Stuttgart: Gauthier Dance
„LUCK / UNLUCK“ 26.06. 2026 (Premiere im Theaterhaus) – Gruppenglück

Beschwörende Gesten in UNLUCK von Hofesh Shechter. Copyright: Jeanette Bak
Während das Stuttgarter Ballett seit Beginn der derzeitigen Intendanz auf Hauschoreographen verzichtet, hat Eric Gauthier für sein inzwischen kaum weniger renommiertes Ensemble gleich drei sogenannte Artists in residence an Land gezogen. Außer Barak Marshall, der für die letzte Premiere ein Stück konzipierte, sind es die führenden Modern Dance Vertreter ihrer Herkunftsländer, Aszure Barton aus Kanada und Hofesh Shechter aus Israel, die das aktuellste Programm mit Auftragsarbeiten zum Titel gebenden Thema „Glück / Unglück“ bestimmen. In seinem Vorwort bezeichnet Gauthier es als besonderes Glück, die beiden Tanzschöpfer fix für Stuttgart gewonnen zu haben. Indes ist der umtriebig charmante Compagnieleiter generell durch seine erfolgreiche und beständig neue Publikumsschichten erobernde Arbeit ein Glückspilz. Vor den beiden Uraufführungen begrüßte er in den Zuschauerreihen u.a. keine Geringere als Marcia Haydée, die im nächsten Jahr ihren 90.Geburtstag feiern und wie er bei dieser Gelegenheit verrät, in der kommenden Spielzeit sogar eine Choreographie für Gauthier Dance beisteuern wird. Das Glück bleibt also auf seiner Seite.
Spontan hat Gauthier die Reihenfolge vertauscht und lässt den Abend mit dem Unglück beginnen, wobei sich ja die beiden weit gedehnten und von philosophischer Tragweite bis zum Alltag reichenden Begriffe nicht wirklich trennen lassen und das Eine mit dem Anderen in seiner Gegensätzlichkeit irgendwie verbunden ist. Für Shechter ist persönliches Glück mit täglichen Ritualen, speziell in seiner schöpferischen Arbeit verbunden. Diese mal bewusst außer Acht zu lassen, bedeutet somit das Risiko der Herausforderung des Schicksals. Bedeutet das Unglück? In seiner Choreographie mit dem Untertitel „Any way the wind blows“ versucht er Antworten auf die zutiefst menschlichen Fragen nach der Erklärung unbekannter und unverständlicher Mächte und Zusammenhänge zu finden. Das geschieht bei ihm nicht in solistischen Einzelgängen, sondern von Anfang bis Ende im Verbund einer Gruppe, die sich wohl auch mal teilt oder auseinander strebt, den Sog der Bewegungen letztlich gemeinschaftlich trägt. Einem von akustisch unablässig wummernder Rhythmik angetriebenen unaufhörlichen Sog aus ganzkörperlichen Riten, beschwörenden gestischen Formeln aus Gebetszuständen, stemmenden Fäusten, markierend gestischen Beschwörungen der Hände bis hin zu sprechenden Formen des Mundes. Stillstand gibt es hier keine Sekunde. Die Tänzer in individuellen farblich diversen Gewandungen bis auf einen mit freiem Oberkörper – was angesichts der Hitze dieses Tages allen zu wünschen gewesen wäre – demonstrieren Shechters einerseits weich fließenden, andererseits massiv dramatischen Stil bei allem manchmal augenscheinlichen Chaos mit einer bestechenden Präzision, die die Wirksamkeit der Aufführung noch steigert.

Brillante Gruppen-Wirkung in LUCK von Aszure Barton. Copyright :Jeanette Bak
Für die Ohren genauso penetrant laut, gar noch beständig hämmernder in den Beats, entfaltet sich nach der Pause Aszure Bartons Beitrag „Luck“ in einem ganz auf schwarz-weiß konzentrierten Bühnenraum inklusive der schwarzen Kostüm-Kreationen aus gerafften Hosen, teils am Kragen krinolierten Jacken und Strümpfen. Glückszustände mögen doch anders ausschauen, mag sich da mancher fragen, aber Barton konzentriert die große Reichweite der Thematik ganz auf den Tanz, auf einen im Tempo konstant durchgezogenen Vorwärtsdrang, der keine Zeit zum Atemholen lässt. Hin und wieder gehört einzelnen Tänzern die Bühne, doch auch hier lebt das Geschehen von der Energie der Gruppe, dem Verbundensein, das dem Glück einen Raum bereitet. Leicht und fast lässig demonstrieren sie in Flug- und Auffang-Aktionen, im Halten und Getragensein ein gegenseitiges Grundvertrauen. Zwischen teils grob ausscherenden, teils ganz kongruenten Bewegungsmustern werden erwartungsvolle Blicke nach oben gerichtet. Kommt das Glück doch von einer höheren Macht? Bei aller Komplexität entsteht immer wieder eine Synchronität, die das Glücksgefühl in den Körpern spürbar macht. In den besten Momenten ist das nicht weit von virtuosem Ballett entfernt.
Auch wenn wie gesagt die Last der Darbietung diesmal ganz auf dem gesamten Ensemble lag, haben es doch die Compagnie-Mitglieder, die Gauthier immer ganz individuell nach Persönlichkeiten auswählt, verdient, einzeln genannt zu werden: Rebecca Amoroso, Bruna Andrade, Tuti Cedeno, Andrew Cummings, Karlijn Dedroog, Stefano Gallelli, Garance Goutard Dekeyser, Barbara Melo Freire, Shai Ottolenghi, Luca Pannacci, Alexandra Policaro, Arnau Redorta Ortiz, Sidney Elizabeth Turtschi, Giovanni Visone, Shawn Wu und Shori Yamamoto.
Zweifellos in einem Glückszustand befand sich das Publikum in der gewohnt ausverkauften großen Halle des Theaterhauses. Jubelchöre und größtenteils stehende Ovationen sind mittlerweile Normalität bei Gauthier Dance. Möge es in den Zeiten bröckelnder Subventionen so weiter gehen!
Udo Klebes

