise, es sind die letzten kreativen Zeichen, die von ihm übrig bleiben.

All das fängt Goecke auf seine ganz spartanische, auf die Tänzer-Körper konzentrierte Weise ein, der Sessel aus der Episode „le spectre de la rose“ ist das einzige Requisit auf der hellen quadratischen Tanzfläche vor einem Portrait Nijinskis. Zu den üblichen schwarzen Hosen und freien Oberkörpern, die das Plastische des flatterhaften Idioms unterstützen, hat Michaela Springer  einige andeutende Kostümhilfen gegeben: ein Pelzmantel für Diaghilew, eine blaue Bluse für die Mutter, eine rote für die Ehefrau, der berühmt gewordene weiße Kragen Petruschkas, wie ein Geschoß auf die Bühne fallende Rosenblätter – das wars.

Durch den phasenweisen Ansatz von Sprüngen, die zumindest auf eine der beiden herausragenden Eigenschaften Nijinskis hinweisen, bekommt Goeckes Gesamtbild eine erweiterte Dynamik. Die positive tänzerische Kraft findet darin ebenso ihren Raum wie der Rückzug ins Introvertierte, in eine Scheinwelt aus Wahnsinn, in dem seine getanzten Figuren und die Realität durcheinander geraten, sich vermischen. Beim Arzt fällt er in seine Partie des Narziss und spiegelt sich in ihm, er schlüpft in jenen Geist der Rose, der einer schlafenden Frau erschienen war. Ganz am Schluss ist er isoliert in seine Verwirrung, aus der ihm nur das erwähnte Kreiszeichnen etwas Abschwächung verschafft.

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Der Impresario und die Muse: David Rodriguez und Garazi Perez Oloriz. Copyright: Regina Brocke

In der Titelrolle offenbart sich der mehr und mehr zum männlichen Zugpferd des Ensembles entwickelnde Rosario Guerra als charismatisch geschmeidiger Tänzer und ohne jegliche Aufgesetztheit expressiv eindringlicher Schauspieler. Im einen Moment gelöst, dann wieder voller innerer Spannung, führt er durch ein in den Bann ziehendes Wechselbad.

David Rodriguez gibt Diaghilew die passend bestimmende, von Ruhm und Gier gezeichnete Persönlichkeit, Garazi Perez Oloriz bringt als Terpsichore den Hauch des besonderen Funken ins Spiel, Anna Süheyla Harms zeigt als  Unheimliches Etwas, einem Wesen der Verdunkelung, magisch beeinflussende Präsenz, Luke Prunty steuert als Isajef viel körperliche Einfühlsamkeit bei, Alessandra La Bella ruht als liebevolle Mutter Matka in sich, Maria Prat Balasch ist als Romola kurz, aber deutlich auf dem Posten, ebenso Alessio Marchini als Arzt. Das restliche Ensemble ist immer wieder in kleineren Formationen im Umfeld der Ballettakademie und der Ballets Russes fließend integriert.

Mit dem überwiegend schnellen Tempo mäandernder Gliedmaßen kommt die kleine Compagnie so selbstverständlich zurecht, als wäre dieser Stil ihr ureigenstes Metier.

Marco Goecke hat nicht nur ein ganz verändertes Licht auf Nijinski geworfen, er hat parallel dazu auch ein Stück seines eigenen Künstlertums einfließen und sich gegenseitig spiegeln lassen. Und so halten sich Faszination und Betroffenheit am Ende die Waage.

 Udo Klebes    

 

 

 

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