Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/Theaterhaus/ Gauthier Dance Juniors: „RADICAL CLASSICAL“ 30.1. – Klassisch geht auch anders

31.01.2026 | Ballett/Performance

Stuttgart: Gauthier Dance Juniors (Theaterhaus)

„RADICAL CLASSICAL“ 30.1. (Premiere 23.1.) – Klassisch geht auch anders

gau1
LASCILO PERDERE: Unendlicher Zungenkuss – Ashton Benn und Giuseppe Iodice. Copryright: Jeanette Bak

Zeitgenösssische Choreographien zu klassischer Musik sind keine grundlegend neue Erscheinung, aber ein Großteil heutiger Tanzschöpfer greift doch vermehrt zu Unterhaltungsmusik allerlei Art, zu Collagen verschiedener Stilrichtungen oder eigenen Auftrags-Kompositionen. Warum die Kombination klassischer Klänge und moderner Tanzformen kein Paradoxon darstellen muss, hat das dritte Programm der vor zwei Jahren als Ergänzung zur Haupt-Compagnie aufgebauten Junior-Gruppe bewiesen. Bewusst sollte es wie der Titel besagt radikal auf diese Musikrichtung konzentriert sein und damit auch gezielt jungen Tänzern und einem jungen Publikum die Gelegenheit geben, ein für sie weithin unbekanntes musikalisches Terrain kennen zu lernen und dabei hoffentlich festzustellen, dass es dazu keines überwiegend klassisch verankerten Tanzes bedarf.

Als zusätzlicher Appetit-Anreger wird vor jedem der sieben Beiträge ein kurzes Video gezeigt, in dem Sänger, Instrumentalisten, ein Dirigent sowie ein Streichinstrumentenbauer ihr Fach mit Begeisterung erläutern und einen speziellen Bezug zum nachfolgenden Tanzstück herstellen.

Die Auswahl ist so bunt wie die Klassik selbst. Den Auftakt bildet „FRÜHLINGSSTIMMEN“ des  im klassischen Genre sehr vertrauten Andreas Heise, der sieben der acht Juniors (zu den 6 Stammtänzern sind inzwischen noch 2 Praktikanten dazugestoßen) in schwarz glitzernden Tops zu Johann Strauß Sohns berühmtem Walzer in einen Balanceakt zwischen musikalisch inspirierter Leichtigkeit und Süffigkeit, Hingabe an die aufblühende Natur und der Skepsis gegenüber einer heilen Welt schickt. Die Kunst des Choreographen liegt vor allem in der trotz aller Brüche durch teils kantige Strukturen bewahrten fließenden Eleganz, die die Musik nun mal in sich trägt. Und so wirken klassische Akzente und kurze Fragezeichen setzende Elemente fruchtbar ineinander. So beabsichtigt fremdgesteuert die Tänzer gedacht sein mögen, so frisch und augenzwinkernd servieren sie das Stück, das im Mai letzten Jahres in Schwerin uraufgeführt wurde.

gau2
PRÉLUDE À L’APRÈS MIDI D’UN FAUNE: geheimnisvoll – Carolina Fernandes. Copryright: Jeanette Bak

 

Schon lange mit Tanz verbunden ist Claude Debussys „PRÉLUDE À L’APRÈS MIDI D’UN FAUNE“ durch die ikonische Choreographie von Nijinski. Wie frei auslegbar das impressionistische Meisterwerk ist, zeigt die kanadische Tanz-Avantgardistin Marie Chouinard in ihrem Solo für eine Frau, wobei die Praktikantin Carolina Fernandes äußerst konzentriert durchaus auch den Eindruck eines Zwitterwesens zu vermitteln vermag. Auf einer von den Seiten orange/gelb beleuchteten Lichtschneise an der Rampe ertastet das Fabelwesen mit gebogenen Hörnern und Stacheln am Körper im auf und nieder wallenden Nebel  auf engem Raum in knappen, wie suchenden und mit sich selbst ringenden Bewegungen diese mystische Welt auf der Suche nach Liebe. Was es letztendlich erotisch erregt, wenn ein Stück abgebrochenen Horns im Genitalbereich rot aufleuchtet, bleibt dann doch geheimnisvoll wie das ganze Stück. Die gut 30 Jahre alte Kreation dürfte selbst im Schaffen der Choreographin bereits eine Schlüsselfunktion einnehmen.

 

Das mit Abstand am häufigsten in Tanz verwandelte Werk dürfte Ravels Bolero sein. Selbst bei Gauthier Dance ist die nun hier gezeigte Version von Ohad Naharin schon die dritte, wobei diese aber beweist, wie viel das kurios aufgebaute musikalische Werk mit sich machen lässt. Der etwas abgewandelte Titel „B/OLERO“ verrät, dass es uns hier nicht ganz in seiner ursprünglichen kompositorischen Gestalt begegnet, denn Isao Tomitas gekürzte Bearbeitung ertönt durch einen Synthesizer verfremdet in unsteter Präsenz und verebbt vor dem eigentlichen Höhepunkt im Nichts, während die beiden Tänzerinnen Ashton Benn und Naia Dobrota den Rhythmus in weiter flatternden Armen aufrecht erhalten, als ob es nie aufhören würde.

 

Statt des ursprünglich geplanten „Feuervogel“-Pas de deux hat sich der einstige Choreographer in Residence Marco Goecke aufgrund des überraschenden Todes der Theaterhaus-Mitbegründerin und Kostümbildnerin Gudrun Schretzmeier entschlossen ein posthum ihr gewidmetes neues Werk zu kreieren. In sechs Tagen ist nun das Duo „FURIA“ entstanden. Zu einer rhythmisch antreibenden Bearbeitung der Folia-Variationen von Marais und Corelli hat Goecke ein gewohnt aus vielen winzigen schnellen Motionen zusammen gebautes Schauspiel entworfen, mit dem Versuch die Zeit anzuhalten, schnell nach Erreichtem zu haschen und es doch in der Flüchtigkeit zu verlieren. Musikalisch trefflich gespiegelt in der passend ausgewählten Musik des Barock, einer künstlerisch vielfach mit der Flüchtigkeit der Zeit verbundenen Epoche – bemerkenswert transparent und sensibel erfasst von Atticus Dobbie und Mathilde Roberge, die sich damit würdig in eine inzwischen lange Reihe von Goecke-Interpreten einreihen.

 

Einen Rekord hat die derzeitige Choreographin in Residence Aszure Barton bereits 2005 mit ihrem Duo „LASCILO PERDERE“ (damals Teil eines abendfüllenden Tanzstücks für ihre eigene Compagnie AB&A) gebrochen: der längste Zungenkuss in diesem Genre. Wie magisch angezogen von Vivaldis Andante-Counter-Gesangsstück Cum dederit aus dem Psalm Nisi dominus verschlingen sich Giuseppe Iodice und Ashton Benn in einem körperlichen Akt engster Natur, um sich trotz aller Drehungen und Wendungen in einem unendlich scheinenden Zungen-Kontakt zu befinden. Unfassbar wie locker die beiden in dieser Herausforderung bleiben.

 

Wer bisher gedacht hat, dass die durch Michel Fokine als Ikone in die Geschichte eingegangene Gestalt des Sterbenden Schwans nur von einer Frau verkörpert werden kann, wird durch die Präsentation der 2009 entstandenen Fassung „LA MORTE DEL CIGNO“ von Mauro De Candia eines Besseren belehrt. Denn der zwar eher schmächtige, aber doch drahtige Taiwanese Rong Chang gibt dem im Sterben befindlichen Tier mit freiem Oberkörper in einem Lichtkreis zu Saint-Saens betörendem Cello-Solo aus dem „Karneval der Triere“ eine so sensibel berückende Aura, ein Flair fließender Haltung, obwohl hier choreographisch betrachtet ein radikal anderer Ansatz zugrunde liegt, aber vielleicht gerade deshalb so überzeugt und vor allem auch berührt.

gau3
ORCHESTRA OF WOLVES: Komödiantisch skurril – Giuseppe Iodice und Ensemble. Copryright: Jeanette Bak

Als Abschluss wurde zum wiederholten Male Eric Gauthiers Ensemble-Stück „ORCHESTRA OF WOLVES“ revitalisiert und versagte auch jetzt nicht seine Wirkung als funkensprühend komödiantische Beobachtung autoritärer Konflikte, auch wenn manche Wendungen übertrieben wirken. Der erste Satz aus Beethovens populärer Schicksals-Sinfonie reißt allemal Tänzer und Publikum mit und lässt auch bei mehrfach wiederholter Betrachtung staunen, wie der mit Federschwanz und Spitzschnabel als Vogel gekennzeichnete Dirigent auf einem Stufenpodest und die hinter Wolfsmasken verborgenen Musiker versuchen gegenseitig sich durchzusetzen, bis letztere über ihren Leiter herfallen und ihm regelrecht die Federn ausrupfen. In einem solchen Gruppen-Einsatz macht sich das Können der noch ganz jungen Tänzer, zu denen neben den bereits Genannten noch der Praktikant Giuseppe Ferrara gehört, an genauem Zusammenwirken bemerkbar, während in den Soli und Duos ihre individuellen und von Gauthier stets instinktiv ausgewählten Persönlichkeiten zum Tragen kommen.

Kein Wunder, dass auch das neue Programm der Youngsters für ausverkaufte Vorstellungen sorgt, überschwänglichen Jubel auslöst und die acht Nachwuchs-Künstler inzwischen genauso wie die Haupt-Compagnie auf einer Erfolgswelle mit internationalen Gastspielen reiten.

 Udo Klebes

 

Diese Seite drucken